Tipps für mehr Barrierefreiheit Neutral und kostenlos: Wohnberatung beim Landkreis

Von Angelika Hitzke


Osnabrück. Niemand denkt gern daran, aber es kann jeden treffen – jederzeit: nach einem Unfall im Rollstuhl zu sitzen oder nach einem Schlaganfall nur noch eingeschränkt beweglich zu sein. Wie die Wohnung dann so umgestaltet werden kann, dass man möglichst lange möglichst bequem in den eigenen vier Wänden leben kann, darüber klärt Landkreis-Wohnberater Andreas Stallkamp auf.

Herr Stallkamp, seit wann gibt es die Wohnberatung beim Landkreis?

Seit 2009 gibt es den Pflegestützpunkt. Vorher hatte der Kreis schon kostenlose und neutrale Wohnberatung eingeführt. Seitdem gibt es das als Komplettpaket, um Hilfestellung zu geben, dass Menschen so lange es geht zu Hause bleiben können.

Was haben Sie vorher gemacht?

Ich habe in der Vergangenheit auch Pflegeberatung gemacht. Von Haus aus bin ich Maschinenbauer und Sozialpädagoge. Als Handwerker habe ich ein Auge dafür, was man technisch machen kann. Zwischendurch habe ich eine Jugendwerkstatt geleitet. Mein Vorteil als Sozialpädagoge ist die Erfahrung, was für Einschränkungen und Handicaps auftreten können. Das betrifft nicht nur die Älteren, sondern kann in jedem Lebensalter passieren. Ich habe eine Ausbildung zum zertifizierten Wohnberater und Bodenhaftung; meine Ratschläge kommen nicht vom grünen Tisch. Ich frage mich immer, funktioniert das, was die Leute da wollen? Gerade als Außenstehender hat man dafür einen anderen Blick.

Beraten Sie nur Haus- und Wohnungseigentümer?

Nein, zu mir kann jeder aus dem Landkreis kommen, ob jung oder alt, ob Mieter oder Eigentümer. In der Stadt gibt es ehrenamtliche Wohnberater, die vom Seniorenbüro begleitet werden. Ich berate die Leute hier bei mir im Kreishaus, wenn sie zum Beispiel neu bauen wollen, oder fahre raus, um mir die Situation vor Ort anzuschauen.

Was sind die häufigsten Probleme und Hindernisse für Barrierefreiheit?

Der Zugang zum Haus und zur Wohnung, die Türen und das Bad. Rampen sind ein großes Thema, Geländer und Handläufe. Einen Treppenlift kennt fast jeder, aber kaum einer weiß, dass es zum Beispiel die Möglichkeit gibt, einen einklappbaren Plattformlift an einer Außentreppe anzubringen. Bei Türen muss man schauen, ob man sie so verbreitern kann, dass man mit dem Rollstuhl hindurch kommt. Ausgerechnet die Tür zum Bad ist oft die schmalste im ganzen Haus. Wo immer möglich, sollte die Tür nach außen aufgehen, vor allem bei kleinen Bädern. Wenn da jemand stürzt und womöglich bewusstlos ist, blockiert er die Tür. Ich habe es schon erlebt, dass jemand einen Schlaganfall hatte, hinter der Tür lag und Angehörige und Retter anderthalb Stunden brauchten, um ihn da rauszuholen.

Was sollte man bei Renovierung und Umbau unbedingt bedenken?

Ganz wichtig ist eine bodengleiche Dusche. Lassen sie sich nicht einreden, dass so ein kleiner Rand von wenigen Zentimetern doch keine Rolle spielt: Jede Kante ist eine Stolperkante. Ich würde auch nie einen festen Sitz, auch keinen Klappsitz, in der Dusche anbringen: Wenn die Beweglichkeit in Armen und Schultern nachlässt, erschwert das die Erreichbarkeit der Armatur und wenn Sie irgendwann Pflege brauchen, die Hilfe beim Waschen. Besser ist ein flexibel einzusetzender Duschhocker oder-stuhl. Auch ein Duschvorhang oder ein faltbarer Glasparavent ist dann besser als eine feste Tür. Duscharmaturen werden gerne auf 1,05 Meter Höhe gesetzt: Viel zu hoch, wenn Sie im Sitzen duschen und die Arme nicht mehr heben können. Die sollte man nur 85 bis 95 Zentimeter hoch anbringen. Besser als eine WC-Sitzerhöhung, wie sie die Kassen bezahlen, ist eine höher installierte Toilette mit Stützklappgriffen an jeder Seite, damit man ohne Hilfe wieder aufstehen kann. Das Waschbecken sollte möglichst mit Unterputzsiphon montiert werden und unterfahrbar sein. Ein Waschbeckenunterschrank sollte bei Bedarf herausnehmbar sein.

Das ist aber auch eine Geldfrage. Und Mieter brauchen die Zustimmung ihres Vermieters. Gibt es Fördermöglichkeiten und einfache Dinge, die bei Einschränkungen das Leben erleichtern?

Oftmals erlebe ich, dass Mieter, die schon 35 Jahre in derselben Wohnung leben, ein gutes Verhältnis zum Vermieter haben. Wenn die einen Pflegegrad bekommen, gibt es die Chance, 4000 Euro Zuschuss zu bekommen, um das Wohnumfeld barrierefrei zu machen. Der Mieter kann das beantragen und an den Vermieter weitergeben. Das ist eine Sache der Absprache, aber wenn das klappt, eine Win-win-Situation für beide, denn es steigert ja den Wert der Wohnung. Es gab bisher den KfW-Zuschuss „Altersgerecht umbauen“, aber den gibt es aktuell nur noch für Einbruchsschutz. Im Moment ist der Topf leer. Es gibt zinsgünstige Darlehen als Förderung für barrierefreies Bauen. Und manches ist auch ohne großen finanziellen Aufwand machbar: Bei gewendelten Treppen an der breiten Außenseite einen zweiten Handlauf anbringen, lose Teppiche als Stolperfallen beseitigen oder sich vom Tischler zehn Zentimeter hohe Klötze zum Erhöhen von Bett oder Sofa machen zu lassen kostet nicht viel Geld und bringt mehr Sicherheit für alle.

Wer und wie viele Menschen suchen denn Ihren Rat und womit können Sie außerdem weiterhelfen?

200 bis 300 Beratungen im Jahr mache ich bestimmt. Das Gros der Leute ist im mittleren Lebensalter so ab 50. Bei Senioren geht es oft über die Kinder. Die Beratungen sind ganz unterschiedlich: Mal findet man relativ schnell eine Lösung, mal braucht es länger. Ich mache auch technische Beratung, gebe Tipps, wo man beispielsweise mal ein papierloses Spül-WC mit Wasserreinigung und Föhnfunktion ausprobieren oder günstig bekommen kann. Unter dem Schlagwort „Assisted Ambient Living“ (AAL) informiere ich über alles, was mechanisch, elektrisch oder elektronisch das Leben erleichtert.

Was denn zum Beispiel?

Da gibt es eine Menge: eine Uhr mit GPS, mit der man auch telefonieren kann, ein Medikamentenspender, der nur die Tablette ausspuckt, die gerade benötigt wird, ein Gerät, das aussieht wie ein Lichtschalter, aber erkennt, wenn ein Mensch gestürzt ist, LED-Lampen mit Bewegungsmelder, die nachts den Weg zum WC beleuchten, Service-Steckdosen, die das Herausziehen des Steckers kinderleicht machen. So eine habe ich auch in natura als Exponat im Infomobil.

Fahren Sie damit zu den Leuten?

Das war mal für Beratungen gedacht. Aber ich kann besser vor Ort in der Wohnung schauen, wo die Probleme sind und was machbar ist. Das Infomobil bietet bei Veranstaltungen wie Gewerbeschauen die Chance, Leute mit Info-Material und Broschüren an das Thema heranzuführen. Es macht Sinn, weit genug voraus zu schauen!


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