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16.07.2018, 11:08 Uhr KOMMENTAR ZUR SCHLIEßUNG DES „LA VIE“

Osnabrück verliert Leuchtturm mit internationaler Strahlkraft

Kommentar von Arne Köhler

Ambiente auf Weltniveau bot das „La Vie“ seinen internationalen Gästen. Damit ist es seit dem 16. Juli 2018 vorbei. Foto: David EbenerAmbiente auf Weltniveau bot das „La Vie“ seinen internationalen Gästen. Damit ist es seit dem 16. Juli 2018 vorbei. Foto: David Ebener

Osnabrück. Das Aus für das Drei-Sterne-Restaurant „La Vie“ dürfte in Osnabrück überwiegend gleichmütig aufgenommen werden – und teilweise sogar für etwas Schadenfreude sorgen. Dabei ist es eigentlich auch für die, die so einen Gourmettempel niemals betreten würden, ein Grund zum Traurigsein. Denn Osnabrück ist ohne „La Vie“ wieder ein Stückchen mittelmäßiger geworden. Ein Kommentar.

Das „La Vie“ hat geschlossen? Viele Osnabrücker werden diese Nachricht mit einem Schulterzucken quittieren, und so manchem wird vielleicht sogar ein „Recht so!“ entfahren. Denn so sehr sich Thomas Bühner auch angestrengt hat, neben den Notizbüchern der internationalen Restaurantkritiker auch die Herzen der normalen Bürger zu erreichen – das „La Vie“ und die Osnabrücker, das war nie eine ungetrübte Liebesbeziehung.

Zu hoch war für viele die Hemmschwelle, das Spitzenrestaurant in der Altstadt zu betreten. Von Neid und Missgunst gespeiste Fake News über angeblich an Gäste verteilte Rote Karten machten die Runde. Und einige empfanden die Preise im „La Vie“ sogar als echtes Ärgernis: Viele Familien und so mancher Rentner müssten schließlich jeden Euro zweimal umdrehen, hieß es – wie könne es da unter sozialen Gesichtspunkten akzeptabel sein, dass ein einziger Restaurantbesuch mit einer Rechnung im hohen dreistelligen Bereich endet?

Auch die Kommunalpolitik blieb spürbar auf Distanz, als könne zu viel Nähe zum „La Vie“ vom Wähler als Zeichen mangelnder Bodenhaftung missverstanden und abgestraft werden. So durfte sich der kulinarische Weltstar Bühner, der bei seinen Gastspielen im Ausland mancherorts empfangen wird wie ein Popstar, erst zum zehnjährigen Bestehen des „La Vie“ vor zwei Jahren ins Goldene Buch der Stadt eintragen – und damit deutlich nach dem jungen Osnabrücker Diskjockey Robin Schulz, dem diese Ehre bereits zu einem relativ frühen Zeitpunkt seiner Karriere zuteil wurde. Eigentlich wäre spätestens die Verleihung des dritten Michelin-Sterns – und damit der Aufstieg in die Weltelite – im Jahr 2011 der richtige Zeitpunkt für diese Geste gewesen.

Das „La Vie“ hat geschlossen? Auf die meisten Bürger wird das keine direkten Auswirkungen haben. Aber auch denjenigen, die das Restaurant niemals betreten haben und es auch niemals getan hätten, sollte bewusst sein, dass Osnabrück damit eine Institution von Weltrang verliert und in kulinarischer Hinsicht auf einen Schlag ins Mittelmaß abrutscht. Städte wie Berlin, Düsseldorf, Stuttgart oder Frankfurt haben ihren Bürgern und Gästen keine Drei-Sterne-Restaurants zu bieten. Osnabrück konnte sie in diesem Punkt bislang übertrumpfen. Die Strahlkraft des „La Vie“ lockte zahlungskräftige Gourmet-Touristen aus aller Welt in die Friedensstadt, die ihr Geld nicht nur im Haus Tenge ausgaben, sondern auch in Hotels und Geschäften. Damit ist es nun vorbei. Und das sollte auch für alle, die sich den Genuss eines Menüs auf Weltniveau niemals gegönnt hätten – weil sie es sich nicht leisten konnten oder schlicht nicht wollten – ein Grund sein, das Aus für das „La Vie“ eben doch mit etwas mehr als einem Schulterzucken zu quittieren.


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