Ehemaliges Strahlenklinik-Gelände Protest gegen Luxus-Neubauten am Osnabrücker Westerberg

Von Sebastian Stricker

Abgeräumt: das Gelände der früheren Paracelsus-Strahlenklinik am Osnabrücker Westerberg. Hier sollen demnächst vier Häuser mit mehreren Dutzend Luxuswohnungen entstehen. Am oberen Bildrand ist das ehemalige Privatgrundstück der Autobauer-Familie Karmann zu sehen. Foto: Gert WestdörpAbgeräumt: das Gelände der früheren Paracelsus-Strahlenklinik am Osnabrücker Westerberg. Hier sollen demnächst vier Häuser mit mehreren Dutzend Luxuswohnungen entstehen. Am oberen Bildrand ist das ehemalige Privatgrundstück der Autobauer-Familie Karmann zu sehen. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Die Bürgerinitiative "Grüne Lunge Westerberg" wettert gegen den Bau von Luxuswohnungen auf dem Gelände der früheren Paracelsus-Strahlenklinik in Osnabrück. Befürchtet werden Verkehrschaos, Krach und Gestank, außerdem der Verlust geschützter Großbäume. Investor BPD beschwichtigt – und verrät, was er wirklich vorhat.

Der Düsseldorfer Immobilienentwickler BPD hatte das 11.200 Quadratmeter große Grundstück an der Lürmannstraße 38/40 vor zwei Jahren für einen mutmaßlich zweistelligen Millionenbetrag erworben. Wie die Paracelsus-Kliniken als Verkäufer damals mitteilten, seien auf der wohl teuersten Brache der Stadt bis zu 60 hochwertige Eigentumswohnungen geplant. BPD selbst spricht seit einiger Zeit von sieben Mehrfamilienhäusern mit 67 Einheiten zwischen 90 und 120 Quadratmeter. 

Bewohner des Nobelviertels schlagen Alarm angesichts dieser Zahlen – auch wenn sie längst nicht mehr stimmen, wie unsere Redaktion herausgefunden hat. Aber dazu später mehr.

Rätselhafte Bürgerinitiative

In Flugblättern rufen Nachbarn der Lürmannstraße, Gutenbergstraße, Bergstraße und Prof.-Haack-Straße zum Widerstand gegen das Bauvorhaben auf. "Luftverschmutzung, Lärm und tägliches Verkehrschaos. Wollen wir das vor unserer Haustür?", fragen sie in großen Buchstaben. Es drohe die "Zerstörung der letzten grünen Lunge am Westerberg", und die Stadt sehe tatenlos zu, so ihr Vorwurf. 

Wer genau hinter der Bürgerinitiative "Grüne Lunge Westerberg" steckt, ist unklar. Die Flugblätter nennen weder Name noch Telefonnummer eines Verantwortlichen, lediglich eine allgemeine E-Mail-Adresse. Eine am 11. Juli dorthin gerichtete Bitte unserer Redaktion um Stellungnahme blieb bislang unbeantwortet.


Die Ex-Strahlenklinik am Westerberg im Sommer 2016. Foto: Michael Gründel


Angst vor verstopften Straßen

Dem Flyer selbst sind folgende Argumente zu entnehmen: Die auf dem einstigen Paracelsus-Areal geplanten Bauten stellen nach Ansicht der Bürgerinitiative "keine Lösung für die allgemeine Wohnungsnot in Osnabrück" dar. Vielmehr würden Luxuswohnungen entstehen "mit einem geschätzten Quadratmeterpreis von bis zu 6000 Euro". Pro Wohneinheit sei von zwei bis drei Fahrzeugen auszugehen, wodurch sich die Emissionsbelastung im Bereich Lürmannstraße, "eigentlich Beginn der grünen Lunge Richtung Rubbenbruchsee", deutlich erhöhe. Ihre Furcht vor einer angeblich programmierten "untragbaren Park-, An- und Abfahrt-Situation" illustriert die Bürgerinitiative mit nicht näher bezeichneten Fotos von verstopften Wohnstraßen. (Weiterlesen: Tabufläche am Westerberg soll jetzt doch bebaut werden)

