Einblick ins Rote Haus Wie geschützt sind Prostituierte in Osnabrück?

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Im Roten Haus arbeitet so gut wie keine Frau, weil es ihr Spaß macht, sondern aus finanzieller Not. Foto: Michael GründelIm Roten Haus arbeitet so gut wie keine Frau, weil es ihr Spaß macht, sondern aus finanzieller Not. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Nadja schafft an, und sie macht das nicht aus Spaß, sondern aus Verzweiflung. Die zerbrechliche Rumänin arbeitet im Roten Haus und ist eine der Prostituierten, die durch das neue Prostituiertenschutzgesetz besser geschützt werden sollen – eigentlich. 82 haben sich mittlerweile bei der Stadt angemeldet.

Das Rote Haus am Bahnhof ist das, was man gemeinhin als Laufhaus bezeichnet. Wer eintritt, kann gar nicht anders als geradeaus und dann die Treppe hinaufgehen, immer den Schildern mit der Aufschrift „girl’s“ nach. In den langen Fluren müssen sich die Augen erst einmal an die Dunkelheit gewöhnen. Bei einigen Zimmern stehen die Türen offen: Dort warten Frauen auf Freier. Es ist 15 Uhr und mitten unter der Woche: Da verirrt sich selten einer hierher. Frauenstimmen schallen über den Gang. Worüber sie wohl reden? Die Frauen sprechen Rumänisch und Bulgarisch.

Foto: Michael Gründel

Nadja (Name von der Redaktion geändert) hat sich eine graue Strickjacke eng um den Körper geschlungen und hält sich daran fest. Die 22-jährige mit dem bildhübschen Gesicht ist so dünn, dass sie zu zerbrechen droht. Die Frage, ob sie gerne als Prostituierte arbeitet, muss ihr wie blanker Hohn vorkommen. „Nein, aber muss“, sagt sie in gebrochenem Deutsch. „Ohne das Geld kein Essen, kein Haus.“ Zu Hause in Rumänien lebt ihre Mutter alleine mit ihren drei Schwestern und zwei Brüdern. „Papa ist tot.“

„Die Frauen machen das nicht, weil es denen Spaß macht.“Bernd K., Rotes Haus

Bernd K., der sich im Roten Haus als eine Art Mädchen für alles vorstellt, der die Zimmer an die Frauen vermietet und mit ihnen Behördengänge erledigt, sagt überraschend direkt: „Die Frauen machen das nicht, weil es denen Spaß macht.“ Seit 13 Jahren arbeitet er im Roten Haus. Klar gebe es auch die, die gern als Prostituierte arbeiteten. „Im Moment ist höchstens eine hier“, sagt K., „die ist ein bisschen mannstoll.“

Die meisten kommen wie Nadja immer für ein bis zwei Monate aus ihrer osteuropäischen Heimat, liefern jeden Abend die Zimmermiete ab, die K. mit 40 bis 120 Euro beziffert und arbeiten formal als Selbstständige. Mit dem, was vom Verdienst übrig bleibt, fahren sie wieder nach Hause. Und dann, ein, zwei Monate später, kehren sie zurück nach Deutschland. Es gibt Busunternehmen, die sich auf die Transfers spezialisiert haben. Nadjas Familie hat keine Ahnung, womit die 22-Jährige das Geld verdient. Zu Hause erzählt sie, sie arbeite in einer Fabrik. Stattdessen empfängt sie Freier jeder Altersstufe und Gesellschaftsschicht. „Von 18 bis 80“, sagt Bernd K.

Foto: Michael Gründel

80 Prozent würden aus finanzieller Not im Roten Haus arbeiten wie Nadja. Es ist paradox: Bernd K. weist aktiv auf diese Probleme hin und doch gäbe es das Rote Haus als knallharten Wirtschaftsbetrieb ohne diese Frauen nicht. Die persönlichen Schicksale der Frauen müsse er ausblenden können, sagt er. „Sonst könnte ich denen gar nicht mehr helfen. Wir versuchen, es so angenehm wie möglich zu machen.“

Foto: Michael Gründel

„Achtung Kondompflicht“: Solche Schilder hängen im Treppenhaus. Seit dem 1. Juli 2017 gilt das neue Gesetz, das diese vorschreibt. Viele würden trotzdem fragen, ob sie es auch ohne Kondom macht, sagt Nadja. Akzeptieren es alle, wenn sie auf die Kondompflicht verweist? „Nein“, sagt Nadja. „Müssen die aber“, sagt Bernd K. Nur wie das überprüft werden soll, darauf weiß auch die Stadt als zuständige Ordnungsbehörde keine Antwort. Kontrollen finden statt, allerdings mit dem Fokus aufs Betriebskonzept, die Polizei leistet dabei Amtshilfe und hat ansonsten die Aufgabe, bei Hinweisen auf Menschenhandel, Zuhälterei oder Flatrate-Angeboten zu ermitteln. 

