Remarques Kaserne und die Nonnen Zehn verborgene Attraktionen in Osnabrück

Von Rainer Lahmann-Lammert

Schauplatz aus Remarques Roman Schauplatz aus Remarques Roman "Im Westen nichts Neues": Die Caprivikaserne ist zum Hochschul-Campus geworden. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Rathaus, Dom und Heger Tor kennen Sie schon? Osnabrück hat viele Attraktionen, die kaum ein Tourist zu Gesicht bekommt. Und die sogar manchen Einheimischen fremd sind. Zehn davon stellen wir hier vor.


Sauber restauriert: Das Äbtissinnenhaus am Kloster Gertrudenberg . Foto: David Ebener

Kloster Gertrudenberg und der Bürgerpark


Von der Klostermauer am Gertrudenberg lässt sich wohl der schönste Blick auf die Altstadt genießen. Das ehemalige Benediktinerinnenkloster, das 1803 nach fast 700 Jahren säkularisiert wurde, gehört heute zum Ameos-Komplex, einer psychiatrischen Klinik. Die zeitgemäße Nutzung bringt es mit sich, dass die ehemaligen Klostergebäude wie das Äbtissinnenhaus und die Klosterkirche einen perfekt restaurierten Blickfang bilden. In früheren Jahrhunderten ist das Kloster wegen seiner strategisch günstigen Lage immer wieder belagert, besetzt und beschädigt worden. Spaziergänger können sich fast auf dem gesamten Areal ungehindert bewegen und zugleich den Bürgerpark erkunden, den ältesten öffentliche Park der Stadt. Er ist sieben Hektar groß, besteht aus Wald-, Wiesen- und Rasenflächen mit zum Teil stattlichen Bäumen, aus Spielplätzen und Wasserbecken. 



Immer im Takt bleiben: Der "Musikexpress" der Malerin Angelika Walter unter der Eisenbahnbrücke an der Limberger Straße. Foto: Michael Gründel

Musikexpress

Die Eisenbahnbrücke an der Limberger Straße gehörte einmal zu den düsteren Orten der Stadt, an denen sich niemand gerne aufhielt. Mit ihrem "Musikexpress" hat die Malerin Angelika Walter diese-No-go-Area zu einem Anziehungspunkt gemacht. In ihrem Wandbild verschmelzen die Maschinenteile einer Lokomotive mit allerlei Musikinstrumente, und in den Abteilen tummeln sich illustre Gestalten wie die Blues Brothers, Ian Anderson von Jethro Tull und der reiselustige Goethe. 1986 kam Angelika Walters bunter Zug am Rande der Wüste langsam in Fahrt, zunächst nur an der östlichen Seite der Unterführung. Nach etlichen Erweiterungen ist der "Musikexpress" inzwischen 120 Meter lang. Und er steckt voller Details, die sich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen.



Nicht minder spektakulär als ein Wasserfall sind die Düte-Mäander am Kampweg in Hellern. Foto: Gert Westdörp

Die Düte-Mäander in Hellern

Die brutalste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade. Dass es schöner, schwungvoller und sanfter geht, zeigt uns die Düte auf ihrem Weg durch Hellern. Ihre Mäander sind bei näherer Betrachtung ebenso spektakulär wie ein Wasserfall. Flüsse, die durch die Landschaft schwingen können, haben eine größere Selbstreinigungskraft als kanalisierte Gewässer, und sie bieten weitaus mehr Pflanzen und Tieren einen Lebensraum. Zu den geschützten Arten an der Düte gehören die Groppe, ein kleiner, nachtaktiver Süßwasserfisch, und der Kammmolch, ein Lurch aus der Familie der Salamander. Wegen ihres Artenreichtums soll das 31 km lange Flüsschen, das in Wellendorf bei Bad Iburg entspringt und bei Lotte in die Hase mündet, unter Naturschutz gestellt werden. Wer die schönsten Mäander sehen will, fährt in Hellern bis zum Ende des Kampweges und hält sich dann rechts. 



Direkt an der Düte steht die Kapelle im Park des Marienheims in Sutthausen. Foto: Gert Westdörp

Die Kapelle am Gut Sutthausen

Klein, aber fein: Die Kapelle am Gut Sutthausen ist ein Geheimtipp für Paare, die sich trauen lassen. Weil der Vorgängerbau marode war, ließ der damalige Gutsherr Gottfried von Korff 1894 eine neue Kapelle an der Düte errichten. An den Rundbögen lässt sich ablesen, dass er ein Fan des neoromanischen Baustils war; an den grauen Hüttenziegeln, dass er keine Berührungsängste hatte, Recyclingmaterialien zu verwenden. Hüttenziegel wurden im nahegelegenen Stahlwerk Georgsmarienhütte aus einer Mischung von Hochofenschlacke und Zement gepresst. Die Kapelle hat auch innere Werte: Herausragend ist der farbige Schnitzaltar mit gotischen Figuren und Reliefs, die zum Teil auf den "Meister von Osnabrück" (um 1520) zurückgehen sollen. Sehenswert ist auch der Park mit dem Herrenhaus und den alten Burggräben. Die Anlage gehört zu den Berufsbildenden Schule im Marienheim. 



Kastanienallee mit Charakter: Die Lange Wand führt von der Knollstraße in den Gartlager Wald. Foto: Michael Gründel

Die Lange Wand am Sonnenhügel

Diese Bäume haben schon einiges erlebt: Die Rosskastanienallee an der Langen Wand, einer 800 Meter langen Verbindung zwischen der Knollstraße und dem Gartlager Wald, ist als Naturdenkmal geschützt. Schon im 16. Jahrhundert diente die Lange Wand  den Nonnen aus dem Kloster Gertrudenberg als Zuweg zu ihrem Bauernhof in der Gartlage. Damals gab es immer wieder Streit um das Wegerecht. 1938 belagerten Fußballfans die Baumkronen, als der VfL den deutschen Meister Hannover schlug. Das  Stadion in der Gartlage verschwand von der Bildfläche, weil das Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerk erweitert wurde; mit ihm musste ein Teil der Bäume weichen. Als im Krieg  Bomben auf das Werk fielen, bohrten sich Splitter in die Stämme der Kastanien. Viele von ihnen haben gelitten. Aber wer den Weg unter ihrem grünen Dach entlang schlendert, wähnt sich in einer Oase der Ruhe. 




Aus dem Hasefriedhof ist ein Park geworden, und die Veranstaltungsreihe "Neues Leben zwischen alten Gräbern" trägt diesem Wandel Rechnung. Foto: David Ebener

Der Hasefriedhof

Nichts ist für die Ewigkeit bestimmt, selbst auf einem Friedhof ist irgendwann Schluss. Seit 2005 werden auf dem Hasefriedhof keine Toten mehr bestattet. Aber die Anlage bleibt erhalten, und der einstige Ort der Trauer bekommt langsam einen neuen Charakter – als Park, als Treffpunkt für Musikliebhaber, Kunstinteressierte oder Taiji-Anhänger. "Neues Leben zwischen alten Gräbern“ heißt eine Veranstaltungsreihe, die dem Wandel Rechnung trägt. Viele der Gräber aus drei Jahrhunderten sind geblieben. Zum Beispiel das vom Raketenpionier Reinhold Tiling, der 1933 bei einer Explosion auf Gut Arenshorst bei Bohmte ums Leben kam. Das gusseiserne Kreuz, das an den Ingenieur erinnert, ist auf der Rückseite mit dem Relief von Tilings Postrakete geschmückt. Die Grabstelle befindet sich in der Nordwestecke des Friedhofs unweit der Handwerkskammer.

 



Erinnerungen an Remarque: Aus der Caprivikaserne auf dem Westerberg ist ein Campus der Hochschule geworden. Foto: Michael Gründel

Die Caprivikaserne

In Erich Maria Remarques Antikriegsroman "Im Westen nichts Neues" wurden die jungen Rekruten von einem Unteroffizier namens Himmelstoß gedrillt. Den Kasernenhof, auf dem der spätere Schriftsteller 1917 Zucht und Ordnung zu spüren bekam, gibt es heute noch. Das ganze Ensemble, in dem einst das Infanterieregiment 78 untergebracht war, gehört zum Campus der Hochschule Osnabrück. Auf den ersten Blick sieht die Caprivikaserne noch so aus wie in der Zeit Remarques. Ja, sie scheint auch noch  den preußischen Geist zu atmen, der seiner Romanfigur Paul Bäumer und seinen Zeitgenossen das Leben zur Hölle gemacht hat. Aber schon lange ist das Brüllen der Vorgesetzten einem lockeren Tonfall gewichen, statt Kadavergehorsam steht  die Freiheit der Forschung über allem. Und auf dem Kasernenhof parken die Autos von Professoren und Studenten.



