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Ein Osnabrücker im Chicago von 1893 Für Haarmann waren die Amerikaner "thatkräftig, aber protzig und geschmacklos"

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Fortschritt auf der Schiene: Haarmanns Gleismuseum als Beitrag zur Weltausstellung 1893 in Chicago. Foto: Museum IndustriekulturFortschritt auf der Schiene: Haarmanns Gleismuseum als Beitrag zur Weltausstellung 1893 in Chicago. Foto: Museum Industriekultur

Osnabrück. Er rümpfte die Nase über die Goldplomben feiner Damen und über die „Eigenthümlichkeit“, auf süßlichen Gummis herumzukauen. Der Osnabrücker Stahlwerkschef August Haarmann reiste vor 125 Jahren zur Weltausstellung nach Chicago. Über seine Beobachtungen in Amerika verfasste er ein Buch mit über 100 Seiten.

"Kann man auch nicht umhin, der Thatkraft des Amerikaners in vielen Fällen Bewunderung zu zollen, so erzeugen doch die mit den Aeußerungen dieser Thatkraft nur zu oft verbundenen Uebertreibungen und Geschmacklosigkeiten bei dem sichtlich nur auf Gelderwerb gerichteten Zwecke Widerwillen und Ekel", notierte Haarmann in seinen Reiseerinnerungen. 

Als Patriarch alter Schule und vaterländischer Gesinnung war er zutiefst überzeugt, dass am deutschen Wesen die ganze Welt genesen würde. Und das galt natürlich auch für die Vereinigten Staaten. Dabei wagte er die steile These, das "deutsche Element" bilde den Sauerteig, "welcher das amerikanische Volk erhält und genießbar macht".

Als Juror zur "World's Fair"

Rolf Spilker, der Leiter des Museums Industriekultur, gibt demnächst ein Reprint von Haarmanns Reisebeschreibung heraus. Für ihn gehört der Patriarch mit dem Rauschebart zu den herausragenden Persönlichkeiten bei der Industrialisierung des Osnabrücker Raums. Haarmann war nicht nur Eisenhütten-Ingenieur, er hatte sich zudem mit einer Reihe von Verbesserungen des Eisenbahnoberbaues einen Namen gemacht. Als Generaldirektor des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins (GMBHV) unterstanden ihm die Stahlwerke in Osnabrück und Georgsmarienhütte ebenso wie die Kohlezeche am Piesberg. 

Der Mann mit dem Rauschebart ist August Haarmann. Das Foto zeigt ihn mit internationalen Fachleuten des Eisenbahn-Oberbaues. Foto: Museum Industriekultur

Nach Chicago reiste der weltweit bekannte Fachmann für den Eisenbahnoberbau, weil ihn der deutsche Reichskommissar als Juror für das Sachgebiet Transportwesen zur "World's Fair" eingeladen hatte. Zwar kokettierte Haarmann später, er sei nur ungern über den Atlantik gefahren, weil er die "amerikanischen Verhältnisse und Leistungen" doch schon fünf Jahre zuvor kennengelernt habe. Rolf Spilker ist aber ziemlich sicher, dass der Hüttendirektor wohl mit spannungsvoller Erwartung dem Besuch der Ausstellung entgegengesehen habe, weil in Chicago ein Teil seines Lebenswerks ausgestellt wurde – die Gleissammlung des Osnabrücker Stahlwerks. 

Diese Sammlung, die in wesentlichen Teilen heute noch im Verkehrs- und Baumuseum Berlin und im Verkehrsmuseum Dresden zu sehen ist, zeigte die Fehler auf, die beim Eisenbahnbau gemacht werden konnten. Natürlich alles mit dem Ziel, die eigenen Erzeugnisse aus Osnabrück umso glanzvoller erscheinen zu lassen. 

Schreibmaschine im Zug

Auf dem Dampfer "Spree" des Norddeutschen Lloyd, der Haarmann von Bremerhaven nach New York brachte, gab es für begüterte Passagiere wie ihn schon zum Frühstück Seezunge, Beefsteaks und Hammelkoteletts. Von diesem Luxus konnten die vielen Auswanderer, die auf dem Zwischendeck zusammenpfercht wurden, nur träumen. Wieder an Land, hatte der Hütten-Manager auf einer 21-stündigen Fahrt Gelegenheit, den Reisekomfort amerikanischer Bahnen auszukosten. Beeindruckt zeigte er sich von der Möglichkeit, während der Fahrt einen Text zu diktieren, den eine Sekretärin gegen Vergütung in eine Schreibmaschine tippte.  

Nein, das ist nicht Italien: So präsentierte sich die Weltausstellung 1893 in Chicago. Foto: Museum Industriekultur

In Chicago war die Bevölkerungszahl im zurückliegenden Jahrzehnt auf das Doppelte gewachsen, und die rasant steigenden Grundstückspreise hatten die ersten Wolkenkratzer in die Höhe schießen lassen. Auf dem Ausstellungsgelände am Michigansee erwartete den Besucher eine "Stadt phantastischer Paläste", die mit ihren Triumphbögen, Arkaden, Säulen und Brückenbögen wie ein "Traumbild des alten Europa" schien. Vor allem die elektrische Beleuchtung gab der künstlichen Welt der "World's Fair" einen ungewohnten Glanz. Osnabrück bekam erst 18 Jahre später elektrischen Strom. 

