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GMHütte-Gruppe steigt aus La Vie schließt: Osnabrück verliert Drei-Sterne-Restaurant

Von Wilfried Hinrichs und Stefanie Hiekmann

Geschlossen: das „La Vie“ an der Krahnstraße. Foto: David EbenerGeschlossen: das „La Vie“ an der Krahnstraße. Foto: David Ebener 

Osnabrück. Die drei Michelin-Sterne in Osnabrück sind erloschen: Das Spitzenrestaurant „La Vie“ in der Osnabrücker Altstadt schließt. Die Mitarbeiter haben am Samstag ihre Kündigung erhalten.

Die Georgsmarienhütte Holding GmbH, alleinige Gesellschafterin der La Vie GmbH, hatte nach Informationen unserer Redaktion bereits vor vier Wochen beschlossen, sich vom Restaurantgeschäft zu trennen. Sternekoch Thomas Bühner war zum Schweigen verpflichtet – bis zum vergangenen Samstag. Da eröffnete er seiner schockierten Belegschaft, dass das weltweit bekannte Restaurant und das „Tasty Kitchen“ sofort den Betrieb einstellen. Das Restaurant blieb am Samstag geschlossen, alle Reservierungen waren storniert worden. Die Stimmung in der Mannschaft sei wie nach einer Beerdigung gewesen, heißt es.

Mitarbeiter geschockt

„Das Vorgehen war nicht mein Wunschkonzert – ich habe es am 14. Juni erfahren und hatte bis Samstag Stillschweigen zu bewahren“, sagte Thomas Bühner am Montagmorgen unserer Redaktion. „Ich hätte es gerne nicht so kurzfristig gemacht, hatte aber keine Wahl. Ich habe es als Geschäftsführer nur so ausführen können, wie es die Gesellschafter gefordert haben.“

Seine Sorge gilt nun den Mitarbeitern: „Ich werde alles dafür tun, dass die Mitarbeiter nicht im Regen stehen bleiben. Es ist jetzt meine Hauptaufgabe, ihnen dabei zu helfen, dass es weitergeht.“ Rund 30 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Die Schwierigkeit besteht für sie darin, dass viele Restaurants aktuell Sommerpause machen und kein Personal einstellen.

Außerdem liege sein Hauptaugenmerk darauf, die Geschäfte sauber abzuwickeln, sagte Bühner: „Reservierungen müssen abgesagt, Gutscheine zurückgezahlt werden. Gut, wir sind nicht insolvent, wir schließen nur. Aber: Es müssen auch Geburtstage, Firmenfeiern, private und geschäftliche Essen bis zum Jahresende abgesagt werden.“ Wer einen Gutschein besitzt, kann diesen an das Restaurant schicken. Die Gutschein-Betrag werde umgehend ersetzt.

Foto: David Ebener

Über seine eigene Zukunft äußerte sich Thomas Bühner nicht. Er werde sich in Zukunft „neuen Aufgaben rund um die Gastronomieszene zuwenden“, heißt es in einer Pressemitteilung der Georgsmarienhütte Holding. Mit den Mitarbeitern würden Gespräche geführt, um gemeinsam eine Brücke für Anschlussbeschäftigungen zu finden.

Zuschussgeschäft

Es war kein Geheimnis, dass das Restaurant, das zu den 150 besten Restaurants der Welt zählt, wirtschaftlich immer unter Druck stand – wie die meisten deutschen Gourmetrestaurants dieser Güteklasse auch. Stahlbaron Jürgen Großmann hielt seine schützende Hand über das „La Vie“, das er in den Neunzigerjahren gegründet und 1999 von der Rheiner Landstraße in das neoklassizistische Haus an der Krahnstraße 1/2 geholt hatte. Damals kochte dort noch Jörg Riepe. Nach mehreren Wechseln kam vor zwölf Jahren Thomas Bühner nach Osnabrück. Mit ihm stieg das „La Vie“ (Angebotsmenüs ab knapp 150 Euro) in die gastronomische Spitzenklasse in Deutschland und Europa auf.

Das Restaurant in bester Lage in Osnabrück ist Teil der Georgsmarienhütte Holding. Die Gruppe ist ein Verbund mittelständischer Unternehmen, deren Herkunft und Schwerpunkt im Stahlgeschäft liegt. Der Betrieb eines Gourmetrestaurants zählt nicht zum Kerngeschäft der Holding. Das „La Vie“ galt stets als Steckenpferd von GMHütte-Gründer Jürgen Großmann. „Im Zuge der organisatorischen Neuausrichtung der GMH-Gruppe liegt der unternehmerische Fokus auf der Stahlherstellung und -verarbeitung“, heißt es in der am Montag veröffentlichten Mitteilung der Holding. Jürgen Großmann wird in der Mitteilung der GMH-Gruppe wird er mit keinem Wort erwähnt. Der „La Vie“-Mentor bleibt in der Deckung und äußert sich nicht.

GMH-Holding strukturiert sich um

Der Konzern steckt in einem tiefgreifenden Umbauprozess. Noch vor ein paar Jahren zählte die Gruppe, die sich im Eigentum von Großmann und seinen Kindern befindet, etwa 50 Einzelunternehmen. Derzeit sind es nur noch 23. Vor zwei Jahren gab es einen starken personellen Aderlass: Innerhalb von zwölf Monaten sank die Belegschaft von 10.369 auf 6778 Mitarbeiter. Vor diesem Hintergrund, so ist aus dem Umfeld des Konzerns zu hören, sei innerhalb der Holding der Betrieb eines nicht gewinnbringenden Spitzenrestaurants nicht mehr zu rechtfertigen gewesen.

Die Frage, ob sich das „La Vie“ wirtschaftlich selbst tragen könne, war stets Objekt wilder Spekulationen in Osnabrück. Thomas Bühner drückt es in einem Gespräch mit unserer Redaktion einmal so aus: „Ohne die kindliche Begeisterung Großmanns für dieses Thema wäre es schwer.“

Gäste aus aller Welt

Bühner kam 2006 mit einem Michelin-Stern dekoriert von der Hohensyburg nach Osnabrück. Schritt für Schritt erklomm der heute 56-Jährige mit seinem Team die kulinarischen Leitern. Kein Restaurantführer, keine Fachzeitschrift, kein Szenejournalist kam in den vergangenen zwölf Jahren am „La Vie“ vorbei. Auszeichnungen, Preise und Artikel in euphorischer Tonlage folgen in regelmäßigen Abständen. Drei Michelin-Sterne und 19 Punkte im Gault Millau erkochten Bühner und seine Mannschaft. Feinschmecker aus der ganzen Welt reisten an, um die Bühner‘sche Küche zu erleben. Das „La Vie“ wurde zu einem wichtigen touristischen Faktor.

Treffpunkt der großen Prominenz

Die Michelin-Sterne sind mit der Schließung des Restaurants erloschen. Osnabrück verliert damit auch seine Position als kulinarische Hauptstadt Norddeutschlands. Denn selbst Hamburg und Berlin haben Ähnliches nicht zu bieten. Auf gleichem Niveau kocht nur Sven Elverfeld im Ritz Carlton in Wolfsburg.



Und ein herausragender Promi-Treffpunkt ist damit aus der Stadt verschwunden: Zum „Salon de La Vie“ bat Jürgen Großmann einmal im Quartal Menschen der höchsten Prominenzstufe in die Krahnstraße zum gemeinsamen Genuss und zu tiefschürfenden Gesprächen. Zu Gast waren unter anderem Oliver Bierhoff, Manager der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, Mercedes-Chef Dieter Zetsche, Ex-Tagesthemenchef Ulrich Wickert, Altbundespräsident Joachim Gauck, Finanzminister Olaf Scholz oder der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Auf der Homepage bedankt sich das „La Vie“-Team bei seinen Gästen für deren „Loyalität, Vertrauen und die vielen schönen Stunden“ in den vergangenen Jahren. „Erst Sie, liebe Gäste, haben das la vie zu dem gemacht, was es bis zum Schluss war: eines der besten Restaurants unseres Landes und auch darüber hinaus. Bleiben Sie also weiterhin dem Genuss verbunden und passen Sie gut auf sich auf.“

Reaktionen aus Osnabrück

Marketingchefin Petra Rosenbach war am Montag persönlich von Bühner über die Schließung informiert worden. „Das ist absolut zu bedauern und ein Verlust für die Stadt“, sagte die Geschäftsführerin der Osnabrück Marketing und Tourismus GmbH (OMT). Sie schätze Bühner sehr als „überzeugten Botschafter Osnabrücks“, so Rosenbach. „Das hat er immer kommuniziert und ausgestrahlt.“ Bühner und das „La Vie“ sind nach ihren Worten stark in das Marketing und den touristischen Städtebund „Historic Highlights of Germany“ eingebunden. Vor allem in den USA und Asien werbe Osnabrück mit dem Sterne-Koch.

„Die Schließung des ‚La Vie‘ ist sicherlich auch für mich keine gute Nachricht“, ließ sich Oberbürgermeister Wolfgang Griesert am Montagmittag in einer Mitteilung des städtischen Presseamtes zitieren. „Auch wenn es in unserer Stadt weitere Spitzengastronomie gibt, verliert Osnabrück mit diesem Restaurant sein kulinarisches Aushängeschild“, so Griesert weiter. Drei Michelin-Sterne, zahlreiche weitere Auszeichnungen und eine außergewöhnliche Weinkarte stünden für eine internationale Klasse, die ihresgleichen suche. Mit dem „La Vie“ habe Osnabrück kulinarisch weltweit in der ersten Liga gespielt, das Restaurant sei zu einem Markenbotschafter der Stadt geworden. Griesert bezeichnete Bühner als einen der besten Köche der Welt. Er sei ein „authentischer, sympathischer und aufrichtiger Botschafter“ der Friedensstadt. Griesert: „Ich hoffe, er bleibt Osnabrück treu.“


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