Nach Aus für Osnabrücker Sternerestaurant Viele Angebote für die ehemaligen „La Vie“-Mitarbeiter

Dieses Bild gehört seit gut einer Woche der Vergangenheit an: Thomas Bühner in der „La Vie“-Küche. Foto: Stefanie HiekmannDieses Bild gehört seit gut einer Woche der Vergangenheit an: Thomas Bühner in der „La Vie“-Küche. Foto: Stefanie Hiekmann 

Osnabrück. Vor gut einer Woche war auf einmal Schluss: Am Montag, 16. Juli, verkündete die Georgsmarienhütte GmbH völlig überraschend die Schließung des Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurants „La Vie“. Die 28 Mitarbeiter haben den ersten Schock inzwischen verdaut. Sie kommen langsam zur Ruhe, und einige wissen auch bereits, wie es für sie weitergehen wird. Andere sind noch auf der Suche – oder erst einmal in Urlaub gefahren.

„Viele, viele Menschen haben uns Hilfe angeboten, haben uns Stellen angeboten, die Anteilnahme war wirklich sehr, sehr groß“, sagt der ehemalige „La Vie“-Patron Thomas Bühner. Er stehe weiter im engen Kontakt mit seinen 28 ehemaligen Mitarbeitern, um sie bei der Stellensuche und ihrer neuen beruflichen Ausrichtung zu unterstützen.

Viele akute Probleme seien mittlerweile – zumindest vorerst – gelöst, berichtet Bühner. Die Aufenthaltsgenehmigung eines südkoreanischen Kochs etwa, der seit mehreren Jahren in dem Spitzenrestaurant gearbeitet hatte, war an den Arbeitsvertrag im „La Vie“ gekoppelt. Dieser läuft Ende August aus. Wie Bühner berichtet, deutet sich nach ersten Gesprächen mit den zuständigen Behörden aber eine Lösung an, sodass dem jungen Asiaten eine überstürzte Heimreise wohl erspart bleiben wird.

Verlust internationaler Gäste

Das ist nur einer von 28 Fällen – jeder ehemalige „La Vie“-Mitarbeiter muss sich neu orientieren. Und das in einer überschaubaren Branche: In ganz Deutschland gab es bis vergangene Woche lediglich elf Drei-Sterne-Restaurants. Jetzt sind es nur noch zehn. Osnabrück hat nach zwölf Jahren seinen Platz auf der Landkarte der internationalen Spitzengastronomie eingebüßt. Die Stadt wird viele Gäste aus aller Welt verlieren, was nicht zuletzt die Hotelbranche zu spüren bekommen dürfte. Auch der Großteil der „La Vie“-Mitarbeiter, die aus vielen verschiedenen Ländern stammten, wird die Stadt oder vielleicht sogar das Land verlassen müssen, wenn es beruflich auf ähnlichem Niveau weitergehen soll.

Manch einer nutzt das plötzliche Aus für das Restaurant im historischen Haus Tenge, über dessen künftige Verwendung noch nichts bekannt ist, aber auch für eine Neuausrichtung. Nach dem Motto: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine neue. Kollegen aus ganz Deutschland, aber auch aus Italien, Spanien, Österreich, den Niederlanden und der Schweiz haben in den vergangenen Tagen Angebote an ihn und seine Mitarbeiter geschickt, erzählt Bühner. „Wir werden alles in Ruhe sichten, und ich kann mir vorstellen, dass der eine oder andere vielleicht sogar in Osnabrück bleiben kann.“ Auch was seine eigene Zukunft angeht, sei noch nichts entschieden.

Er habe seinen Mitarbeitern im Übrigen geraten, die Urlaubszeit trotz der unglücklichen Umstände für ihre Erholung zu nutzen. Gedanken ordnen, sich fragen, wie man die Situation für sich nutzen möchte – das alles sind Themen, die jeder der Gekündigten sicher sehr gut mit einem Tapetenwechsel verknüpfen kann.

Böse Kommentare im Internet

Nicht nur per E-Mail oder persönlich, auch über verschiedene Social-Media-Kanäle im Internet haben Bühner und sein Team in den vergangenen Tagen viele Zuschriften erhalten. „Wir haben uns wirklich sehr über die große Anteilnahme und die vielen Angebote gefreut“, sagt Bühner. Vieles sei wirklich sehr positiv gewesen. Aber natürlich habe es gerade im Internet auch einige Leute gegeben, die „noch am richtigen Ton arbeiten“, wie es Bühner diplomatisch formuliert.

Weiterlesen: Warum musste das „La Vie“ so plötzlich schließen?

Damit meint der Spitzenkoch unter anderem Menschen, die sich darüber ausgelassen haben, dass sie „da“ ohnehin nie hingegangen wären, weil ja „rote Karten“ an Gäste verteilt worden wären, weil sie zum Beispiel vom Teller des Partners probiert oder lebhafte Kinder dabeigehabt hätten. Das habe der absolut glaubwürdige Kollege eines Nachbarn selbst erlebt... Es sind Gerüchte, die über nahezu jedes Sternerestaurant in Deutschland kursieren und eins gemeinsam haben: Sie entsprechen nicht der Wahrheit. Bühner hatte schon vor Jahren jeden zum Essen eingeladen, der ihm eine der besagten „roten Karten“ präsentieren könnte. Gemeldet hat sich natürlich niemand – aber im Zuge der „La Vie“-Schließung kamen auch die hinlänglich bekannten Lügenmärchen wieder hoch.

Höhnische Kollegensprüche

Aber es gab auch Kollegen-Kommentare, die bei Bühner für Stirnrunzeln gesorgt haben. Neben dem zwischenzeitlichen Disput mit Frank Rosin („Kochen kann er ja! Jetzt muss er nur noch lernen, Geld zu verdienen“) kommentierte auch der Berliner Gastronom Billy Wagner („Nobelhart und Schmutzig“) das „La Vie“-Aus. Eine Stellenausschreibung auf Facebook verknüpfte er mit dem Zusatz: „Ich darf sagen, dass wir kein Restaurant sind, in dem die Großindustrie das Sagen hat und von einem auf den anderen Tag vor dem Urlaub das Restaurant schließt und 30 Mitarbeiter entlässt“. Aus Bühners Sicht eine eher geschmacklose Reaktion. „Warum müssen sich Leute an unserer Situation bereichern und sich dadurch interessant machen?“, fragt er sich. Er selbst versuche Einträge dieser Art gar nicht zu beachten. „Aber Freunde und Familie lesen so was auch. Die Stellenausschreibung hat mein Sohn mir jetzt geschickt.“ Billy Wagner war für unsere Redaktion für eine Stellungnahme in den vergangenen Tagen nicht erreichbar.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN