Schaden für die Wirtschaft Scharfe Rüge der IHK für Osnabrücker Baustellenmanagement

Von Wilfried Hinrichs

Baustellenschild in der Hansastraße in Osnabrück. Foto: Michael GründelBaustellenschild in der Hansastraße in Osnabrück. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) hat in ungewohnt deutlichen Worten das Baustellenmanagement in Osnabrück gerügt. Es mangele an "weitsichtiger, verkehrsverflüssigender Planung". Staus und längere Fahrtzeiten verursachten unnötig volkswirtschaftlichen Schaden.

Es hatte sich offenbar einiges aufgestaut, bevor Anke Schweda, in der IHK-Geschäftsführung für Standortentwicklung, Innovation und Umwelt zuständig, ihre Stellungnahme in die Welt schickte. "Auch wenn die aktuelle Ferienzeit die Situation auf den Straßen etwas entschärft, sind viele Verkehrsteilnehmer unzufrieden", schreibt Schweda. "Denn auch potenzielle Ausweichstrecken sind durch andere Baustellen beeinträchtigt." Viele Maßnahmen seien "unkoordiniert und optimierbar". Eine "weitsichtige, verkehrsverflüssigende Planung und zügige Baustellenbearbeitung" könnten Abhilfe schaffen. Die IHK-Geschäftsführerin ist überzeugt, dass sich eine "große, schweigende Mehrheit" über die Behinderungen ärgert. "Die Unzufriedenheit ist hoch."

24 Baustellen in der Stadt 

Schweda stützt ihre Kritik auf Gespräche mit Unternehmern, auf eigene Erfahrungen und den Baustellen-Informationsdienst der Stadt im Internet. Die Stadt zeigt auf ihrer Homepage eine Karte mit den aktuellen Baustellen in der Stadt. Aufgeführt sind auch private Bauvorhaben, die den öffentlichen Raum berühren und Folgen für den Verkehr haben. 24 Baustellen sind dort zurzeit gelistet. Eine Auswertung dieser Liste (Stand 17.Juli 2018) habe eine durchschnittliche Dauer der laufenden Baumaßnahmen von 290 Tagen, also neun Monaten und 20 Tagen, ergeben, teilte die Kammer mit. Dabei sei die Langzeitbaustelle am Autobahnknoten A33/B51 zwischen Osnabrück-Schinkel und Belm gar nicht berücksichtigt. (Weiterlesen: Wer entscheidet, wann und wo es Baustellen in Osnabrück gibt?)

Wenn keiner arbeitet

Anke Schweda sind die 290 Tage einfach zu lang. Sie würde sich wünschen, dass die Planer mehr aufs Tempo drücken und Stillstand auf den Baustellen vermeiden. "An vielen Baustellen ist häufig eine aktive Bautätigkeiten nicht erkennbar",schreibt sie.

 Als Beispiel nennt sie im Gespräch mit unserer Redaktion den Knoten Nord, das ist die Baustelle Bramscher Straße/Hansastraße. Die Einmündung wird für die neue Elektrobuslinie optimiert. Der Verkehr rollt dort stadtauswärts einspurig. Schweda sagt, die Bauarbeiten hätten zwischenzeitlich für zwei bis drei Wochen geruht. Sie fordert, die einzelnen Gewerke besser aufeinander abzustimmen, um Stillstand zu vermeiden. Weiteres Beispiel aus der Vergangenheit: Beim Umbau der Kreuzung an der Blankenburg in Hellern waren nach ihren Beobachtungen Spuren gesperrt worden, lange bevor die Arbeiten tatsächlich begannen: "Man muss nicht zwei Wochen vorher die Baustelle einrichten." Auch die Baustelle Knollstraße, die seit Ende 2016 gesperrt ist und erst Ende 2019 wieder befahrbar sein wird, dauert nach ihrem Eindruck zu lang.

Tunnelbau statt Vollsperrung  

Schweda fordert, dass Stadt und Stadtwerke verstärkt auf innovative Bautechniken wie das Tunnelbauverfahren zurückgreifen, um Bauarbeiten zu beschleunigen und Behinderungen auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Sie verweist auf die Lotter Straße, wo die Stadtwerke vor zwölf Jahren einen Tunnel zur Erneuerung des Kanalsystems gruben. Der Verkehr rollte oben fast störungsfrei weiter. Wenn demnächst die Rheiner Landstraße einen neuen Kanal bekommt, sehen die Stadtwerke vom Tunnelbau ab. Begründung: zu teuer. Die Kosten würden sich von 2,5 auf 6 Millionen Euro erhöhen. Auch technische Schwierigkeiten sprächen dagegen, denn die dauerhafte Grundwasserabsenkung könnte zu Trockenschäden an der Vegetation führen. Zweieinhalb Jahre Bauzeit sind an der Rheiner Landstraße zwischen Rückertstraße und Mozartstraße veranschlagt, weitgehend unter Vollsperrung.

Volkswirtschaftlicher Schaden

Schweda hält die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten dagegen, die durch schlechtes Baustellenmanagement, unnötige Staus und Umwege entstehen. Unternehmen, die ihren Sitz im Dunstkreis einer Baustelle haben oder auf Besucherverkehr angewiesen sind, verzeichneten Frequenz- und Umsatzrückgänge. Bei mehrjährigen Baumaßnahmen sei das wirtschaftlich nur schwer zu verkraften. Auch Logistikbetrieben entstünden zusätzliche Kosten durch verspätete Lieferungen und längere Arbeitszeiten der Mitarbeiter. Sie wisse von Handwerksbetrieben, die keine Morgentermine in der Stadt mehr annähmen, weil sie das pünktliche Eintreffen ihrer Monteure beim Kunden nicht garantierten könnten. Schweda: "Darum solle die öffentliche Hand bei der Auftragsvergabe nicht nur auf die Kosten der reinen Baumaßnahme abstellen, sondern auch den gesamtwirtschaftlichen Nutzen einer beschleunigten Baustellenabwicklung berücksichtigen." (Weiterlesen: Worüber sich Autofahrer am meisten aufregen)

Konstruktive Mitarbeit

Die IHK sei bereit, sich konstruktiv in die Verkehrspolitik einzubringen, versicherte Schweda. Deshalb sei Ende 2017 die "Verkehrsallianz" ins Leben gerufen worden. Vertreter von elf Institutionen aus der Region, darunter auch Arbeitgeber und Gewerkschaften, sitzen nach ihren Angaben in dieser Runde zusammen. Ziel sei es, verschiedene Sichtweisen und Interessen in die Diskussion einzubringen. Denn, das lässt Schweda im Gespräch anklingen, manche Entscheidungen gehen ihr in die falsche Richtung. Beispiel: der geplante Kauf einer Radfahrerzählanlage für 38000 Euro. "Das hat keinen Lenkungseffekt. Außerdem es wäre wichtiger zu wissen, wie viele Lkw und wie viele Pendler rein- und rausfahren."

Stadt bereitet Antwort vor

Von Stadt und Stadtwerken war aktuell keine Reaktion auf die IHK-Kritik zu bekommen. Eine gemeinsame  Stellungnahme sei in Arbeit und werde wahrscheinlich am Mittwoch veröffentlicht, sagte Stadtsprecher Gerhard Meyering am Dienstag.






Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN