Unverständnis, Fragen und Wut Warum musste das „La Vie“ so plötzlich schließen?

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Das Türschild ist weg, das "La Vie" gibt es nicht mehr. Foto: Stefanie HiekmannDas Türschild ist weg, das "La Vie" gibt es nicht mehr. Foto: Stefanie Hiekmann

Osnabrück. Am Montag ist die Bombe geplatzt: Das Osnabrücker „La Vie“ schließt seine Türen – sofort und für immer. Einen Tag nach der unerwarteten Nachricht sprachen wir mit den Mitarbeitern über das, was sich am Wochenende im Haus Tenge ereignet hat.

Am Freitagabend haben sie ihren letzten Service geschickt. Der letzte Hauptgang, das letzte Dessert, die letzten Petit-Four – niemand ahnte, dass es das letzte Mal sein würde. 28 Mitarbeiter dachten, sie würden in ihren wohl verdienten Sommerurlaub starten. Die Familien besuchen, mit den Partnern durch die Welt reisen, Füße hochlegen. Doch daraus wurde nichts. Denn Samstagmittag kam der große Knall: Das Osnabrücker Drei-Sterne-Restaurant „La Vie“ schließt. 

Patron Thomas Bühner hat das schwere Wissen für vier Wochen mit sich herumtragen müssen, ohne auch nur das Geringste verraten zu dürfen. „Ich habe es gemieden, den Mitarbeitern in die Augen zu schauen“, sagt er. Telefonate wurden verschoben. Hauptsache kein unnötiger Kontakt nach außen. Hauptsache nicht lügen müssen.

Eigentlich sollte Samstag der Abend sein, an dem alle in den Urlaub gehen. Jedes Jahr wieder: Der große Service vor den Ferien. In der Küche wurde sonst gefeiert, abends ist man sonst noch losgezogen. Die Belohnung für die zurückliegende Saison – jedes Jahr wieder, Highlights, die dazu gehören, wie das Zeugnisessen für Kinder vor den langen Schulferien. 

"Ein Team ist zerstört worden"

Doch dazu kam es dieses Jahr nicht. Samstagmittag hat Thomas Bühner alle 28 Mitarbeiter dort zusammenkommen lassen, wo sie zwölf Jahre lang für Gäste aus aller Welt Menüs serviert und Weine gereicht haben. Ein Raum, der für Glanz, für Genuss, für Spitzenküche auf Weltniveau steht, in diesem Raum eröffnete Thomas Bühner nun seinen Mitarbeitern, dass Schluss ist. Nicht seine Idee, nicht sein „Wunschkonzert“, wie er sagt. Nein, er gibt nur das weiter, was die Georgsmarienhütte GmbH aus wirtschaftlichen Gründen beschlossen hat. (Weiterlesen: Osnabrück verliert Leuchtturm mit internationaler Strahlkraft – ein Kommentar)



„In diesem Moment ist ein Team zerstört worden“, sagt Tobias Pietzsch, ehemaliger Souschef im „La Vie“ und Küchenchef des Zweitrestaurants „Tasty Kitchen“. Zehn Jahre sei das Restaurant seine Heimat gewesen, ein Ort, an dem er nicht nur gearbeitet hat. Nein, er habe dort vor allem auch gerne gelebt. Einige Kollegen haben Tränen verdrückt, einige geweint, einige einfach nur stillschweigend zwei Stunden lang auf den Boden geschaut. Aus einigen platzten die Sorgen und Fragen panisch heraus, einigen fehlten die Worte. 

Aufenthaltsgenehmigung erlischt

Was passiert mit dem Geld, mit meiner Miete? Gilt das jetzt für sofort? Was ist mit geplanten Veranstaltungen, was passiert am 8. August, wenn alle wieder arbeiten sollten? Und: Was passiert mit einem Visum, das mit der Kündigung erlischt? „Das ist für mich einer der härtesten Fälle“, sagt Timo Fritsche, der zuletzt drei Jahre lang als Küchenchef an der Seite von Thomas Bühner gearbeitet hat. Sunan, einer seiner Kollegen, stammt aus Südkorea. Über sechs Jahre hat er im „La Vie“ gekocht. Nun erlischt seine Aufenthaltsgenehmigung mit dem Tag der Kündigung. Quasi sofort. Rund die Hälfte der Mitarbeiter kommt aus dem Ausland. Aus Asien, Italien, Polen, Österreich, aus den Niederlanden. Dieses junge, internationale Team gibt es nun nicht mehr. 

Eine andere Kollegin aus dem Service fragt sich, was aus ihrer Ausbildung wird. Die letzte Prüfung fehlt gerade noch. Und ja: Wer den Alltag in einer Spitzenküche kennt, der weiß auch, dass sich Beziehungen schnell am Arbeitsplatz finden. Die unchristlichen Arbeitszeiten tragen nicht zuletzt dazu bei. Was passiert aus diesen Beziehungen? Können alle zusammenbleiben? Kann das jeder finanziell so halten oder wird es Übergangslösungen geben müssen? Fragen über Fragen. Fragen über die Zukunft von 28 Menschen.

„Wenn sie uns gesagt hätten, dass es ihnen Leid tut, sie aber das Restaurant zum Ende des Jahres schließen, dann hätte es auch lange Gesichter gegeben, aber was hätte man nicht alles tun können?“, fragt Fritsche. „Die Leute hätten sich auf neue Jobs bewerben können, wir hätten hier noch ganz, ganz tolle Aktionen zur Verabschiedung unserer Gäste veranstalten können. Wir hätten alle unser Gesicht wahren können.“ Doch diese Zeit gab es nicht. Das Unverständnis über das Wie ist groß. „Es geht nicht um die Entscheidung als solche“, sagt der Küchenchef. Es ist normal, dass solch ein Projekt nicht ewig laufen kann. Gerade wenn es ein Zuschussgeschäft ist. Doch das war es nicht erst seit gestern. Warum also muss alles jetzt so plötzlich, so abrupt „und so unfair“ enden?

Vier Jahre Arbeit für die Tonne

Die Kühlschränke sind nicht leer. In einem hat Timo Fritsche seine Fermentationsversuche. Sein Gemüse, das er teils vor vier Jahren angesetzt hat, um zu schauen, was passiert, wenn man Zutaten zufügt, wenn man es gären lässt. Versuche, die für neue Teller gedacht waren, für neue Erfolge, für neuen Genuss für den Gast. „Was passiert damit?“, fragt er, schüttelt den Kopf und weiß: „Es wird einfach in die Tonne wandern, vier Jahre Arbeit, all das Wissen, einfach in die Mülltonne.“

„Das sehe ich noch nicht so“, sagt Thomas Bühner und versucht die Stimmung etwas zu beruhigen. Er wird sein Team so gut es geht unterstützen, dass es weiter geht. Auf neuen beruflichen Wegen. Und sicher auch mit Fermentationsansätzen und anderen kulinarischen Schätzen, die noch in den Räumen des „La Vie“ schlummern und in denen wertvolle Zeit, Energie und Wissen steckt. Er versucht nun, nach vorne zu schauen: „Wo sich Türen schließen, da öffnen sich auch neue.“

Was hinter den Türen des ehemaligen „La Vie“ passiert, ist noch nicht bekannt. Klar ist, dass es bereits Pläne gibt. Doch wie diese aussehen, darüber wird wieder Stillschweigen bewahrt.

Fernsehkoch Rosin vergreift sich im Ton

Währenddessen gibt es aus der Fachwelt mediale Anteilnahme: Die Social-Media-Kanäle sind gut gefüllt mit guten Wünschen, Dank und Kommentaren von namhaften Kollegen aus der Spitzengastronomie. Vereint haben sich viele Kollegen gegen einen Beitrag von Fernsehkoch Frank Rosin gestellt: Er postete am Montag in seinen Instagram-Stories ein Bild des Osnabrücker Drei-Sterne-Kochs mit dem Kommentar „Kochen kann er ja! Jetzt muss er nur noch lernen Geld zu verdienen“. „Wie unfassbar daneben und unkollegial muss man drauf sein, wie der anstandslose Herr Rosin!? Schäme mich gerade fremd!“ kommentierte daraufhin Bühners Drei-Sterne-Kollege Christian Bau, dem sich viele Kollegen, darunter zum Beispiel auch Sven Elverfeld, Kevin Fehling und Jan Hartwig direkt angeschlossen haben. Frank Rosin hat seinen Beitrag nach der Kritik nach kurzer Zeit aus dem Netz entfernt.


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