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Stählernes Monument im Hasepark Warum wurde der Osnabrücker Steven nie in ein Schiff eingebaut?

Von Rainer Lahmann-Lammert

Durch dieses Loch sollte einmal die Propellerwelle laufen. Aber der Schiffssteven aus den Klöckner-Werken wurde nie in ein Schiff eingebaut. Foto: David EbenerDurch dieses Loch sollte einmal die Propellerwelle laufen. Aber der Schiffssteven aus den Klöckner-Werken wurde nie in ein Schiff eingebaut. Foto: David Ebener

Osnabrück. Ist das ein Propeller? Ein überdimensionaler Pflug? Ein Schiffsanker? Der sonderbar geformte Zinken im Hasepark erinnert an das Osnabrücker Stahlwerk. Eigentlich sollte daraus kein Monument werden, sondern ein Hecksteven für ein stattliches Schiff.

Es muss ein Problem gegeben haben mit diesem zwölf Tonnen schweren Werkstück der Klöckner-Werke, aber niemand kann genau sagen, warum es nicht zum Ozeandampfer, sondern nur zum Denkmal gereicht hat. Rolf Spilker, der Leiter des Museums Industriekultur, geht von einem Messfehler aus. Dabei beruft er sich auf  Reiner Imhoff, der 30 Jahre lang im Betrieb gearbeitet hat. 

Die Theorie vom falschen Maß

"Der passte nicht ans Heck des Schiffes", erzählt der Maschinenbau-Ingenieur, der im Verarbeitungsbetrieb tätig war, aber nicht in der Stahlgießerei, wo der große Bogen seine Form bekam. Als er 1961 bei Klöckner anfing, lag  das Malheur schon einige Jahre zurück. Damals wurde erzählt, dass ein Maß nicht gestimmt habe. "Wer das vermasselt hat, weiß ich auch nicht", fügt Imhoff hinzu. Er hat sich vorsichtshalber bei einem Kollegen aus alten Zeiten erkundigt, und der stützt ebenfalls die Messfehler-These. 


Zwölf Tonnen schwer, neun Meter hoch: Bäume und Büsche verdecken mittlerweile den Schiffssteven im Hasepark. Foto: David Ebener


Um das verpfuschte Werkstück aus Stahlguss ranken sich auch noch andere Theorien. Von einem Haarriss war schon mal die Rede, der soll den Steven unbrauchbar gemacht haben. Nicht ganz auszuschließen, meint Imhoff, dem eine Platte auf der Oberfläche des Stahlzinkens Rätsel aufgibt. Ein Kollege hat aber auch von einem folgenschweren Missverständnis gehört. Da soll eine Reederei zwei baugleiche Steven bei den Klöckner-Werken bestellt, aber nur einen abgenommen haben. Alles nur ein Gerücht, Beweise gibt es nicht.

Zum Einschmelzen zu schade

Welches Desaster auch immer dazu geführt hat, dass gut ausgebildete Spezialisten wochenlang an riesigen Maschinen ein unverkäufliches Kunstwerk aus Stahlguss schufen – bei Klöckner nahm man die Sache offenbar pragmatisch. Der tonnenschwere Haken wurde nicht wieder eingeschmolzen, sondern auf mehreren Ausstellungen gezeigt.


Auf einer Ausstellung am Berliner Funkturm wurde der Schiffssteven vor ca. 60 Jahren gezeigt. Foto: Museum Industriekultur


Reiner Imhoff ist ganz sicher, dass der Pannen-Steven auf der Expo 1958 in Brüssel präsentiert wurde, deren herausragendes Exponat das Atomium war. Auch auf einer Maschinenbauausstellung in Leipzig soll das grazile Schwergewicht aufgetaucht sein. Ein Foto aus jener Zeit zeigt das gute Stück aus Osnabrück zudem auf dem Freigelände am Berliner Funkturm.

Am neuen Standort

Nach dieser Tournee bekam der überdimensionale Stahlbügel einen festen Platz. Wie ein Wahrzeichen wurde er vor der Osnabrücker Klöckner-Verwaltung an der Hamburger Straße aufgestellt. Sein heller Anstrich strahlte wie eine Kapitänsmütze in der Sonne. Wer wollte bei diesem Anblick an einen Produktionsfehler denken? Deutschland feierte das Wirtschaftswunder, und die Entstehungsgeschichte des ungewöhnlichen Monuments geriet langsam in Vergessenheit.


Wahrzeichen der Klöckner-Werke: So kannten die Osnabrücker den Schiffssteven über Jahrzehnte. Foto: Museum Industriekultur

Doch in den 80er Jahren verdüsterte sich die Lage in der Stahlbranche. 1989 war auch in Osnabrück der Ofen aus, das Klöckner-Gelände wurde zum Hasepark, und die Stadt baute die Franz-Lenz-Straße mitten durch das neue Gewerbegebiet. Ihr musste der Schiffssteven weichen. Er bekam einen neuen Platz direkt vor der ehemaligen Klöckner-Zentrale, die jetzt "Bürocenter Hasepark" heißt. Und weil auf dem grünen Dreieck zwischen Bahngleis und Straße Büsche und Bäume die Oberhand gewonnen haben, ist der Schiffssteven aus dem Blickfeld geraten.

Durchgeschnitten und verschraubt

Etwas verloren reckt sich der mittlerweile ergraute Stahlzinken in den Himmel. Graffitisprayer haben sich in Bodennähe verewigt, ein paar Ranken machen sich über den Betonsockel her. Aber wer das Denkmal wider Willen aus der Nähe betrachtet, bekommt Respekt vor der sauberen Verarbeitung, die sich zum Beispiel im Gegenlager zeigt, das einstmals die Propellerwelle abstützen sollte.

 

Diagonal durchgeschnitten und mit mehr als 30 dicken Schrauben wieder zusammengefügt. Was hat das zu bedeuten? Foto: David Ebener


Auffällig ist auch, dass der Fuß des Stevens diagonal durchgeschnitten und mit über 30 dicken Schrauben wieder zusammengesetzt ist. Vielleicht der Versuch, ein fehlerhaftes Maß oder einen Materialfehler nachträglich auszubügeln? Was immer noch beeindruckt, ist die Dimension des Werkstücks. Neun Meter dürften es vom Boden bis zur Spitze sein. Auch wenn es heute in jedem Seehafen weitaus größere Schiffshecks zu bestaunen gibt, erscheint der Hecksteven aus dem Klöckner-Werk immer noch mächtig. Kein Wunder, dass die alten Stahlwerker aus Osnabrück heute noch stolz darauf sind.


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