Abschied vom Standort Osnabrück Wiedervereinigung besiegelte Ende der Luftwaffen-Regimenter

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Osnabrück. Das Ende des Kalten Krieges und die Verschmelzung der Bundeswehr mit der NVA der ehemaligen DDR hatten umfangreiche Umstellungen und Truppenreduzierungen zur Folge, auch in Osnabrück. Vor einem Vierteljahrhundert, im Juli 1993, verließ das Fernmelderegiment 11 die General-Martini-Kaserne am Hauswörmannsweg.

In Militärkreisen wurde verhalten kritisiert, dass man in Osnabrück eine intakte Infrastruktur verlassen müsse, während man am neuen Standort Visselhövede in ein Provisorium einziehe. Auch im Osnabrücker Rathaus war man „not amused“. Immerhin sorgte die Bundeswehr mit den beiden Fernmelde-Regimentern am Hauswörmannsweg, den Sanitätern an der Artilleriestraße und dem Bundeswehrkrankenhaus am Natruper Holz für einen jährlichen Kaufkraftzufluss von 80 Millionen DM.

880 Soldaten und 584 Zivilbeschäftigte waren ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit zu den größten innenpolitischen Problemen gehörte. Die Sorgen wurden nicht kleiner durch den Umstand, dass auch die Zukunft der britischen Truppen in Osnabrück an einem seidenen Faden hing. Tatsächlich sollte deren Stationierung 2008 enden.

Von der Bonner Hardthöhe war indessen zu vernehmen: „Ballungsstandorte“, die auch eine Universität haben, sollen „entlastet“, das heißt: geschlossen werden. Standortpolitik als Strukturpolitik bedeutete für Osnabrück konkret: Alle Bundeswehreinheiten werden abgezogen. Als Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg dies im Mai 1991 bekannt gab, herrschte im Rathaus zunächst Bestürzung über die vollendeten Tatsachen, dann die pflichtgemäßen Proteste, aber schon nach einigen Monaten gewann die Einsicht in die unumgänglichen Folgen der weltpolitischen Umwälzungen die Oberhand. Die Planer machten sich an die Arbeit, das zentrumsnahe, 26 Hektar große Areal am Hauswörmannsweg für zivile Nutzungen zu entwickeln. Im Juli 1993 verließen die „11er“ Osnabrück und im September 1994 auch die „71er“.

Die Geschichte der Bundeswehr in Osnabrück begann im Frühjahr 1957. Die Briten räumten einen Teil der Von-Stein-Kaserne am Westerberg, um Vorauseinheiten der Fernmelder Platz zu machen. Die Fernmelder warteten auf die Fertigstellung ihres eigenen Kasernenareals am Hauswörmannsweg. Hier baute die Luftwaffe um die Keimzelle einer Vorkriegs-Flak-Kaserne herum ihren neuen Standort.

Ende 1961 bezog das spätere Fernmelde-Regiment 11 den südlichen Teil, im Oktober 1962 folgte das Fernmelde-Regiment 71 in den nördlichen, an Johannisfriedhof und Kreisberufsschule angrenzenden Teil. 1965 erhielt das Gelände den Namen General-Martini-Kaserne.

Namensgeber war Dr. Ing. Wolfgang Martini (1891– 1963), der in den Kaiserlichen Luftstreitkräften, als General der Luftnachrichtentruppe unter Hitler und auch noch nach 1956 wesentliche Erfindungen auf dem Fernmeldesektor in ihrem Wert erkannte und die militärische Nutzung umsetzte. Die Osnabrücker Fernmelder hatten den Auftrag, den gegnerischen Funkverkehr abzuhören, Flugbewegungen zu verfolgen und Funk- und Radardienste der Warschauer Pakt-Streitkräfte zu stören.

Mit der deutschen Einheit und der Auflösung des Warschauer Pakts war der Bundeswehr das Feindbild abhandengekommen. Die Lauschantennen in Richtung DDR wurden arbeitslos. Auf die Osnabrücker Fernmelder kamen neue Aufgaben zu. Die „11er“ bauten eine Funkstrecke bis Strausberg bei Berlin auf, um das DDR-Gebiet in das Kommunikationsnetz der Bundeswehr einzubinden. Der stellvertretende Kommandeur Oberstleutnant Bösenberg und weitere Offiziere wurden in den Osten abkommandiert, um dort ein neues Fernmelderegiment aufzubauen. Auf dem Kalkhügel ging die Sorge um, ob wohl bald weitere Regimentsteile abgezogen werden würden.

Im Dezember 1990 verhängte das Verteidigungsministerium dann einen Baustopp für Osnabrück. Der begonnene Bau eines strahlungssicheren Bunkers – bis 1992 sollten 70 Millionen DM verbaut werden – wurde abgebrochen. Das Regiment 11 kam nach Visselhövede am Rand der Lüneburger Heide, das Regiment 71 teils nach Dannenberg und Berlin-Gatow, und teils löste es sich auf.

Der Weg war frei für Osnabrücks erste große Konversion eines Militärgeländes. Wohnhäuser, Bundes- und Landesbehörden, Bildungsstätten, Firmen, Hilfsorganisationen, ein Sportverein und eine freikirchliche Gemeinde sorgen heute für ein ausgesprochen buntes Bild der Nachnutzung.

Keine Tore und Schlagbäume mehr: Über die Mercatorstraße ist das umgenutzte frühere Kasernengelände frei zugänglich. Die frühere Hauptwache (rechts) ist jetzt ein Wohn-Bungalow. Foto: Joachim Dierks

Das ehemalige Unteroffiziersheim wandelte sich zum griechischen Restaurant „Pontos Park“. Hier treffen sich die in Traditionsvereinen organisierten ehemaligen „11er“ und „71er“ regelmäßig zu Stammtischen und Kegelabenden und tauschen Erinnerungen an Osnabrücks Luftwaffen-Vergangenheit aus.


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