Eine Mineralwasserfabrik wurde bis 1964 an der Brüningsquelle betrieben. Heute können hier Wanderer einen Schluck nehmen. Foto: Jörn Martens

Die Brüningsquelle

Selbst in den heißesten Sommern soll die Brüningsquelle am Schölerberg nie versiegt sein. Das mag den Getränkehändler Max Kempgens 1927 beflügelt haben, das kohlensäurehaltige Wasser in Flaschen abzufüllen. Das Geschäft mit "Brüningswasser" florierte eine Weile, bis zu 3000 Flaschen pro Stunde konnte die Mineralwasserfabrik ausstoßen. Nach dem Krieg wurde unter anderer Regie weiterproduziert, doch 1964 war Schluss. Die Anlagen waren vermüllt und verfallen, als sich Ende der 80er Jahre tatkräftige Stadtteilbewohner zusammenfanden. Sie gründeten einen Verein, legten die Quelle wieder frei und bauten nach alten Vorlagen eine Schutzhütte. Wer einen Schluck nehmen möchte, findet die Wasserstelle ganz einfach mit dem Navi: "An der Brüningsquelle" heißt die Straße. Benannt wurde sie übrigens nach dem früheren Oberbürgermeister Heinrich Brüning.


Modernes Bauen vor 90 Jahren: Die Bauhaus-Siedlung mit 45 Wohnungen an der Kornstraße. Foto: Klaus Lindemann

Die Bauhaus-Siedlung an der Kornstraße

Es war revolutionär, das Wohnprojekt, das der Osnabrücker Architekt Paul Thor 1928 an der Kornstraße plante. Kinderreiche Familien und tuberkulosekranke Menschen sollten in der Bauhaus-Siedlung ein preiswertes Dach über dem Kopf erhalten. Die Wohnanlage mit den kubusförmigen Bauten und den Flachdächern hat den Krieg überdauert und steht heute unter Denkmalschutz. Auf den ersten Blick fällt nicht auf, welch schöne Innenhöfe den Bewohnern zur Verfügung stehen. Darin zeigt sich der Anspruch, den Menschen mit Licht und Luft zu besserer Gesundheit zu verhelfen als es in den traditionellen Mietskasernen möglich war. Äußerlich stellt sich das Ensemble mit den 45 Wohnungen auch nach fast 90 Jahren fast unverändert dar, allerdings hat der Zahn der Zeit an der Substanz genagt. Im Innern wurden lediglich die Bäder erweitert, aber die Grundrisse beibehalten. 



Ein lohnendes Ziel für einen Spaziergang ins Grüne: Das Gut Leye in Atter. Foto: Gert Westdörp

Gut Leye 

Für 3000 Taler verkaufte Graf Johann Adolf von Tecklenburg das Gut Leye 1679 an die die Brüder von Oer. Ein Jahr später erwarb es der Fürstbischöflich Osnabrückische Geheime Rat und Vizekanzler Franz Ostman, und dessen Nachkommen bewirtschaften den Adelssitz in Atter heute noch. Einmal in all den Jahren wurde die blaublütige Familie aus dem Herrenhaus geworfen. Das war im April 1945, als die Briten das Gut konfiszierten. Knapp 24 Stunden gaben sie der Familie, um den Stammsitz zu räumen. Das Porzellan flog aus dem Fenster, die Ölgemälde aus der Ahnengalerie wurden mit Bajonetten durchlöchert. Auch die Bausubstanz litt. Seit 1863 steht das äußerlich so repräsentative Herrenhaus leer, eine Restaurierung ist seit langem fällig. Aber die barocke Anlage hat auch so ihren Charme. Gut Leye ist ein lohnendes Ziel für einen Spaziergang ins Grüne.