Kein Vergleich zum Karmann-Gelände

Bilder von großen, grünen Bäumen verleihen wiederum der Sorge Ausdruck, dass "bei einer derart extensiven Bebauung" des ehemaligen Strahlenklinik-Geländes "geschützte Bäume leiden und mit großer Wahrscheinlichkeit zerstört werden". Nicht zuletzt beklagen die Verfasser des Flugblatts "Ungereimtheiten" beim Vergleich des BPD-Projekts mit der "sehr lockeren Bebauung" des angrenzenden, früheren Privatgrundstücks der Osnabrücker Autobauer-Familie Karmann. Dort habe die Stadt einst auf 10.000 Quadratmetern lediglich acht Einfamilienhäuser genehmigt. "Schutz von Natur und guter Luft war allen Interessen übergeordnet", heißt es. Dieselben Maßstäbe müssten auch diesmal angelegt werden, fordert die Bürgerinitiative, stellt jedoch fest, dass inzwischen "völlig neue Grundsätze" gelten. "Was früher mal wichtig war, hat heute keinen Wert mehr!" (Weiterlesen: Neue Grünverbindung über das Gelände der Karmann-Villa)

"Wir nehmen die Bedenken der Nachbarn ernst, aber ihre Ängste sind absolut unbegründet"BPD-Projektmanager Thomas Trendelkamp

Investor kündigt Bauantrag an

Ist an all dem was dran? Nachfrage beim Investor. "Wir nehmen die Bedenken der Nachbarn ernst, aber ihre Ängste sind absolut unbegründet", sagt Projektmanager Thomas Trendelkamp. Vom Flugblatt und seinem Inhalt habe er erst durch unsere Redaktion erfahren. Bei BPD sei die Bürgerinitiative "bis heute nicht vorstellig geworden". Ansonsten pflege der Immobilienentwickler mit den Anwohnern "das offene Gespräch".

Die Planungen für das Projekt am Westerberg stehen derweil vor dem Abschluss. Die Krankenhaus-Ruine ist abgerissen. Ein Bauantrag werde "in den nächsten Monaten" eingereicht, kündigte Trendelkamp an. Zugleich bestätigte er Informationen unserer Redaktion, wonach nur noch vier (statt sieben) Mehrfamilienhäuser vorgesehen sind. Insgesamt soll es rund 60 Wohnungen geben sowie eine gemeinsame Tiefgarage. 


Im Februar 2018 machten sich Abrissbager über die alte Strahlenklinik am Westerberg her. Foto: Gert Westdörp


Drei Großbäume nicht zu retten

Ohne Folgen fürs Stadtgrün bleibt der Bau jedoch nicht. Wie unsere Recherchen weiter ergaben, fallen dem Vorhaben drei geschützte Großbäume zum Opfer. Das ist die Hälfte dessen, was der Investor ausweislich nichtöffentlicher Ausschussunterlagen ursprünglich beseitigen wollte. Offenbar konnte BPD belegen, dass diese Gewächse langfristig nicht zu retten sind. Mithin befreite die Verwaltung den Immobilienentwickler im Herbst 2017 antragsgemäß von der Pflicht, sie zu erhalten. Grundlage ist der rechtsverbindliche Bebauungsplan 365 (Edinghäuser Straße/Gutenbergstraße), der auch das Ex-Karmann-Areal einschließt.

Zum sechsten und vorläufig letzten Mal geändert wurde dieser B-Plan übrigens 2011. Im Vergleich zur vorigen Version nehme er die überbaubaren Flächen auf dem Grundstück Lürmannstraße 38/40 teilweise zurück und stelle mehr Großbäume unter Schutz, konstatiert der zuständige Fachbereich. Zusätzliche Verkehrsbelastungen, die aufgrund dieser Bauleitplanung auf der Gutenbergstraße und der Lürmannstraße zu erwarten seien, stufte die Stadt schon damals als "geringfügig" ein.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN