Urlaub in Osnabrück Camping am Attersee: Hier bin ich Mensch, hier habe ich meine Ruhe

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Osnabrück. Schon nach ein paar Stunden im „Bullerby“ am Attersee ist klar: Camping ist kein Urlaub, Camping ist eine Lebensform. Zwischen Vorzelt und Gemeinschaftsdusche findet der Camper zu sich selbst – ein bisschen mehr Internet wäre aber trotzdem schön.

Die Stenzels grübeln. Ob sie jemals darüber nachgedacht haben, das Camping am Attersee aufzugeben? Nacheinander schütteln alle mit dem Kopf, dann fällt Tochter Vanessa etwas ein. „Als uns damals der alte Wohnwagen unterm Hintern weggegammelt ist. Sonst nicht.“

Seit Mitte der 80er-Jahre ist Familie Stenzel Dauergast auf dem Campingplatz am Attersee, sie gehört hier zum Inventar. „Wir haben damals in Osnabrück in der Ertmanstraße gewohnt“, erzählt Vater Wolfgang Stenzel, „und ich wollte einen Platz im Grünen, wo unsere Tochter auch mal ein paar Schritte geradeaus laufen kann.“ Zur Wahl standen Schrebergarten und Campingplatz, die Entscheidung fiel Wolfgang Stenzel aber nicht besonders schwer. „Camping ist weniger Arbeit.“

Vom Frühjahr bis in den Spätherbst kommen die Stenzels nun an jedem Wochenende an den Attersee. Eine halbe Stunde brauchen sie, um alles zusammenzupacken, und wenn sie durch die Schranke fahren, dann sind sie im Urlaub, in einer anderen Welt. Und das, obwohl ihr Haus in Eversburg gerade mal fünf Kilometer entfernt ist.

Was fehlt? „W-Laaaaan“

„Die Ruhe“, sagt Wolfgang Stenzel. „Die Ruhe ist das Schönste.“ Das Handy legt er zur Seite, von den Anrufen auf dem Festnetz bekommt er nichts mit, und die Stadt ist hier – nur ein paar Meter entfernt liegen Seeufer und Wald – eigentlich gar nicht mehr existent. Die scheinbare Enge im Wohnwagen, der Weg zu den Toiletten, der gemeinsame Schlafraum für mittlerweile drei Stenzel-Generationen – alles kein Problem. Nur eins fehlt Wolfgang Stenzel. Und das so sehr, dass er es in die Länge zieht: „W-Laaaaan.“

Carsten Knüppel guckt gequält. Seit acht Jahren betreibt er den Campingplatz am Attersee, und seit acht Jahren verzweifelt er an der elektronischen Infrastruktur. „Vorne im Büro habe ich Internet, aber ich kann der E-Mail dabei zugucken, wie sie reinkommt.“

Es ist nur eines von vielen Problemen, über die sich Carsten Knüppel beklagt. Wenn man mit dem gebürtigen Hamburger in seinem Golfmobil über den Platz fährt, vorbei an Camping-Parzellen mit Gartenzwergen, Topfpflanzen und Deutschlandfahnen, wähnt man sich neben „Stenkelfeld“-Hausmeister Gustav Gnöttgen aus der früheren Hörspiel-Reihe des NDR. „Wenn es zu warm ist, gebe ich die Tretboote nicht raus. Und mehr als drei Tretboote gleichzeitig gebe ich auch nicht raus, die spielen damit Auto-Scooter.“

Schlechte Rezensionen

Carsten Knüppel ist wahrlich kein Sonnenschein, bei Google verzeichnet sein Campingplatz viele katastrophale Rezensionen, in denen vor allem eines beklagt wird: die Unfreundlichkeit des Besitzers. „Das ist doch völlig in Ordnung“, sagt Knüppel. So etwas würden doch nur undankbare Tagesgäste schreiben, die könnten auch ruhig wegbleiben, genauso wie Jugendliche und junge Erwachsene in größeren Gruppen. Machen alle nur Stress.

Für zwei blinde Campinggäste hingegen hat er als Orientierungshilfe extra Kies vor die Toilettenanlagen gestreut, und dass die Stadtwerke die Busverbindung zum Attersee einstellen wollen, regt ihn auf. „Dann können die beiden ja ohne fremde Hilfe gar nicht mehr hierher kommen!“

„Des Campers Fluch ist Regen und Besuch“

Traurig wäre das nicht nur für das blinde Pärchen, das wir einige Minuten später beim Fischessen im Nachbargarten treffen. „Ralf kann wunderschön den Sonnenuntergang beschreiben, und wenn man mit ihm am See sitzt, erkennt er alle Vogelstimmen“, sagt Fischköchin und Dauercamperin Michaela Bzierzon, die wie 80 Prozent der regelmäßigen Gäste aus dem Ruhrgebiet kommt.

Der von ihr gelobte Ralf Bartelmus lächelt. Dann bringt seine Freundin Karin Boes alle zum Lachen, als sie von einem Abend erzählt, den die beiden Blinden ganz romantisch am See verbrachten. „Irgendwann ist uns aufgefallen, dass wir die ganze Zeit gar nicht aufs Wasser geguckt haben, sondern auf den Schilf.“ In den See gehen Ralf und Karin auf Anweisung von Carsten Knüppel nur noch, wenn sie am Ufer ein Radio laufen lassen. Zu oft kam es vor, dass sie ihre Einstiegsstelle nicht mehr fanden und schon mal auf der anderen Uferseite und damit im Wald landeten.

Zum Abschied vom Fischessen unter dem Vorzeltdach gibt uns der Mann von Michaela Bzierzon unter Gelächter noch einen Leitsatz mit auf den Weg: „Des Campers Fluch ist Regen und Besuch. Regen geht aber noch.“

Diese Ruhe eben

Dem kann sich ein Arnd Torberg nur anschließen. Der außer auf dem Kopf durchgängig behaarte Camper steht in Badehose in seiner Parzelle, posiert bereitwillig für ein Foto und erklärt, warum er seit Jahrzehnten an jedem Wochenende, auch im Winter, von Essen nach Osnabrück zum Camping fährt. „Hier kommt dich keiner mal spontan besuchen.“

Diese Ruhe eben. Man lebt Wohnwagen an Wohnwagen, teilt sich Toiletten und Duschen mit fremden Leuten, hört und sieht mehr, als die meisten Menschen hören und sehen möchten. Doch der Camper genießt die Ruhe. Ein Paradox, das man nicht verstehen muss. Aber wenn die Menschen glücklich sind, und das scheinen sie hier zu sein, kann man so einen Widerspruch ja einfach mal so stehenlassen.


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