Serie: Politiker und ihre liebsten Kulturorte Heidi Reichinnek findet in der Stadtbibliothek Chancen für alle

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Ihr Herz schlägt für die Politik: Heidi Reichinnek (Die Linke) in ihrem Lieblingskulturort, der Stadtbibliothek. Foto: David EbenerIhr Herz schlägt für die Politik: Heidi Reichinnek (Die Linke) in ihrem Lieblingskulturort, der Stadtbibliothek. Foto: David Ebener

Wohin zieht es die Mitglieder des Kulturausschusses, wenn sie Kultur erleben wollen? Im vierten Teil unserer Serie erklärt Heidi Reichinnek (Die Linke), warum sie die Stadtbibliothek so liebt.

Den Lieblingsort im Lieblingsort von Heidi Reichinnek zeichnet der Signaturbuchstabe „G“ aus und der Begriff „Politik“. Wie in so vielen Fachgebieten ist die Stadtbibliothek hervorragend mit Büchern zum diesem weiten Themenfeld ausgestattet; 2055 Treffer weist der elektronische Katalog aus, wenn man „Politik“ in die Suchmaske tippt. Das geht von „1648 – Krieg und Frieden in Europa“ bis hin zu „Zwischen Macht und Freiheit: Neue Musik in der DDR“. Ein reicher Fundus, aus dem sich Reichinnek oft bedient. Weiterlesen: Es müssen nicht immer Bücher sein - Gaming-Abend in der Stadtbibliothek

Niedrige Schwelle

Das allein aber macht die Institution im Herzen der Stadt noch nicht zum Lieblingskulturort der Linken-Abgeordneten. „Die Stadtbibliothek bietet allen Menschen die Chance, etwas für sich zu entdecken“, sagt sie. „Alt, Jung, Migranten“ würden fündig, sagt sie, und im Gegensatz zu Theater, Kunsthalle, Museum sei die emotionale Schwelle niedrig.

Hilmar Hoffmanns geflügelter Begriff von der „Kultur für alle“ klingt da an. Damit erschöpft sich der Anspruch aber keineswegs, den die Politikwissenschaftlerin an Kultur anlegt. Sehr schnell schwenkt sie nämlich auf die Themen ein, die ihr am Herzen liegen, wobei sie diesen Schwenk ganz elegant über Bertolt Brecht vollführt. Gefragt, welches Buch ihr Leben geprägt hat, gibt sie zwei Antworten: Da ist einmal Harry Potter; den hat sie mit zehn Jahren kennengelernt; die Dreißigjährige zählt ohne Frage zu der Generation, die ihre literarische Sozialisation wenigstens zum Teil in Hogwarts erhalten hat. Dann ist sie aber bei Brecht: „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, eine Parabel über Hitlers Machtergreifung, begleitet Reichinnek durchs Leben. Das Stück sei „heute aktueller denn je“, sagt sie. Aufmerksam beobachtet sie, „wohin die politische Landschaft rückt“, dass die AfD die sozialen Sicherungssysteme aushebeln will. „Und selbst ,Die Zeit‘ fragt, ob wir Flüchtlinge retten sollen“, sagt sie. „Ich bin froh, dass es in Osnabrück eine starke Szene gibt, die sich dagegen einsetzt“, sagt sie. Weiterlesen: Zum Lesen animieren will der Julius-Club

2016 ist Reichinnek in den Rat der Stadt gewählt worden, und von Anfang an übt sie im Kulturausschuss ein Grundmandat aus. Stimmrecht gewährt ihr das nicht, wohl aber das Recht, mitzureden und Anträge zu stellen. Ihr Haltung kann sie also in jedem Fall formulieren: „Es ist mir wichtig, Kultur für alle zu öffnen“, sagt sie, über „Formate, die alle erreichen“. Die Stadtbibliothek spielt da eine wichtige Rolle.

„Hafez“ heißt das Projekt der Evangelischen Jugendhilfe Belm, für das Reichinnek arbeitet, ein Modellprojekt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ). Ziel des Modellprojekts ist es, junge, zumeist männliche Geflüchtete aus den Kriegsgebieten in Syrien, Afghanistan und Irak davor zu bewahren, in den radikalen Islamismus abzudriften. Kultur spielt dabei durchaus eine Rolle, deshalb klingt im Titel des Projekts eine kulturelle Dimension an: Hafez ist jener persische Dichter, der Goethe zum „West-östlichen Divan“ angeregt hat. Wichtiger ist aber vielleicht die Bedeutung des Wortes: Es lasse sich mit „bewahren“ oder „schützen“ übersetzen, sagt Reichinnek. Neben Politikwissenschaft hat sie Nahoststudien belegt, sieben Monate in Kairo gelebt und Hebräisch und Arabisch gelernt.

Harry Potter auf arabisch

Den ihr anvertrauten Jugendlichen hat Reichinnek die Stadtbibliothek bereits gezeigt; eine Führung mit Bibliotheksleiterin Martina Dannert ist ihr sehr warm in Erinnerung geblieben. Der Besuch verkörpert all das, was die Bibliothek zu Reichinneks Lieblingskulturort macht: Dannert erzählt viele praktischen Dinge über Bibliotheksausweise, Ausleihe und Rückgabe. Aber sie kann auch sehr schön vorführen, wie die Bibliothek dem Anspruch als Ort für alle gerecht wird – selbst wenn die Gäste nur arabisch sprechen oder lesen. Für die gibt es Wörterbücher, klar. Wer sich aber mal in eine andere, zauberhaftere Welt versetzen will, für den gibt es „Harry Potter“, übersetzt ins Arabische.


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