Osnabrücker Brexit Vor zehn Jahren: Briten verabschieden sich aus Osnabrück

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Im strömenden Regen verabschiedeten sich die britischen Streitkräfte am 19. Juli 2008 offiziell aus Osnabrück. Brigadegeneral Julian Free übergab dem damaligen Oberbürgermeister Boris Pistorius (beschirmt von Verbindungsoffizier Christopher Lineker) ein Zeremonienschwert. Archivfoto: Michael HehmannIm strömenden Regen verabschiedeten sich die britischen Streitkräfte am 19. Juli 2008 offiziell aus Osnabrück. Brigadegeneral Julian Free übergab dem damaligen Oberbürgermeister Boris Pistorius (beschirmt von Verbindungsoffizier Christopher Lineker) ein Zeremonienschwert. Archivfoto: Michael Hehmann

Osnabrück. Der Osnabrücker Brexit begann offiziell am Samstag, 19. Juli 2008, um 17 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt, vor genau zehn Jahren, marschierten 500 britische Soldaten in strömendem Regen zur Abschiedsparade auf dem Markt auf. Eine Epoche der Stadtgeschichte gehe zu Ende, sagte der damalige Oberbürgermeister Boris Pistorius. Und eine neue Epoche begann. Eine erfolgreiche, wie wir heute wissen.




Tapfer ließen die Soldaten den Platzregen von ihren Uniformen abtropfen, als Brigadegeneral Julian Freedem dem Oberbürgermeister zum Abschied ein Zeremonienschwert überreichte. „Das Gefühl der Dankbarkeit wird noch stärker werden, wenn wir merken, was wir an Osnabrück hatten“, sagte der Kommandeur der 4. Panzerbrigade der britischen Streitkräfte. „Wir lassen Sie ungern ziehen“, erwiderte Pistorius. Der jährliche Aufmarsch "Freedom of the City" wurde im Juli 2008 zum formellen Zapfenstreich: Einen Monat später zogen die ersten Soldaten Richtung Heimat ab. Am 25. September 2008 schloss Garnisonskommandeur Mark Cuthbert-Brown das Tor der Landwehr-Kaserne (Quebec-Barracks) in Atter ab und übergab den Schlüssel dem Chef der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) Klaus Thörner. Nach und nach folgten die anderen Kasernen. 2009 war der kleine Brexit abgeschlossen.

Auf 160 Hektar eine neue Stadt bauen

Die Stadt Osnabrück stand zu dem Zeitpunkt von einer Aufgabe historischen Ausmaßes. 160 Hektar Kasernenflächen wurden in kurzer Zeit frei, dazu 1300 Wohneinheiten – von der herrschaftlichen Kommandeursvilla auf dem Westerberg über Einfamilien- und Reihenhäuser bis hin zur Ansammlung großer Wohnblocks in der Dodesheide. Es war die Chance, auf 160 Hektar eine neue Stadt zu bauen. Es drohte aber auch die Gefahr, dass mit dem Abzug der Soldaten und ihrer Familien – von insgesamt etwa 12000 Menschen – eine Abwärtsspirale sich zu drehen begann.

Größte Garnison außerhalb Großbritanniens

In seiner Handgiftenrede zum Jahresbeginn 2006 hatte der damalige Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip die Bombe platzen lassen. Seine Ankündigung, dass das britische Verteidigungsministerium die größte Garnison außerhalb des Mutterlandes bis 2009 schließen werde, löste bei den Zuhörern und später in der Stadt gemischte Gefühle aus. Wie schwer würden der Verlust von Kaufkraft und zivilen Arbeitsplätzen auf die Wirtschaft Osnabrücks durchschlagen? Wie lange würden Leerstand und Siechtum der Liegenschaften andauern? Wird der Immobilienmarkt mit dem zeitgleichen Freiwerden so vieler Wohneinheiten zusammenbrechen? Alt-OB Fip sah diese Gefahren, aber mit der ihm eigenen unternehmerischen Sicht betonte er bei jeder Gelegenheit nur die Chancen, die sich Osnabrück damit plötzlich boten. Es war dann sein Nachfolger Boris Pistorius, der diese Chancen ergriff. 

Konversion wird zur Chefsache

Pistorius machte mit Amtsantritt im November 2006 die Konversion, die Umwandlung militärischer Liegenschaften für zivile Nutzungen, zur Chefsache. Von der für 2015 geplanten Bundesgartenschau sagt er sich los: Zwei Projekte dieser Größe zur gleichen Zeit wären nicht zu schaffen, sagte er. 

