Für einen Öltanker bestimmt Bestellt, aber nicht abgeholt: Der Osnabrücker Steven und die Sueskrise

Von Rainer Lahmann-Lammert

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"60 Tonnen wiegt der wohl", sagt Werner Behrenswerth über den Schiffssteven, der noch heute im Hasepark an die Klöckner-Werke erinnert.  Foto: David Ebener"60 Tonnen wiegt der wohl", sagt Werner Behrenswerth über den Schiffssteven, der noch heute im Hasepark an die Klöckner-Werke erinnert. Foto: David Ebener

Osnabrück. Ein falsches Maß? Da muss Werner Behrenswerth herzhaft lachen. Er ist überzeugt: Der Schiffssteven im Hasepark war kein Fauxpas, sondern Maßarbeit. Aber das Gussteil wurde nicht mehr ausgeliefert, weil inzwischen größere Öltanker gefragt waren. Und das lag wohl auch an der Sueskrise.

Bestellt und nicht abgeholt, das ist die Erklärung, die der 76-jährige Maschinenbauingenieur Werner Behrenswerth für wahrscheinlich hält. Im Raum steht die Frage, warum der knapp zehn Meter hohe Hecksteven vor dem Bürocenter Hasepark nie in ein Schiff eingebaut wurde. Stattdessen zeigten ihn die Klöckner-Werke 1958 auf der Expo in Brüssel und auf verschiedenen Maschinenbauausstellungen, bis er schließlich einen Platz als Denkmal bekam. Ein ehemaliger Stahlwerksmitarbeiter aus dem Verarbeitungsbetrieb hatte gegenüber unserer Redaktion die These vertreten, dass ein Maßfehler der Grund gewesen sei. 

Für die HDW bestimmt

Werner Behrenswerth ist ganz sicher, dass es anders war. Seine Zeit bei Klöckner begann zwar erst 1964, aber als Verantwortlicher in der Qualitätssicherung für den Stahlguss erlebte er hautnah, wie zwei Hecksteven hergestellt wurden. Die waren inzwischen allerdings deutlich größer als das Monument, das damals schon vor dem Verwaltungsgebäude stand. 

Etwas verloren wirkt der mächtige Hecksteven vor dem Bürocenter Hasepark. Vor mehr als 60 Jahren wurde er im Osnabrücker Stahlwerk gefertigt. Foto: David Ebener

Gefertigt wurden die schweren Gussteile für die Howaldtswerke Deutsche Werft AG in Hamburg-Finkenwerder (HDW), in der Wirtschaftswunderzeit die größte Werft Deutschlands. Bei der HDW liefen Großtanker vom Stapel wie die "Tina Onassis", die "AI-Malik Saud AI-Awwal" und die "Esso Bayern". Behrenswerth hat einmal miterlebt, wie ein 300-Meter-Koloss bei ablaufendem Wasser in die Elbe gelassen wurde. "Die hatten Angst, dass er bei Teufelsbrück in die Trossen ging", erinnert er sich. Aber die Sorge war unbegründet.

60 Tonnen schwer

Ein Hecksteven aus dem Osnabrücker Stahlwerk habe etwa drei Monate vom Abguss bis zur Fertigstellung gebraucht, sagt der Maschinenbauingenieur, ein ganzes Heer von Spezialisten sei an dem Prozess beteiligt gewesen. Und wegen seiner üppigen Dimensionen habe das Werkstück in der Waagerechten und nicht etwa in der Vertikalen bearbeitet werden müssen. Kurzum, so der Fachmann für die Qualitätssicherung: "Das war ein Riesenaufwand". Gerade deshalb erstaunt es ja, dass so ein kostbares Bauteil auf dem Trockenen geblieben ist.

Auf verschiedenen Maschinenbau-Ausstellungen wurde der Schiffssteven aus Osnabrück Ende der 50er Jahre gezeigt. Hier ein Foto vom Ausstellungsgelände am Berliner Funkturm. Foto: Museum Industriekultur Osnabrück

Behrenswerth, der die Herstellung des Denkmal-Stevens ja nicht selbst miterlebt hat, weiß aber, dass davon mehrere baugleiche Exemplare das Werk verlassen haben, jedes etwa 60 Tonnen schwer, wie er schätzt. Es waren die Wirtschaftswunderjahre, die Hamburger Werft baute einen Tanker nach dem anderen – und in Osnabrück wurde möglicherweise auf Vorrat produziert. "Es kann sein, dass alle Steven in einer Serie abgegossen und dann bearbeitet wurden", lautet die Theorie des alten Klöcknerianers.

Das Problem der Serie ist allerdings – wie beim Glücksspiel – ihr abruptes Ende. So blieb das Osnabrücker Stahlwerk auf einem Steven sitzen, weil bei der HDW auf einmal größere Tankschiffe auf Kiel gelegt wurden. Behrenswerth glaubt, dass der Schritt zum XL-Maß mit der Sperrung des Sueskanals zusammenhängt. Ab 1956 mussten die Schiffe den Weg über das Kap der guten Hoffnung nehmen. Da war es wirtschaftlicher, größere Tanker auf die lange Reise zu schicken. Daran änderte sich auch nichts, als die Sueskrise schon im Jahr darauf beendet wurde.

Kein Materialfehler

So plausibel das klingt, bleibt ein Rest an Ungewissheit —  und damit die Frage, ob es nicht doch ein falsches Maß gewesen sein könnte. Behrenswerth, der mit den Arbeitsabläufen und den Kontrollinstanzen vertraut war, hält das für unmöglich. Nicht einmal, sondern immer wieder sei jedes Detail überprüft und angepasst worden, weil sich durch den Fertigungsprozess ja immer wieder Veränderungen ergeben hätten. Selbst wenn ein Steven mit leicht verdrehtem Kopf aus der Gussform gekommen sei, habe man das Werkstück noch einmal  warm gemacht und die Abweichungen korrigiert.

Auch ein Materialfehler kann nach Ansicht des Qualitätsprüfers nicht der Grund gewesen sein, das fertige Produkt vor der Inbetriebnahme auszumustern. "Stahlguss hat grundsätzlich Risse", sagt Behrenswerth. Die hätten sie im Werk sauber ausgearbeitet und dann wieder zugeschweißt. Kein Problem für die Haltbarkeit, wie er betont.

Etwa drei Monate lang wurde an so einem Werkstück gearbeitet, erinnert sich Werner Behrenswerth. Foto: David Ebener

Bleibt noch der diagonal durchgeschnittene Fuß, der mit mehr als 30 dicken Schrauben zusammengehalten wird. Auch dafür hat der Ingenieur eine Erklärung: Nur so habe der riesige Bogen aus Gussstahl auf einen Eisenbahnwaggon gepasst. Spätere Schiffssteven hätten sogar aus drei Teilen bestanden. 

Platz für den Propeller

Wer als nautischer Laie vor dem Klöckner-Denkmal steht, könnte meinen, der Propeller hätte sich an der konvexen, also nach außen gewölbten Seite drehen sollen. Doch dahin gehörte der Schiffsrumpf. Werner Behrenswerth verweist auf die durchgehende Kante, an der die Werftarbeiter die 15 Millimeter dicken "Bleche" der Außenhaut angelegt und verschweißt hätten, wenn der Hecksteven seiner Bestimmung gemäß in Hamburg angekommen wäre.

Für die Schiffsschraube war an der konkaven, nach innen gewölbten Rundung Platz. Und zwischen dem Fuß und dem Kopf des großen Stahlbogens sollte das riesige Ruder des Tankers befestigt werden. Aber dazu kam es nicht mehr. Weil mit dem Auftrag für den Steven etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Ob das an Klöckner oder an der HDW gelegen hat, bleibt einstweilen ein Geheimnis. Aber vielleicht findet sich ja noch ein weiterer Zeitzeuge...


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