Junge Männer für Studie gesucht Uni Osnabrück setzt Forschungen zum Thema Magersucht fort

Von Arne Köhler

Viele junge Frauen achten akribisch auf ihr Gewicht und kontrollieren ständig ihren Bauchumfang. Dahinter kann eine ernsthafte Essstörung stecken. Foto: dpa/Jens KalaeneViele junge Frauen achten akribisch auf ihr Gewicht und kontrollieren ständig ihren Bauchumfang. Dahinter kann eine ernsthafte Essstörung stecken. Foto: dpa/Jens Kalaene

Osnabrück. An Magersucht und Bulimie leiden vor allem Mädchen und Frauen, aber auch junge Männer können eine Essstörung entwickeln. Die Universität Osnabrück berichtet jetzt von den Ergebnissen einer Studie mit weiblichen Teilnehmern – und sucht nach normalgewichtigen jungen Männern, die bereit sind, an einer Folgestudie mitzuwirken.

„Die Essstörungen Anorexia nervosa (Magersucht) und Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) zählen zu den schwerwiegendsten Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter“, heißt es in einer am Mittwoch herausgegeben Uni-Pressemitteilung. Ein Kernsymptom sei die sogenannte Körperbildstörung. Wie dieses gestörte Körperbild bei weiblichen Patienten mit Essstörungen entwickelt und aufrechterhalten wird, sei an der Universität Osnabrück bereits untersucht worden. In einer derzeit laufenden Folgestudie möchte die Hochschule nun auch das Körperbild von Männern näher untersuchen. Geleitet wird das Projekt von Prof. Silja Vocks und Dr. Anika Bauer vom Institut für Psychologie.

Gesucht werden gesunde Männer im Alter von 18 bis 30 Jahren, die einen Body-Mass-Index im Bereich von 21 bis 25 Kilogramm pro Quadratmeter haben, was als Normalgewicht gilt (also zum Beispiel bei 1,80 Meter Körpergröße etwa 65 bis 81 Kilogramm). Die Studie umfasst eine Onlineumfrage, die von zu Hause aus beantwortet werden kann. Ein anderer Teil der Studie findet in einem Universitätsgebäude in Osnabrück statt. Als Dank erhalten Teilnehmer, die beide Teile absolvieren, eine Geldprämie in Höhe von 10 Euro. Interessenten können sich per E-Mail melden.

Gravierende Folgeschäden und hohe Sterblichkeit

Anorexie und Bulimie gehen der Uni-Mitteilung zufolge mit gravierenden körperlichen und psychischen Symptomen und Folgeschäden einher. Anorexie sei Studien zufolge sogar die psychische Störung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Zudem zeige sich, dass Patientinnen in immer jüngerem Alter an Essstörungen erkrankten. „Die Untersuchung potentieller Einflussfaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Essstörungen ist somit von hoher Relevanz, um deren Entwicklung vorzubeugen sowie die – oftmals langwierige – psychotherapeutische Behandlung von Essstörungen zu verbessern“, wird Vocks von der Universität zitiert.

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Die mit den Erkrankungen verbundenen Körperbildstörungen äußerten sich typischerweise durch eine ausgeprägte Unzufriedenheit mit der eigenen äußeren Erscheinung, einem starken Streben nach Schlankheit sowie einer verzerrten Wahrnehmung des eigenen Körpers als „zu dick“ oder „unförmig“. In der von der Schweizer Anorexia-Nervosa-Stiftung und der Stiftung Mercator geförderten Studie hätten Vocks und Bauer die visuelle Verarbeitung des eigenen Körpers bei weiblichen Jugendlichen analysiert. Befragt wurden Patientinnen mit Anorexie und Bulimie sowie gesunde Kontrollprobandinnen.

Blick richtet sich sofort auf vermeintliche „Problemzonen“

Den Probandinnen seien Fotografien des eigenen Körpers am Computerbildschirm präsentiert und ihre spontanen Blickbewegungen aufgezeichnet worden. „Anhand der individuellen Blickbewegungsmuster konnte nachvollzogen werden, wie die Mädchen ihren Körper betrachten, zum Beispiel, ob sie bestimmten Körperbereichen besonders viel oder besonders wenig Aufmerksamkeit widmen“, so Bauer. „Es zeigte sich, dass Jugendliche mit Essstörungen länger auf individuell negativ bewertete Bereiche ihres eigenen Körpers blickten als die gesunden Kontrollprobandinnen, sie also eine besonders defizitorientierte Betrachtungsweise des eigenen Körpers aufweisen und zudem unzufriedener mit ihrem Aussehen waren als die Mädchen ohne Essstörungen.“

Außerdem sei analysiert worden, ob das Blickbewegungsmuster bei weiblichen Jugendlichen und ihren Müttern in einem Zusammenhang steht. Das könne nämlich Hinweise auf die Entwicklung von Körperbildstörungen im familiären Kontext liefern. „Tatsächlich zeigte sich, je weniger wohlwollend die Mütter ihren eigenen Körper betrachteten, desto weniger wohlwollend taten dies auch ihre Töchter“, so die Osnabrücker Wissenschaftlerin. Auch habe sich ein Zusammenhang zwischen den Aufmerksamkeitsmustern der Mütter auf den Körper der Töchter und denen der Töchter auf ihren eigenen Körper gezeigt: „Je stärker die Mütter bei ihren Töchtern auf die negativ bewerteten Körperbereiche blickten, desto mehr fokussierten die Töchter bei sich selbst auch die negativ bewerteten Körperareale.“

Eltern sollten nicht ständig über Schlankheit sprechen

Für die Behandlung der Körperbildstörung bedeuteten diese Befunde, mit den Patientinnen zu trainieren, ihre Aufmerksamkeit gezielt auf positive Aspekte und Attribute des eigenen Körpers zu lenken. „Um zu verhindern, dass das körperliche Erscheinungsbild überhaupt eine derart zentrale Rolle einnimmt, wie es bei Patientinnen mit Essstörungen häufig der Fall ist, sollte dem bereits frühzeitig im familiären Umfeld entgegengewirkt werden – beispielsweise dadurch, dass Kinder nicht vorrangig für ihr Aussehen gelobt werden, sondern eher für positive Charaktereigenschaften.“

Außerdem sollten sich Eltern den Forscherinnen zufolge selbst hinterfragen, welche Botschaften sie hinsichtlich der Bedeutung von Schlankheit und Attraktivität indirekt an ihre Kinder weitergeben – beispielsweise durch häufiges Diäthalten oder Kritik am eigenen Äußeren.


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