An der Wand in Nadjas Zimmer hängt solch eine Sprechanlage, die als Notrufsystem fungiert. Foto: Michael Gründel

Von dem neuen Prostituiertenschutzgesetz hält Bernd K. herzlich wenig. „Wer beschützt die Mädchen denn?“ Eine Kondompflicht hätten sie schon immer – sprich seit 2005 – im Haus gehabt, ein Notrufsystem, so wie es jetzt neu vorgeschrieben ist, ebenfalls. Auf 13 Bildschirmen in seinem Büro hat er jeden Winkel des Hauses im Blick, im großen Fernseher direkt daneben läuft Sat.1. Die Geschäftsführerin sei gerade dabei, alle Unterlagen für die Anmeldung zu sammeln, sagt K., das Betriebskonzept habe sie schon abgegeben. Auch das ist neuerdings Pflicht, nebst Zuverlässigkeitsprüfung.

Das wohl bekannteste Laufhaus Osnabrücks: Das Rote Haus am Hauptbahnhof. Foto: Michael Gründel

17 Betriebe hätten bislang Anträge abgegeben, sagt Sandra Solf, Leiterin des Fachbereichs Bürger und Ordnung. „Einige waren ganz bereitwillig und schnell, bei anderen muss man mehr Überzeugungsarbeit leisten“, erläutert Jürgen Wiethäuper, Fachdienstleiter Ordnung und Gewerbe. Drei der Stadt bekannte Betriebe hätten sich noch nicht gemeldet.

Auch die Frauen sind verpflichtet, sich anzumelden und eine Bescheinigung mit sich zu führen. In Osnabrück wie in auch sonst in Niedersachsen müssen sie für diesen Ausweis 15 Euro zahlen, in anderen Bundesländern nichts. Mittlerweile hätten sich 82 Prostituierte bei der Stadt angemeldet, sagt Solf. Anzeichen für Menschenhandel habe es dabei bislang noch nicht gegeben, so Wiethäuper. „Aber ich befürchte, dass diejenigen, die in so einer Situation sind, hier als allerletztes ankommen.“

Foto: Michael Gründel

Geschätzt 400 bis 500 Prostituierte leben in Stadt und Landkreis Osnabrück. Weniger als eine Handvoll arbeite auf dem Straßenstrich im Hasepark, so Wiethäuper.

„Das ist alles nur Geldmacherei“, wettert Bernd K über die Bescheinigungspflicht. „Ich muss mit den Mädchen erst zum Gesundheitsamt und dann mit einem Foto zur Stadt.“ Zwei Wochen müsse er oft auf den Termin beim Gesundheitsdienst warten. „Und die Mädchen kommen hier mit keinem Cent in der Tasche an.“ Adresse und Telefonnummer der Ämter hängen in seinem Büro an einer Magnetwand, Kopien der Bescheinigungen und Ausweise der Frauen hat er in einem Ordner abgeheftet. „Wofür der Ausweis gut ist, weiß auch kein Mensch“, so K. „Man sollte bei der Stadt auch mal eine Anlaufstelle schaffen, wo sich die Mädchen Hilfe holen können.“

Keine Beratungsstelle in Osnabrück

In der Tat gibt es keine Beratungsstelle und keinerlei aufsuchende Arbeit speziell für Prostituierte in Osnabrück. Der Verein Solwodi unterhält lediglich eine Schutzwohnung für Opfer von Menschenhandel in Osnabrück und berät schon auch mal, wenn Frauen sich dort melden, ist aber ziemlich unbekannt. „2017 hatten wir 98 Erstkontakte, ein Drittel davon aus Osnabrück“, sagt Martina Niermann, Leiterin von Solwodi Osnabrück. Zusammen mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) hat der Verein voriges Jahr einen Zuschuss bei der Stadt beantragt, um ein Angebot ins Leben zu rufen. Die Ratsfraktionen lehnten das geschlossen ab mit dem Kommentar: „momentan noch keine Erfahrungswerte“.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN