Osnabrücker Brexit Ein neuer Stadtteil mit Mager- und ohne Kunstrasen

Von Wilfried Hinrichs

Das künftige Landwehrviertel in der ehemaligen Kaserne in Atter. Das Foto entstand am 26.Juni.2018. Im Vordergrund ist die Baustelle der ersten Wohnblocks zu sehen. Erkennbar sind bereits die Straßenzüge und die langgestreckte "Grüne Mitte" im Zentrum. Foto: Gert WestdörpDas künftige Landwehrviertel in der ehemaligen Kaserne in Atter. Das Foto entstand am 26.Juni.2018. Im Vordergrund ist die Baustelle der ersten Wohnblocks zu sehen. Erkennbar sind bereits die Straßenzüge und die langgestreckte "Grüne Mitte" im Zentrum. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Sie hat einen Bombenanschlag und Flugzeugabsturz erlebt. Sie hat seltsamen Magerrasen hervorgebracht und hält die Erinnerung an gefangene Soldaten wach. Die Kaserne an der Landwehr-Straße kann viel erzählen. Jetzt, nach dem Osnabrücker Brexit, erzählt sie die Geschichte vom neuen Wohnen.

Mit 37 Hektar sind die ehemaligen Quebec-Barracks nach der Limberg-Kaserne (75 Hektar) die zweitgrößte Konversionsfläche in Osnabrück. Sie war die erste militärische Liegenschaft, die die britische Kommandantur im August 2008 an die Bundesrepublik Deutschland zurückgab. Offiziers- und Mannschaftsunterkünfte waren gerade erst erneuert worden. Zwei Tennisplätze, eine Turnhalle, ein Kunstrasenplatz: Mit dem Abzug der Briten tat sich auch für den Sport in der Stadt eine Spielwiese auf. (Animierter Blick von oben auf die alte Kaserne)


Die Kaserne 2010. Foto: Klaus Lindemann




Die Kaserne im Juli 2018. Foto: Wilfried Hinrichs


Schon im ersten Perspektivplan Konversion von 2008 sahen Planer und Politiker für diese 37 Hektar vor allem neue Wohnungen vor, gemischt mit "nicht störendem Gewerbe" und Freizeitangeboten. 4,5 Kilometer Luftlinie vom Rathaus entfernt bot sich plötzlich die Chance, einen Stadtteil am Reißbrett zu entwerfen und die Flächen gewinnbringend zu vermarkten. Am Gewinn, das war klar, wollte die Stadt beteiligt sein. Deshalb kaufte auch die Stadtwerke-Tochter Esos GmbH (Energieservice GmbH) die gesamte Fläche.

Zwischen Mager- und Kunstrasen

Doch so schnell ging das alles nicht. Andere Standorte wie die Sahnestücke am Westerberg hatten Priorität in der Bearbeitung. Erst im Februar 2016, acht Jahre nach Übergabe des Schlüssels durch die Briten, verabschiedete der Stadtrat den Bebauungsplan 574 "Landwehrviertel", der den Grundlage für die Vermarktung bildete. Vorangegangen war ein heftiges politisches Tauziehen um Mager- und Kunstrasen, Lärm- und Denkmalschutz. 

Der NDR nutzte zwei Mal (2011 und 2012) die riesige, mindestens fünf Fußballfelder große Rasenfläche für Open-Air-Konzerte. Als zwei, drei Jahre später für die Aufstellung des Bebauungsplans die Ökologie des Gebiets katalogisiert wurde, entdeckten die Experten ein interessantes Phänomen: Genau dort, wo früher die Briten kickten und die Musikfans feierten, hatte sich in den Jahren des Stillstands ein Magerrasen ausgebildet. Und so etwas steht unter Naturschutz.


Der Magerrasen steht unter Naturschutz. Foto: Hinrichs


Die zu bebauende Fläche reduzierte sich dadurch um etwas mehr als einen Hektar. Und dann war da noch der Kunstrasen im Weg, den die Sportvereine gern weiter genutzt hätten. Aber inklusive Lärmschutzzone wären weitere Quadratmeter Wohnbaufläche verloren gegangen und damit auch Einnahmen aus der Vermarktung. Der Stadtrat entschied sich, den Kunstrasenplatz aufzugeben. 

Sportvereine forderten den des Kunstrasenplatzes im Landwehrviertel. Foto: Michael Gründel

Die Kaserne entstand 1937/38  als Ausbildungslager der Wehrmacht unter dem Namen "Lager Eversburg". Ab 1940 diente sie als Kriegsgefangenenlager für Offiziere (Oflag VIC), die vor allem aus dem früheren Jugoslawien kamen. An diesen Teil der Geschichte erinnert Baracke 35, die inzwischen unter Denkmalschutz steht. Der Verein „Antikriegskultur & Friedenshandeln“ wünscht sich dort eine Erinnerungs- und Bildungsstätte. Aber das kostet Geld, das bisher niemand dafür aufbringen will. Das Offizierslager ist historisch durchaus bedeutsam, denn unter den serbischen Kriegsgefangenen im Lager gab es eine jüdische Minderheit von etwa 400 Männern, die bis 1944 weitgehend unbehelligt ihre jüdischen Feste und Glaubensriten feiern konnten.


Die Baracke 35 steht unter Denkmalschutz. Wie sie künftig genutzt wird, ist noch unklar. Foto: Hinrichs


 

Was aus der Baracke 35 wird, wenn das Viertel bebaut ist, weiß heute noch niemand. Der Eigenbetrieb Immobilien der Stadt rechnete kürzlich vor, dass allein der Erhalt der Bausubstanz einen sechsstelligen Betrag kosten wird.

Klar ist dagegen, wer Nachbar der Baracke wird: ein Supermarkt. Die Lebensmittelkette Rewe hat den Zuschlag bekommen. Baubeginn ist für Mitte 2019 vorgesehen.


Der Bau der ersten Wohnhäuser hat begonnen. Foto: Hinrichs


Verkauft ist auch das 1,8 Hektor großes Baugrundstück auf der anderen Seite des früheren Haupteingangs. Erworben hat es die BPD Immobilienentwicklung GmbH  aus Düsseldorf, die dort fünf Mehrfamilienhäuser mit zusammen 110 Wohnungen und 37 Reihenhäuser verwirklicht. Die Bauarbeiten haben begonnen. Das Kellergeschoss ist in seinen Strukturen schon erkennbar.


147 Wohneinheiten entstehen am früheren Haupteingang der Landwehr-Kaserne: Grafik BPD


Als zweites von insgesamt elf Teilstücken verkaufte die Esos im Januar 2018 ein 1,2 Hektar großes Gelände an die Delta Bau AB. Drei Mehrfamilienhäuser mit 38 Wohnungen sowie 36 Reihen- und Doppelhäuser sollen hier entstehen. Baubeginn soll noch in diesem Jahr sein. 

Die Vermarktung der weiterer Teilstücke läuft, wobei Stadt und Stadtwerke ihr Angebot teilweise verändern wollen. Einige Flächen sollen in kleineren Portionen an den Markt gebracht werden, um auch auch regionalen, mittelständischen Investoren oder Privatleuten eine Chance zu geben. Von der Kaserne bleiben nur zwei Wohnblocks, die etwas mehr als zehn Jahre alt sind und zurzeit als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden, und das frühere Feldwebel-Casino. Dessen künftige Nutzung ist noch unklar.


Neues Leben in alter Kaserne. 2500 Menschen sollen hier in ein paar Jahren ein Zuhause haben. Foto: Hinrichs


Insgesamt 800 Wohneinheiten sollen es am Ende sein und 2500 Menschen hier leben - in einem sozial gemischten Wohnviertel mit verdichteten Geschosswohnungen, Reihen- und Einzelhäusern. Zehn Prozent sind nach Vorgabe des Bebauungsplans für sozial geförderten Wohnungsbau reserviert. Im Herzen ist eine "Grüne Mitte" geplant, ein Treffpunkt und vielseitig nutzbarer Platz.

 


Schlagzeilen

Attentate

Die „Quebec Barracks“ an der Landwehrstraße waren Ziel zweier Attentate. Am 19. Juni 1989 detonierte eine 150-Kilo-Bombe. Ein aufmerksamer Wachmann verhinderte die Explosion weiterer Sprengsätze.  Am 28. Juni 1996 feuerten vier Mitglieder der Terrorgruppe „Provisional Irish Republican Army“ (PIRA)  ferngesteuert drei Mörsergranaten mit jeweils 70 Kilo Sprengstoff ab, von denen eine auf dem Kasernengelände detonierte. Verletzt wurde niemand. Es entstand erheblicher Sachschaden, auch an Häusern in Eversburg. 

Flugzeugabsturz

Es war ein glücklicher Umstand, dass das Kasernengelände weitgehend abgeräumt war, als im März 2016 ein Flugzeug mit vier Menschen an Bord kurz nach dem Start in Atterheide in der Kaserne abstürzte. Nur durch Glück und das beherzte Eingreifen eines Augenzeugen, der im Flüchtlingshaus wohnte, überlebten die Insassen. 

Bombenräumung

Bei Erschließungsarbeiten stieß ein Baggerfahrer am 19. Februar 2918 auf einen Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie war den Bombenräumern zuvor entgangen, weil sie am Rande einer geplanten Straße im Boden steckte. Hals über Kopf mussten 8000 Menschen ihre Wohnungen verlassen, damit der Sprengsatz entschärft werden konnte, was spät in der Nacht auch gelang. Die Kampfmittelbeseitiger aus Hannover hielten sich glücklicherweise schon in Osnabrück auf, weil sie in einer geplanten Aktion eine kleine Bombe im Schinkel entschärfen mussten.  



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