„Brauchen unbedingt mehr Personal“ Landkreis Osnabrück: Situation bei Pflegeplätzen verschärft sich weiter

Von Jean-Charles Fays


Osnabrück. Der Landkreis Osnabrück warnt vor Problemen in der Pflege. Kreisrat Matthias Selle sagt: „Die Situation bei den Pflegeplätzen verschärft sich immer weiter.“ Mehr Personal werde unbedingt benötigt. Die Nachfrage nach Heimplätzen steige. Die Fachdienstleiterin Soziales, Anja Fels, setzt auf Prävention, damit Menschen gar nicht in ein Seniorenheim müssen.

Wie stellt sich der Landkreis die Zukunft der Pflege vor?

Selle: Die Situation bei den Pflegeplätzen verschärft sich immer weiter. Das haben wir erkannt und steuern etwa mit dem bundesweit wegweisenden Modellprojekt zur digital unterstützten Pflege, kurz „Bildschirmpflege“, in Merzen entgegen. In Merzen wird eine Telemonitoring-Plattform eingerichtet, in der alle Daten von Hausarzt und Pflege zusammenlaufen. Mit einem Blutdruckmessgerät genommene Werte werden auf einen Tablet-PC übertragen und an die Telemonitoring-Plattform übermittelt, auf die Hausarzt und Pflege zugreifen können. So werden doppelte Messungen durch Hausarzt und Pflegekraft überflüssig und Ärzte sowie Pflegekräfte werden informiert, wenn kritische Werte überschritten werden. Patienten werden über den Tablet-PC zudem etwa an die regelmäßige Einnahme von Medikamenten erinnert. Die Technik übernimmt Routineaufgaben wie die Dokumentation des Gesundheitszustandes. Das Projekt Bildschirmpflege wird am 30. Oktober anlässlich der Eröffnung des Wohngemeinschaftshauses St. Franziskus in Merzen unserem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorgestellt. Es trägt dazu bei, dass Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr Zeit für andere Dinge wie zum Beispiel das Gespräch mit den Patienten haben. Auch das 2014 unter Beteiligung des Landkreises gegründete „Living Lab“ hat dazu beigetragen, das Projekt „Bildschirmpflege“ zu entwickeln.

Sie sprechen das Problem an, dass Pflegekräfte zu wenig Zeit für die Betreuung haben und eine bessere Personalausstattung benötigen, die auch finanziert werden muss. In welchem Maße sollten Pflegekassen und Kommunen dazu beitragen, dass das Personal besser vergütet wird?

Selle: Wir brauchen unbedingt mehr Personal und freuen uns, dass die Bundespolitik dieses Problem erkannt hat und lösen will. Wir sind dringend darauf angewiesen, dass in Berlin entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Auf Landkreisebene unterstützen wir die Personalsituation, in dem wir im Zusammenspiel mit den Pflegekassen die tariflich ausgehandelten Gehälter des Pflegepersonals im Rahmen der Pflegesatzverhandlungen anerkennen.

Wie hat sich der Bedarf für Seniorenheime verändert?

Selle: Vor zehn Jahren haben wir noch gesagt: Bitte baut keine neuen Altenheime, weil schlecht ausgelastete Heime Probleme hatten, die Grundkosten zu finanzieren und darunter natürlich auch die Qualität gelitten hätte. Die Nachfrage nach Heimplätzen hat sich aber in den vergangenen Jahren aufgrund des demografischen Wandels erhöht. Darüber hinaus besteht ein steigender Bedarf an sogenannten Kurzzeitpflegeplätzen zur Nachsorge nach Krankenhausbehandlungen und Versorgung bei Abwesenheit pflegender Angehöriger. Weiterhin besteht ein Zustrom von Pflegebedürftigen aus Nordrhein-Westfalen, weil die Pflegesätze im Landkreis Osnabrück günstiger sind. Deswegen haben wir viele Einpendler aus dem benachbarten NRW. Von 3800 Altenheimplätzen im Landkreis sind rund 350 mit Menschen aus NRW und etwa 450 von Osnabrückern belegt.

