Wie in der Medizin Stadtwerke Osnabrück sanieren Kanal mit neuer Technik

Von Andreas Wenk

Sanierung des Schmutzwasserkanals im Schlauchlinerverfahren an der Pagenstecher Straße in Osnabrück. Foto: Swaantje HehmannSanierung des Schmutzwasserkanals im Schlauchlinerverfahren an der Pagenstecher Straße in Osnabrück. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. awen Osnabrück. Die Stadtwerke Osnabrück wenden beim Kanalbau an der Pagenstecherstraße ein neues Verfahren an, dessen Prinzip an Herzoperationen erinnert. Es werden Stents gesetzt. Ein Besuch auf der Nachtbaustelle.

Wer in diesen Tagen nachts über die Pagenstecherstraße fährt, bemerkt zwischen der Deutschen Umweltstiftung und Klöcknerstraße eine Wanderbaustelle. Seit  Anfang Juli sind Spezialfirmen dabei, die Kanalrohre im sogenannten Schlauch-Inliner-Verfahren zu sanieren. Bauleiter Ingo Kurz erklärt den Vorteil: „Wir bauen nur in den Abend- und Nachtstunden, und das beeinträchtigt den Verkehr kaum.“ Außerdem sei das Verfahren deutlich billiger und schneller als die offene Bauweise. Nicht eineinhalb bis zwei Jahre, sondern nur in den Nächten weniger Wochen werde der Verkehr eingeschränkt.


Eine Lampe wird in den Liner eingeführt. Diese erzeugt Hitze und erwärmt so den Kleber des Liners. Foto: Swaantje Hehmann


Ein Besuch vor Ort: Die Baustelle ist um 20 Uhr eingerichtet, und ein Team aus rund zehn Spezialisten trifft die ersten Vorbereitungen. Bauleiter Thomas Baumann von RTI Germany erläutert das Verfahren. Ein mit Harz getränkter Glasfaserschlauch wird in dieser Nacht auf rund 80 Metern Länge in den Kanalschacht eingeführt, aufgeblasen und dann mit UV-Licht ausgehärtet. Das mit dem Schlauch erinnert vom Verfahren her an Stents, mit denen Arterien gespreizt werden, um beispielsweise Herzinfarkten vorzubeugen. „So ungefähr kann man sich das vorstellen“, bestätigt Baumann. Auch das Aushärten findet Parallelen in der Medizin. Wer beim Zahnarzt eine Reparatur mit Kunststoff und UV-Licht erlebt hat, kennt das Prinzip, nur eben in einer sehr viel kleineren Version.


Ein Kollege steht unten im Schacht und führt den Liner. Die Jungs oben behalten ihn die ganze Zeit im Auge und können falls nötig den Liner sofort anhalten. Foto: Swaantje Hehmann


Der Kanal an der Pagenstecherstraße ist einer der Hauptzuflüsse zum Klärwerk und besitzt ein sogenanntes Ei-Profil, ist also statt kreisrund 80 Zentimeter breit und 120 Zentimeter hoch. Um den mehr als fünf Tonnen schweren Schlauch in den Kanalschacht einzuführen, muss zunächst eine Gleitfolie hinab gelassen werden, um den Rutschwiderstand zu verringern. „Anders ließe sich der Schlauch im Kanal gar nicht durchziehen“, sagt Baumann. Die Folie dient als Rutschmatte, auf der der Schlauch gleitet. Damit die nicht selbst wegrutscht, muss sie mit Dübeln befestigt werden. Erst danach kann der Inlinerschlauch mit einer Winde unter die Erde gezogen werden.


Unten im Schacht ist es eng. Foto: Swaantje Hehmann


Was einfach klingt, ist ein  komplexer Vorgang. Zunächst wird der schwere Schlauch mit einer Mischung aus Muskelkraft, Seilwindenzug und Stützen auf einen Minimaldurchmesser gefaltet. Das vordere Ende ist mit Hilfe starker Zurrgurte umgeschlagen, damit sich das Zugseil wie in eine überdimensionale Öse einhaken lässt. Erst dann geht es los, da ist es bereits 22.30 Uhr. Zunächst ganz langsam. Die Konstruktion mit den Umlenkrollen und der Gleitfolie funktioniert offenbar. Dann wird das Tempo bis auf fünf Meter pro Minute erhöht.


Ein kleiner Kameraroboter liefert Bilder aus dem etwa 80 Meter langen Teilstück des Kanals. Foto: Swaantje Hehmann


50 Meter weiter stadteinwärts ist eine weitere Spezialfirma dabei, mit einem ähnlichen Verfahren die senkrechten Schächte zu sanieren. Plötzlich bemerkt Malte Nowak, dass es Probleme mit dem Wasserstand gibt. Vor etwa 18 Monaten hat er bei Ingenieur Consult Brockermann Fritz in Enger mit der Projektplanung begonnen. Schnell verständigt er sich mit dem Kollegen Baumann, der einen bereitstehenden Wagen zum Absaugen schickt und einen Ballon in einem Zufluss aufblasen lässt. Alles geschieht konzentriert und wirkt hoch professionell. Es fällt kein lautes Wort und jeder scheint zu wissen, was er zu tun hat Trotzdem, so Baumann, finden sich immer weniger Menschen, die den Job machen wollen. Es fehle an Facharbeitern wie an Ingenieuren. Viele schrecke auch die Nacharbeit und die Trennung von der Familie ab.

Die Arbeiten gehen in dieser Nacht zügig voran. Kurz vor 23 Uhr ist der Inliner-Schlauch eingezogen und kann mit Druckluft aufgeblasen werden, bevor 1.500 Watt starke UV-Lampen durch die neue Röhre gezogen werden können, um den Harz auszuhärten. Ingo Kurz kann um 1 Uhr Feierabend Feierabend machen.


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