Was ist ein Held? Osnabrücker Autor blickt in die Seele des Krieges

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Osnabrück. Christian Hardinghaus aus Osnabrück sorgt mit zwei Büchern über die Geschichte eines Truppenarztes im Zweiten Weltkrieg für Aufmerksamkeit. Gleichzeitig regt er eine Diskussion darüber an, was Heldentum bedeuten könne und wie wir heute mit den Lebensgeschichten der Soldaten dieser „dunklen Zeit“ umgehen sollten.

In zwei Büchern widmet sich der promovierte Historiker und Schriftsteller Christian Hardinghaus einem brisanten Thema und einer historisch mutmaßlich einmaligen Begebenheit: Das Sachbuch „Wofür es lohnte, das Leben zu wagen“ und der Roman „Ein Held in dunkler Zeit“ setzen sich mit dem Schicksal von Dr. Helmut Machemer, einem Truppenarzt im deutsch-sowjetischen Krieg, auseinander, der mit dem Einsatz seines eigenen Lebens seine „halbjüdische“ Ehefrau und die gemeinsamen Kinder retten konnte. Der auf dieser Geschichte aufbauende und im historischen Osnabrück der Nazizeit spielende Roman „Ein Held dunkler Zeit“ ist im April aus dem Stand auf Platz 19 der unabhängigen Bestsellerliste des Börsenblattes geschossen.

 

Die Arbeiten an beiden Büchern dauerten über drei Jahre. Hardinghaus hatte Hans Machemer, Sohn von Helmut Machemer, im Zuge anderer Recherchen kennengelernt. Das Material, das Hardinghaus bei dem heute 84-Jährigen vorfand, überraschte ihn. Machemer hatte hunderte Briefe und Dokumente sowie tausende Fotos und mehrere Stunden Filmmaterial von der Ostfront aufbewahrt, die sein Vater der Familie hinterlassen hatte. Und die Geschichte, die hinter dem Material steckt, ist ebenso dramatisch wie auch historisch bedeutend. Der Truppenarzt hatte es offenbar geschafft, durch Tapferkeitsauszeichnungen für das Vaterland, Hitler davon zu überzeugen, seine Frau und seine Kinder zu „arisieren“.

 

Machemers Frau Erna war „Halbjüdin“. Als „Mischling 1. Grades“ – wie es im Nazi-Jargon hieß - durfte Erna nicht mehr weiter Medizin studieren. Und auch Helmut bekam den Druck des Regimes zu spüren. Er sollte sich auf Geheiß der Machthaber von seiner Frau und den gemeinsamen Kindern trennen, hielt aber standhaft zu seiner Familie, auch als er wegen seiner „Mischehe“ die Kassenzulassung verlor. Um Frau und Kinder vor dem Nazi-Wahn zu schützen, musste er eine Lösung finden.

 

Sogenannte „Halbjuden“ wurden verschont, wenn sie „kriegsentscheidend“ sein konnten. So schützte Hermann Göring beispielsweise den Generalinspekteur der Luftwaffe Erhard Milch. „Bizarrerweise gingen die Nazis davon aus, dass von ihnen sogenanntes deutsches Heldenblut gegenüber dem von ihnen als minderwertig betrachtetem jüdischen Blut dominant sei und dieses in den Nachfolgenerationen rauswaschen würde“, beschreibt Hardinghaus die krude Vorstellung der Zeit. Helmut erfuhr so von einer nicht offen kommunizierten Ausnahmeregelung in der NS-Rassengesetzgebung und sah sich gezwungen, „Held“ zu werden. So zog er an die Front, in der Hoffnung, durch gute Leistungen ein Gnadengesuch bei Hitler zum Erfolg zu führen. „Es gibt keinen weiteren bekannten Fall, in dem das so funktioniert hat“, sagt Hardinghaus.

 

Heldenhafte Taten im Sinne der Naziideologie konnten eigentlich nur im Krieg geleistet werden. So meldete sich Helmut noch am Tage des Kriegsausbruches freiwillig. Der Einsatz in der Sanitätskompanie war für ihn dabei bald nicht mehr interessant, da diese Kilometer von der Front entfernt lag und kaum „Heldentaten“ zuließ. Als Truppenarzt der 16. Panzer-Aufklärungs-Abteilung in der Südukraine ließ sich Helmut schließlich direkt zur Hauptkampflinie versetzten - mit Maschinepistole und Arztkoffer bewaffnet. Immer wieder brachte er sich selbst in Gefahr, rettete Kameraden und erreichte schließlich, mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet zu werden und die Beförderung in den Offiziersrang u erwirken. Hitler ließ später Erna und die Kinder für „deutschblütig“ erklären. Die Familie war gerettet. Mit Machemer selbst meinte es das Schicksal nicht gut. Kurz nach der Rettung seiner Familie starb er bei einem Granateinschlag.

 

In der Zeit an der Front schrieb Machemer Briefe nach Hause, die Hardinghaus in seinem Sachbuch dokumentiert. Der Brief- und Fotodokumentation stellt er eine historische Einordnung voran. „Wir wollten aber nicht bewerten“, sagt Hardinghaus. „Gerade direkt in die Gedankenwelt und das Gefühlsleben eines Arztes und Soldaten hineinschauen zu können, macht die Dokumentation so authentisch.“

 

Um diese Geschichte einem breitem Publikum zugänglich zu machen, schrieb Hardinghaus auf der Grundlage der dokumentierten Fakten den Liebes- und Antikriegsroman „Ein Held dunkler Zeit.“ Zur Liebesbeziehung der realen Protagonisten vor dem Krieg waren nur Eckdaten bekannt. „Hier musste ich Lücken füllen und dramatisieren“, sagt der Historiker, der die Hauptfiguren Wilhelm und Annemarie Mö̈ckel nennt und ihre Geschichte vom einstigen Sanitätssoldaten Friedrich Tönnies erzählen lässt. „Die Orte, Daten und Geschehnisse während des Krieges in Russland sind sehr nah am Original“, sagt Hardinghaus. „Die Entwicklung der Liebesgeschichte in der Heimat ließ mir die Freiheit, diese nicht wie in der Realität im Münsterländischen Stadtlohn, sondern hier bei uns in Osnabrück spielen zu lassen.“  

 

Um die Geschichte auch hier historisch korrekt schreiben zu können, ist Hardinghaus tief in das Osnabrück der 30er Jahre eingetaucht. Alte Stadtpläne, bedeutende Orte der NSDAP-Diktatur aber auch der Theaterplan vom Sommer 1932 flossen in seine Arbeit mit ein. So erhält auch der Leser einen Eindruck der Stadt in der NS-Zeit.

Beide Bücher zeigen die Absurdität und die Tragik im NS-System, aber auch, wie es für einen sensiblen, gebildeten und unpolitischen Menschen an der Front gewesen sein muss, wie er sich verändert. Machemer erlebte Kriegsverbrechen, sah, wie Menschen im Krieg verrohen. Seine Briefe zeigen aber auch die andere Seite. Die Hilfsbereitschaft unter Kameraden und auch, wie Feinde sich gegenseitig halfen. So sind die Schilderungen auch welche von Menschlichkeit und Hoffnung in einer fast hoffnungslosen Zeit. „Im Grunde waren die meisten selbst Opfer ihrer Tyrannen“, sagt Hardinghaus.

Die Bedeutung des historischen Materials wie auch der Romangeschichte haben weitere Akteure auf den Plan gerufen. „Es gibt internationales Interesse an einer Verfilmung“, so Hardinghaus. Selbst Hollywood habe sich schon nach den Verfilmungsrechten erkundigt.  Der Europa-Verlag stellte beide Bücher auf der Buchmesse in Leipzig vor. Hardinghaus: „Das Interesse war überwältigend.“


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