Das Konzept zur Klimaanpassung Wie sich die Stadt Osnabrück gegen Tropennächte wappnen will

Von Rainer Lahmann-Lammert

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Frische Kaltluft strömt aus der Gartlage in Richtung Innenstadt. So trägt der Grüne Finger dazu bei, dass es in den angrenzenden Wohngebieten nicht noch heißer wird. Foto: Google MapsFrische Kaltluft strömt aus der Gartlage in Richtung Innenstadt. So trägt der Grüne Finger dazu bei, dass es in den angrenzenden Wohngebieten nicht noch heißer wird. Foto: Google Maps

Osnabrück. Die Innenstadt wird zum Glutofen, selbst nachts gibt es keine Abkühlung mehr. Und die Durchschnittstemperaturen steigen weiter. Damit das Leben im Stadtzentrum erträglich bleibt, setzt die Stadt auf Grün, Frischluft und Wasser. Aber die Klimaanpassung ist konfliktträchtig und kostet Geld.

Tropennächte, in denen das Thermometer nicht unter 20 Grad sinkt, waren bis 1990 (mit einem Wert von durchschnittlich 0,4 pro Jahr) die Ausnahme in Osnabrück. Seit der Jahrtausendwende registrieren die Klimaforscher eine stetige Zunahme. Bis 2050 werden für das Stadtgebiet 2,7 Tropennächte pro Jahr prognostiziert, bis 2070 sogar 3,4. 

Bedenklich findet Detlef Gerdts, der Leiter des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz, wie sich das Problem im Stadtzentrum verschärft. Nach den derzeitigen Prognosen muss in 50 Jahren mit zehn Tropennächten per anno gerechnet werden. Gesunde Menschen werden das vielleicht als unangenehm, aber nicht bedrohlich empfinden. Aber für alle, die an Herzkreislauferkrankungen leiden oder durch das Alter geschwächt sind, ist das eine dramatische Entwicklung.

Mehr Todesfälle bei Hitze

Nach einer Studie der TU Berlin, die vom Bundesumweltministerium gefördert wurde, besteht ein enger Zusammenhang zwischen Tropennächten und dem Sterberisiko. Statistisch gesehen sollen in Berlin vier bis fünf Prozent der jährlichen Todesfälle auf solche Hitzeereignisse zurückgehen. Osnabrück ist zwar erheblich kleiner als die Bundeshauptstadt, aber im Stadtzentrum kommt es schon jetzt regelmäßig zur Überhitzung. 

Mehr Tropennächte wird der Klimawandel Osnabrück bescheren. Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absinkt. In der Innenstadt ist die Belastung heute schon hoch (rosa), die dunkelroten Zonen weisen auf eine Belastung ab 2021 hin, die violetten ab 2041. Grafik: Stadt Osnabrück Mehr Tropennächte wird der Klimawandel Osnabrück bescheren. Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absinkt. In der Innenstadt ist die Belastung heute schon hoch (rosa), die dunkelroten Zonen weisen auf eine Belastung ab 2021 hin, die violetten ab 2041. Grafik: Stadt Osnabrück Mehr Tropennächte wird der Klimawandel Osnabrück bescheren. Das sind Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad absinkt. In der Innenstadt ist die Belastung heute schon hoch (rosa), die dunkelroten Zonen weisen auf eine Belastung ab 2021 hin, die violetten ab 2041. Grafik: Stadt Osnabrück


Die Häuser stehen dicht an dicht, der Boden ist versiegelt, Bäume sind knapp. Dazu kommt die Lage in einem Talkessel. Eine interaktive Karte der Stadt zeigt die bioklimatische Situation für jedes Wohnquartier auf. Mit wenigen Klicks lässt sich auch die potenzielle Belastung durch die Tag- und die Nachthitze ablesen. Der Klimawandel macht nicht nur die Innenstadt zu einem Hochtemperaturreaktor, auch in den hochgradig versiegelten Gewerbegebieten Fledder, Gartlage und Hafen wird es mit jedem zusätzlichen Grad ungemütlicher. Auffallend ist, dass sich die Lage überall dort schon ein wenig entspannt, wo mehr Bäume stehen und die Siedlungsdichte abnimmt.