Qualität made in Germany

Auf der Weltausstellung, die sich in Anlehnung an den berühmten Seefahrer "World's Columbian Exposition" nannte, bildete das von Haarmann vertretene Verkehrswesen mit Eisenbahnen, Schiffen und Fuhrwerken einen von zwölf Pfeilern. Andere Themen waren Landwirtschaft und Fischerei, Bergwerke, Industrieerzeugnisse, Elektrizität, Völkerkunde und schöne Künste. Aus Osnabrück beteiligten sich mit der Gasuhrenfabrik Kromschröder und der "Pianoforte-Fabrik und Orgelbau-Anstalt Gebrüder Rohlfing" zwei weitere Unternehmen.  

"Eine Stadt phantastischer Paläste": In diesem säulengeschmückten Gebäude präsentierte sich die Industrie auf der Weltausstellung 1893. Foto: Museum Industriekultur

Deutsche Firmen, so fasst Rolf Spilker zusammen, gaben 1893 auf der "World's Fair"ein gutes Bild ab und heimsten einen beträchtlichen Teil der vergebenen Preise ein. Zufrieden vermerkte August Haarmann, dass sich die anfangs mit spöttischer Geringschätzung verwendete Bezeichnung "Made in Germany" inzwischen zu einem Qualtätssiegel entwickelt hatte – für Dinge, "welche sich durch ihre Güte hervorthun".

Der Generaldirektor aus Osnabrück sonnte sich aber auch in der Anerkennung der von ihm initiierten Gleissammlung. Einige Amerikaner hätten sich zwar anfangs über die "old rails" mokiert, dann aber den "wissenschaftlichen Ernst und den hohen wirtschaftlichen Wert" der 70 Exponate zu würdigen gewusst, hielt er in seinen Aufzeichnungen fest. Als Preisrichter mussten Haarmann und seine Mitstreiter mit einem "unentwirrbaren Chaos" fertig werden, das durch schlechte Vorbereitung, Unpünktlichkeit und andere Nachlässigkeiten zustande kam.

Kloset und Badezimmer

An der 1,4-Millionen-Einwohner-Metropole Chicago hatte der Stahlwerkschef auszusetzen, dass nur ein Bruchstück des Stadtgebiets bebaut und mit gepflasterten Straßen versehen war. Den "zwischen stillosen Bauten und Holzbaracken" platzierten Wolkenkratzern mochte er eine architektonische Wirkung nicht zuerkennen. Allerdings fand er anerkennende Worte dafür, dass sie "mit dem ganzen Ausbund amerikanischen Komforts, Zentralheizung, Beleuchtung, Wasserleitung, Badeanlagen und allen erdenklichen elektrischen Hülfsmitteln ausgerüstet sind".

Besonders erwähnenswert fand Haarmann, "daß in der Nähe jedes Schlafzimmers sich ein Kloset und ein Badezimmer befinden, was für den Reisenden von sehr großer Annehmlichkeit ist." Im Gegensatz zu den hygienischen Verhältnissen im Privaten werde der Aufenthalt im öffentlichen Raum aber durch unerträglichen Schmutz zur Qual, "weil der kolossale Verkehr und das ewige Wagengewimmel eine eigentliche Straßenreinigung gar nicht durchführbar erscheinen lassen".

Es blitzt im Munde

Auch die Menschen betrachtete der Reisende mit kritischem Blick. "Was den an die Würdigung von Abstammung, Erziehung und Stand gewöhnten Europäer bei Nordamerikanern am meisten abstößt, ist die Protzigkeit", notierte Haarmann in seinem Tagebuch. Merkwürdig fand er auch "die vielen Goldplomben und vollständigen Goldzähne, welche die Amerikanerin verwendet, und nicht selten blitzt es im Munde einer amerikanischen Dame derartig, daß damit die Ansicht, nur 'Morgenstunde habe Gold im Munde', gründlich zunichte gemacht wird".

Befremdet äußerte sich der Patriarch über das von ihm wahrgenommene Rollenverhalten: "Im Uebrigen weiß die amerikanische Frau sehr wohl zu repräsentiren, versteht dagegen in der Regel wenig von Küche und Haushalt und nimmt auch zu ihrem Manne, wie zur Familie eine ganz andere Stellung ein, als wie die deutsche Frau".


Vom Bäckerssohn zum Industriemanager

August Haarmann (1840-1913) wuchs als Sohn eines Bäckers und Gemischtwarenhändlers im Ruhrgebiet auf. Er arbeitete mehrere Jahre im Bergbau und finanzierte sich mit dem Lohn ein Ingenieursstudium am Königlichen Gewerbeinstitut in Berlin. Nach Anstellungen im Hütten- und Schienenwalzwerk Steele und an der Henrichshütte in Hattingen wurde er 1872 Direktor der Osnabrücker Eisen- und Stahlwerke,  wenig später Generaldirektor des daraus hervorgegangenen Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenvereins (GMBHV), zu dem neben den Stahlwerken in Osnabrück und Georgsmarienhütte die Kohlezeche am Piesberg gehörte. Haarmanns Name steht für zahlreiche Verbesserungen und Patente im Eisenbahn-Oberbau. 1889 wurde er zum Präsidenten der Handelskammer Osnabrück gewählt, außerdem betätigte er sich als Senator der Stadt Osnabrück und als Mitglied des Bürgervorsteherkollegs in der Kommunalpolitik. Der Haarmannsbrunnen am Herrenteichswall, ein von ihm gestiftetes Denkmal für die Bergarbeiter, erinnert bis heute an den umtriebigen Industriemanager. 

Über seine Reise nach Chicago hat August Haarmann einen Bericht geschrieben, der 1894 als Buch erschien. Ein Reprint wird im Herbst vom Museum Industriekultur herausgegeben. Museumsleiter Rolf Spilker hält am 18. Oktober um 19 Uhr im Haseschacht einen Vortrag zu dem Thema.

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