Fels: Nach den reinen Platzzahlen wird der Pflegebedarf der Landkreisbevölkerung eigentlich abgedeckt. Durch knapp 1000 Menschen, die aus dem Umland zu uns kommen, haben wir aber Versorgungsengpässe. Wir müssen mittlerweile auch schon ins Emsland, nach Cloppenburg und Vechta weitervermitteln. Wir begrüßen, dass es bald einen bundeseinheitlichen Tarifvertrag geben soll, denn wir haben einerseits das Problem, dass das Personal in NRW mehr verdient und die Pflegesätze andererseits bei uns niedriger sind. So verlieren wir das dringend benötigte Personal nach NRW, während es Pflegebedürftige von NRW hier her zieht.

Wie groß ist der Personalmangel bei den ambulanten Pflegediensten?

Fels: Im Südkreis sind die ersten Hilfebedürftigen von ambulanten Pflegediensten bereits nicht mehr aufgenommen worden, weil diese keine Kapazitäten mehr haben. Da sitzen wir als Kostenträger aber nicht mit im Boot. Die Pflegesätze werden ausschließlich zwischen Betreiber und Pflegeversicherung ausgehandelt. Im Bereich der stationären Pflege ist es so, dass sogar Kosten für Auszubildende zusätzlich übernommen werden und nur teilweise in die Personalschlüssel einfließen.

Selle: Bei den stationären Einrichtungen sind wir als Kostenträger nur bei den älteren Menschen beteiligt, die sich einen Pflegeplatz alleine nicht erlauben könnten.

Was unternehmen Sie, um Pflegekräfte in unsere Region zu locken?

Selle: Wir versuchen gerade, Pflegekräfte aus Holland zu uns zu holen. Dort gibt es einen Überhang an Pflegefachkräften. Bisher war es schwierig, diese bei uns akkreditieren zu lassen. Das Bundesamt für Familien und Zivilgesellschaft teilte mir mit, dass es mit der neuen Ausbildungs- und Prüfungsverordnung des Pflegeberufsgesetzes nun möglich ist, sie hierhin zu holen. Das werden wir als Nächstes in Angriff nehmen. Zudem kommen jetzt auch wieder Spanier aus Galizien und aus Katalonien, die ein Praktikum bei uns machen. Zwölf hospitieren dabei in Altenpflegeeinrichtungen. Sie bekommen dann in der Regel auch einen Ausbildungsvertrag. Wir tun alles, was möglich ist, um Fachkräfte hierhin zu holen, aber es ist nicht so einfach.

Gibt es auch einen Mangel an Angeboten für hauswirtschaftliche Dienstleistungen, die ermöglichen, dass ältere Menschen länger zu Hause bleiben können?

Fels: Diese Situation haben wir gerade in Fürstenau und Glandorf. Das sind die ersten Gemeinden im Landkreis, die keine Angebote für hauswirtschaftliche Dienstleistungen mehr anbieten. Daher müssen sie auf Umlandkommunen und auf unseren Senioren-Pflege-Stützpunkt zurückgreifen, den wir schon recht lange haben und der sehr gut nachgefragt ist. Unsere neuen Sozialpädagogen im Bereich „Hilfe zur Pflege“ versuchen, die Versorgung zu Hause sicherzustellen und präventiv vor Ort zu beraten, damit die Menschen gar nicht erst in ein Seniorenheim müssen. Unsere ehrenamtlichen Wohnberater sind dazu da, frühzeitig mit den Familien zu sprechen, wie es am Ende auch baulich gelingen kann, so lange wie möglich zu Hause zu wohnen.

Können ehrenamtliche Strukturen den Wegfall von Angeboten für hauswirtschaftliche Dienstleistungen ersetzen?

Fels: Ehrenamtliche können hauswirtschaftliche Dienstleistungen nicht ersetzen, aber ergänzen. Unser Projekt „Sozialer Landkreis“ beschäftigt sich mit Handlungsansätzen für die Grundversorgung im ländlichen Raum. Wir setzen gerade in ländlichen Bereichen wie in den Samtgemeinden Artland und Bersenbrück, in denen nur wenige haushaltsnahe Dienstleistungen erbracht werden, auf Netzwerke aus kirchlichen Trägern, ehrenamtlichen und privatwirtschaftlichen Unterstützern. Wir haben über das Entlassmanagement von Krankenhäusern eine neue Datengrundlage zur Feststellung der Bedarfe älterer Menschen geschaffen. Darüber hinaus versuchen wir, Versorgungslücken durch eine lokale Zusammenarbeit zu schließen. Schließlich erproben wir innovative Geschäftsmodelle für die ländliche Versorgung mit den notwendigen Dingen des Lebens. So werden etwa Versorgungs-Hotspots eingerichtet und somit Treffpunkte für Senioren geschaffen, wo gegessen werden kann und wo sie klönen können. Dort finden sie auch Strukturen vor, wo sie etwa ihre schmutzige Wäsche abgeben und ihre saubere Wäsche abholen können.

Es gibt immer mehr Rentner, die noch rüstig sind und aktiv sein können. Ist die Nachbarschaftshilfe das Modell der Zukunft?

Selle: Der Landkreis will mit aller Kraft das ehrenamtliche Engagement und auch die Nachbarschaftshilfe fördern. Dazu unterstützen wir auch entsprechende Projekte mit Hauptamtlichen. Den Schwachen soll von den Starken geholfen werden, dort wo es die Bereitschaft dazu gibt. Das ist eine total gängige Praxis, die schon früher funktioniert hat. Der Sozialstaat hat in der Vergangenheit gern „Rundum-Sorglos-Pakete“ organisiert. Auf diese Weise wurde hier und da das Helfen auf Gegenseitigkeit überflüssig. Wir wollen diesen Geist wiederbeleben, dass wir uns gegenseitig helfen.

Also wollen Sie das Bersenbrücker und Neuenkirchener Modell der Nachbarschaftshilfe auf den gesamten Landkreis übertragen?

Fels: Das wäre ideal. Es gibt auch schon andere Modelle wie etwa die „Helpers“ in Hagen, die älteren Herrschaften etwa beim Wechseln der kaputten Glühbirne helfen. Es sind schon diese kleinen Hilfen, die entscheidend sein können. So wird man bei Bedarf auch mal von A nach B gefahren. Es soll keine Taxi-Konkurrenz aufgebaut werden, denn es geht einfach nur um diese Kleinigkeiten, die das Leben erleichtern können. Das kann einfach auch mal das Rasenmähen sein. Wichtig ist aber auch, dass die Ehrenamtlichen nicht das Gefühl bekommen, verbindlich gebucht zu werden. Ehrenamtliche können nicht die Probleme in der Pflege lösen, weil Ehrenamt immer freiwillig und unterstützend sein muss und so im Vorfeld vielleicht einiges abfangen kann. Pflege hingegen muss verbindlich laufen. Daher ist es wichtig, dass Unternehmen und Pflegedienste die hauswirtschaftlichen Dienste übernehmen, wenn es vor Ort selbst nicht mehr geleistet werden kann.

Muss der Landkreis nicht noch stärker beraten, wie man sich ehrenamtlich engagieren kann und wer wo ehrenamtliche Hilfe anbietet?

Selle: Seit 2013 haben wir 100 ehrenamtliche Seniorenbegleiterinnen und -begleiter ausgebildet. Davon sind aktuell noch 70 aktiv. Sie machen Besuchsdienste, fahren von Tür zur Tür, gehen zu Senioren, die in Not geraten sind und geben Ratschläge. Diese Tipps sind wertvoll, weil unsere Seniorenbegleiter auch im Sozial- und Betreuungsrecht geschult sind und auch professionelle Hilfe vermitteln können. Die Seniorenbegleiter sind unser Netzwerk und sorgen dafür, dass das Wissen im Landkreis verbreitet wird. Zudem haben wir einen Senioren- und Pflegestützpunkt. Dieser hat bereits mehr als 1000 Menschen beraten können. Wir werden diese Pflegeberatung personell weiter aufstocken und die Möglichkeiten der Digitalisierung auch hier forcieren.


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