Nachverdichtung als Problem

Genau da kommt schon das erste Problem zum Vorschein, das der Neuorientierung für ein besseres Stadtklima im Wege steht. Die Stadt hat die Schaffung von Wohnraum zum vorrangigen Ziel erklärt. Doch mit der Ausweisung von Baugrundstücken könnten viele grüne Nischen verloren gehen. Die Nachverdichtung – in den meisten Fällen das Bauen in der zweiten Reihe – gilt zwar als ökologisch unbedenklich. Aber mit jedem Garten, der einem Wohnhaus weicht, verändert sich das Mikroklima an einem Standort. Detlef Gerdts wünscht sich deshalb, dass künftig mehr in die Höhe als in die Breite gebaut wird.


Gründächer können die Folgen des Klimawandels abmildern. Gerade in der Innenstadt sind sie ein probates Mittel gegen die Überhitzung. Foto: Elvira Parton

Sein Fachbereich hat schon im vergangenen Jahr ein Klimaanpassungskonzept vorgelegt, das darauf abzielt, mit einer Vielzahl von Maßnahmen dem Hitzekollaps entgegenzuwirken. Demnächst muss der Rat entscheiden, welche Schritte Priorität haben sollen. Flächen sollen entsiegelt, Höfe begrünt, Parkplätze und Gehwege von Bäumen beschattet werden. Mehr Dachbegrünung, Wasser im öffentlichen Raum, Verbesserung der Luftqualität, die Anlage neuer, auch sehr kleiner Parks und der Schutz von Waldflächen sind wesentliche Elemente des Konzepts. Und wenn es um die Stadtbäume der Zukunft geht, muss sichergestellt sein, dass sie den höheren Temperaturen gewachsen sind.

Frischluft gegen die Hitze

Jennifer Hoeltke hat als Mitarbeiterin des Fachbereichs Umwelt und Klimaschutz maßgeblich an dem Konzept mitgewirkt. Von zentraler Bedeutung ist aus ihrer Sicht die Frischluftversorgung im Stadtgebiet. Wenn sich in den windstillen Tropennächten über Grünflächen im Außenbereich Kaltluftseen bilden, kann diese Frischluft im Idealfall in die überhitzten Wohnviertel abfließen. Allerdings nur, wenn es unterwegs keine Barrieren in Gestalt von Gebäuden oder Bahndämmen gibt. 

Geringer Aufwand, große Wirkung: Fassadenbegrünung hilft punktuell, der Temperaturerhöhung entgegenzuwirken. Foto: Gert Westdörp

Auf die Kaltluftschneisen und die Kaltluftentstehungsgebiete wurde in der Vergangenheit nicht immer Rücksicht genommen. Vor zwei Jahren hat der Fachbereich Umwelt und Klimaschutz detailliert untersuchen lassen, wo es solche Ströme gibt und wo sie sich segensreich auswirken können. Auf der interaktiven Karte lassen etwa Pfeile erkennen, dass frische Luft aus der Gartlage in Richtung Zentrum fließt, wegen einiger Hindernisse aber nur zu einem sehr geringen Teil dort ankommt. 

Längs statt quer

Weil die Erkenntnisse aus dem Klimaanpassungskonzept jetzt auch den Stadtplanern vorliegen, ist Jennifer Hoeltke zuversichtlich, dass bei Neubauprojekten klimagerecht verfahren wird. Manchmal genüge es schon, ein Gebäude längs statt quer aufzustellen oder für eine ausreichende Begrünung zu sorgen. Wenig Handlungsspielraum hat die Stadt allerdings, auf den Bestand einzuwirken. Aber auch das soll möglich sein. So fordert die Stadt Mainz von Hauseigentümern, dass sie Flachdächer in sensiblen Zonen begrünen, wenn eine Erneuerung fällig ist.  

Große Bäume sind noch immer das wirksamste Mittel, die hohen Temperaturen abzuwehren. Der Schlossgarten, Osnabrücks einzige grüne Lunge, ist allerdings recht klein. Foto: Gert Westdörp


In Osnabrück will der Fachbereich Umwelt und Klimaschutz mit zwei Forschungsprojekten Potenziale für die Klimaanpassung ausloten. Dabei geht es vor allem um die Bedeutung der Freiflächen, der Waldgebiete und Grünen Finger. Bislang ist die Finanzierung der beiden Untersuchungen noch nicht gesichert, Fachbereichsleiter Gerdts sieht aber gute Chancen, dass der Bund einen Zuschuss gewährt.


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