In der Stadtverwaltung entstand eine fachübergreifende Lenkungsgruppe Konversion für die strategische Steuerung. Ein neuer Unterausschuss des Rates bereitete die politischen Entscheidungen vor. In beiden Gremien saß die Bima als Eigentümerin aller Liegenschaften mit am Tisch. Die Gesamtkoordination lag bei Pistorius und einer  im Fachbereich vom damaligen Stadtbaurat Wolfgang Griesert angesiedelten Projektgruppe mit Thomas Rolf, Brigitte Strathmann, Claudia Sierp und Paul Barron.

Im Mai 2009 gingen die ersten zwölf Doppelhaushäften aus ehemaligen britischem Bestand an Markt. Foto: Jörn Martens

Wohnungen sehr begehrt 

Das Interesse in der Öffentlichkeit war von Anfang an groß. Die Stadt bot Busrundfahrten durch die Kasernen an, die seit Kriegsende nur zu besonderen Feierlichkeiten und dann nur in kleinen Bereichen öffentlich zugänglich waren. Über 250 Osnabrücker hörten im Juni 2007 im Haus des Gastes zu, als Pistorius und das Konversionsteam den weiteren Prozess erläuterten. "Mich beeindruckt bis heute, mit welcher Dynamik und Tatkraft damals alle das Thema angepackt haben", sagt Pistorius heute aus der Rückschau. "Osnabrück war damit schneller als andere Standorte, die auch vom Abzug betroffen waren."

Schnell reagierte auch die Bima, der bis dahin eher der Ruf der Behäbigkeit anhaftete. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt brachte sie die Wohnungen und Häuser auf den Markt. Ein Punktesystem half, auch Familien den Zugriff auf begehrte Immobilien zu ermöglichen. "In nur zwei Jahren ist es gelungen, praktisch alle Wohnungen zu verkaufen", zitiert Autor Frank Henrichvark die Bima-Leiterin Sonja Richter in seinem Buch "Jeder zehnte Osnabrücker war ein Engländer". In der Bundesanstalt gilt Osnabrück als "Schulbeispiel für die gelungene Konversion".

Abriss in der Scharnhorst-Kaserne an der Sedanstraße. Foto: Michael Hehmann

Was kostet eine Kaserne?

Was geschieht mit den Kasernen? Schon früh hatte das Konversionsteam die städtebaulichen Talente und Lagequalitäten der sechs Militärgebiete zusammengefasst, ohne  etwas vorwegzunehmen. In einem großen Beteiligungsprozess sammelte die Stadt die Schwarmintelligenz von Planern, Architekten, Landschaftsgestaltern und vor allem der Bürger ein. In Workshops wurden die Potenziale und Entwicklungschancen jedes einzelnen Standorts ausgearbeitet.

Es gab auch viele praktische Fragen zu lösen. Was kostet eine Kaserne? Oder falls ein Investor nicht gleich die ganze Liegenschaft kaufen will: Was kostet ein Quadratmeter Kasernengelände? In den Büchern der Bima tauchten diese bis dahin unveräußerlichen Militärflächen als "Unland" auf und waren mit einem Euro bewertet. Die Bauleitplanung der Stadt sparte die britischen Kasernen aus, deshalb gab es bis dahin kein Planungsrecht. Mit der Erstellung der Bebauungspläne wandelte sich das "Unland" in Bauland – und der Markt bestimmte den Preis. 

Dass die Standorte auf dem Westerberg (Scharnhorst- und Metzer-Kaserne) sich für Hochschule, Wissenschaft und fürs Wohnen anbieten, lag auf der Hand. Das bisherige militärische Sperrgebiet am Hafen (Winkelhausen-Kaserne) eignete sich für Gewerbe und Dienstleistungen, im westlichen Teil unter Umständen auch für den Wohnungsbau. Die Stärken der Mercer-/Imphal-Barracks auf dem Limberg lagen und liegen im Bereich Sport, Freizeit, Gewerbe und Naherholung. Die Kaserne an der Landwehrstraße in Atter wurde schon früh als möglicher Wohnstandort identifiziert. Anregungen aus der professionell moderierten, bürgerschaftlichen Ideensammlung flossen in die entsprechenden Bebauungspläne ein, die der Rat 2011 bis 2013 verabschiedete.

Zehn Jahre nach der Schlussparade auf dem Markt lässt sich feststellen: Osnabrück hat die Chancen genutzt, die der Briten-Abzug bot.  "Wenn ich heute an den Kasernen vorbeikomme, freue ich mich über das, was dort entstanden ist", sagt Boris Pistorius. 


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