Starkregen-Ereignisse von 1948 und 1966 Als in Osnabrück Straßen zu Flüssen wurden

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Osnabrück. Auch wenn es bei der derzeitigen Wetterlage schwer vorstellbar erscheinen mag: Der Monat Juli kann sehr nass sein. Vor 70 Jahren sorgte Starkregen auf vielen Straßen der Stadt für „Land unter“.

Osnabrück Das historische Foto zeigt einen Abschnitt der Natruper Straße in Blickrichtung stadteinwärts. Ein Opel Olympia pflügt sich seinen Weg durch das knöcheltief stehende Wasser. In seinem Kielwasser folgen einige mutige Radfahrer. Die Dame im Vordergrund links schaut dem Treiben skeptisch zu. Vielleicht stellt sie gerade fest, dass sie besser Gummistiefel angezogen hätte.

Tagelang hatte es geregnet. Die Kanalisation hatte sich verschluckt und spuckte das Wasser an tief liegenden Stellen wieder aus. Die zur Wasserstraße gewordene Natruper Straße bekam es von links mit der über die Ufer getretenen Hase zu tun und von rechts mit Sturzbächen an Oberflächenwasser vom Westerberg.

Das „Neue Tageblatt“ (zwischen 1946 und 1950 vom Verleger Achilles Markowsky herausgegebener Vorläufer der „Neuen Tagespost“) zeichnete in der Kolumne „Unter uns gesagt“ ein Stimmungsbild: „Erwartet hatten wir den Sommer, gekommen ist der Regen. Die Büroangestellten frieren. Die Schulkinder kommen wieder in Mänteln. Die Vögel sind verstummt. Die Blumen in den Anlagen am Wall lassen die Köpfchen hängen. Überhaupt, wir hätten viel mehr Freude an der Währungsreform gehabt, wenn der Himmel blau und die Sonne heiß gewesen wäre.“

Kriminelle nutzten die Situation für ihre Zwecke, wie das Blatt zu berichten wusste: „Durch Eindrücken der Schaufensterscheibe in der Drogerie Smits am Neumarkt wurden Freitagabend gegen 20 Uhr zwei wertvolle Fotokameras entwendet. Der strömende Regen begünstigte die Tat, da der Neumarkt menschenleer war.“

101 Liter Regen pro Quadratmeter in knapp drei Stunden

18 Jahre später war es nicht der Dauerregen, der über mehrere Tage die Hochwasserlage aufbaute, sondern ein Elementarereignis, das nur zweidreiviertel Stunden brauchte. Am 14. Juni 1966 prasselten von 15.30 bis 18.12 Uhr auf jeden Quadratmeter der Stadt 101 Liter Regen nieder. Das entspricht dem Eineinhalbfachen der durchschnittlichen Monatsmenge für den Juni. Die Straßen in der Nähe von Hase, Nette und Düte standen knietief unter Wasser, ein Verkehrschaos war die Folge. Denn das Unwetter war in diesem Ausmaß völlig überraschend gekommen. Autofahrer auf dem Heimweg von der Arbeit versuchten irgendwie durchzukommen. Oftmals gelang es, manchmal aber auch nicht: In den Straßenunterführungen wurde aus „knietief“ plötzlich „brusthoch“. Dann versagen die Zündungen oder der Motor saugt Wasser anstatt Luft an. Im „Tunnel“ nach Schinkel, in der besonders tiefen Unterführung der Buerschen Straße, kamen selbst Omnibusse und schwere Laster nicht weiter.

Die Berufsfeuerwehr bekam Unterstützung von freiwilligen Wehren aus dem Umland. Insgesamt 40 Löschzüge waren zu koordinieren, die dieses Mal kein Feuer zu löschen, sondern Keller leer zu pumpen hatten. Besonders gefährdet war die Stromversorgung, da auch die Anlagen der Stadtwerke unter Wasser standen. Bedroht waren außerdem die Fernmeldeämter Möserstraße und am Riedenbach und die Keller der Krankenhäuser, wo die Notstromaggregate kurz vor dem Absaufen waren. Auch die Produktion bei Karmann musste über mehrere Stunden ruhen.

Schwerer Schaden entstand an der Hollerith-Anlage der Stadtwerke. Das war das auf Lochkarten basierende Datenverarbeitungssystem, dem sämtliche Abrechnungsunterlagen fortzuschwimmen drohten. Auf der Möserstraße trieben wertvolle Orientteppiche im trüben Hasewasser, das in die Kellerräume einer Teppichgroßhandlung eingedrungen war. Im Hauptbahnhof waren die Fluten vom oberen Bahnsteig direkt in den Wartesaal gelaufen. 60 Soldaten des Fernmelderegiments 11 halfen im Altersheim Wilhelmstift und in der Ursulaschule, die Keller von den eingedrungenen Wassermassen zu befreien.

Erschwerend kam hinzu, dass es nicht nur Regenwasser war, das fontänenartig aus den Gullys quoll. Denn die Kanalisation funktionierte damals überwiegend noch nach dem Mischsystem...

Die „Jahrhundertflut“ von 1966 beschleunigte den Umbau in das Trennsystem, das Regenwasser und Schmutzwasser separat kanalisiert. Und sie war Auslöser für die flächendeckende Planung von Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet, um die Folgen von Starkregen künftig besser im Zaum halten zu können.

Juni 1966: Ein Mercedes-Taxi schwimmt in Osnabrück in der Straßenunterführung. Die abgesenkten Straßenabschnitte unter den Bahnbrücken wurden leicht zu Fallen für die Autofahrer, die ansonsten noch leidlich durchgekommen waren. Wenn der Motor erst einmal Wasser angesaugt hatte, war die Fahrt zu Ende. Foto: Archiv des Presseamtes der Stadt Osnabrück/Kurt Löckmann

(Weiterlesen: Sieben Jahre nach dem Hochwasser – Wann kommt die neue Kanalisation in Osnabrück-Hellern?)


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