Fachdienstleiter Wolfgang Ruthemeier im Interview Nach Tod eines Babys in Osnabrück: Wann greift das Jugendamt ein?

Von Sandra Dorn

Fachdienstleiter Wolfgang Ruthemeier und seine Kollegen im Jugendamt haben eine große Verantwortung. Foto: Gert WestdörpFachdienstleiter Wolfgang Ruthemeier und seine Kollegen im Jugendamt haben eine große Verantwortung. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Hätte das Osnabrücker Jugendamt den Tod eines Neugeborenen verhindern können? Im Mai 2018 starb ein wenige Tage alter Säugling an Schlägen gegen den Kopf, als tatverdächtig sitzt der 24-jährige Vater seitdem in Untersuchungshaft. Der zuständige Fachdienstleiter Wolfgang Ruthemeier über die Handlungsmöglichkeiten des Amtes und wo es an seine Grenzen stößt.

Die Familie war dem Jugendamt bekannt, wie die Stadt im Mai mitteilte. Wieso haben Ihre Kollegen nicht früher eingegriffen?

Grundsätzlich gilt: Das Jugendamt kann nur eingreifen in einer hohen Not. Und bei Schwangeren gibt es eigentlich gar keine Eingriffsmöglichkeiten. Es gibt auch keine Möglichkeiten, dass das Familiengericht in das Sorgerecht der Eltern eingreifen kann, da das Kind ja noch nicht auf der Welt ist. Wir können also nur Hilfen anbieten und das tun wir auch sehr offensiv. (Weiterlesen: Misshandeltes Baby in Osnabrück starb an Schlägen gegen den Kopf)

Wie?

Wir können offensiv zum Beispiel unser Hebammenprojekt anbieten oder vorschlagen, die Schwangere in einem Eltern-Kind-Haus unterzubringen und für dieses Hilfeangebot Werbung machen. Wir gehen also auf diese Menschen zu, machen ihnen auch deutlich, dass wir nach der Geburt Kontakt halten und ihnen weiter Hilfe anbieten wollen.

Wie sieht es mit Inobhutnahmen direkt nach der Geburt aus?

Das gibt es schon mal. Da sind die Familien in der Regel bekannt. Es hat beispielsweise schon mal einen Sorgerechtsentzug gegeben, sehr früh, vielleicht im ersten Lebensjahr, und es hat sich bei der Familie nichts Wesentliches geändert. Dann würden wir die Kliniken anschreiben und die Mutter auch darüber informieren und das Kind nach der Geburt in Obhut nehmen. Das setzt voraus, dass es eindeutige Hinweise gibt auf Gewalt, Vernachlässigung, Erziehungsunfähigkeit.

Wie oft kommt das vor?

Dass wir die Klinik informieren, zwei-, dreimal im Jahr. Die andere Möglichkeit ist, dass Kinder geboren werden und die Klinik selber große Sorgen hat, das Kind zu entlassen, zum Beispiel wenn die Mutter drogenabhängig ist. Dann schaltet die Klinik den Fachdienst ein. Ich wünsche mir aber, dass wir ein gemeinsames Screening-Verfahren entwickeln, um direkt nach der Geburt auf die Angebote der Jugendhilfe aufmerksam zu machen.

So eine Zusammenarbeit mit den Kliniken gibt es noch gar nicht?

So etwas gibt es schon, zum Beispiel in Hamburg oder Berlin. In Osnabrück haben wir das nicht. Wir haben eine Vereinbarung mit den Kliniken für akute Krisensituationen, aber noch kein Screening- Verfahren, wo wir auf Eltern mit einem Hilfebedarf direkt zugehen.

Wie oft melden sich die Kliniken bei Ihnen?

Das kommt nicht so häufig vor, aber schon mehrmals im Jahr.

In dem Fall des im Mai misshandelten Säuglings, wie war es da?

Zum Einzelfall kann ich Ihnen nichts sagen. (Weiterlesen: Kontakt zum Jugendamt seit April)

Warum?

Wegen des besonderen Datenschutzes im Kinder- und Jugendschutz. Ein Kind, das beispielsweise sexuell missbraucht wird, kann nur darüber reden, wenn es 100-prozentig sicher sein kann, dass das absolut vertraulich behandelt wird.

Ab welchem Punkt werden Sie als Jugendamt tätig? Reichen schon Alarmierungen von Nachbarn?

Wir müssen gewichtigen Anhaltspunkten - so heißt es im Gesetz - nachgehen, die anonym, durch Nachbarn oder durch die Polizei, durch Erzieherinnen oder Lehrer eingehen. Aber eine Inobhutnahme passiert nur dann, wenn wir mit der Familie schon Kontakt hatten und es Belege für Übergriffe gegeben hat.

Da verstreicht im schlimmsten Fall viel Zeit.

Ja, aber wir haben das Problem, dass wir Eltern nicht abschrecken wollen, sondern dafür Sorge tragen, dass Eltern, die hohe Not haben und deren Kinder in Not sind, sich Hilfe holen und die Hilfe auch hilft. Das ist ja eigentlich das Ziel. Es besteht die Gefahr, dass Leute sich schämen oder Angst haben, dass man ihnen die Kinder wegnimmt und deswegen zu lange warten, uns zu kontaktieren. Wenn Kinder sterben, ist das immer eine Tragödie. Wenn sie dem Jugendamt bekannt waren, ist das immer ein Grund den Fall genau zu analysieren. So etwas geht an den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Jugendamtes nie spurlos vorbei. Es ist aber kein Skandal, dass die Familie dem Jugendamt bekannt war. Der Skandal sind die vielen Familien, die dem Jugendamt nicht bekannt waren.

Wenn Ihnen eine Familie bekannt wird, wie gehen Sie dann vor?

Wir besprechen immer mit mindestens drei Fachkräften, wie die Kinderschutzsituation einzuschätzen ist. Dann nehmen wir Kontakt mit der Familie auf, in der Regel immer mit Hausbesuch.

Was muss passiert sein, damit das Jugendamt ein Kind aus einer Familie nimmt?

Grundsätzlich kann das Jugendamt ohne einen Beschluss des Familiengerichtes kein Kind aus der Familie nehmen. Dies ist nur in einer akuten Notlage möglich. Die Gefährdung eines Kindes hängt sehr stark vom Alter ab. Je jünger das Kind, desto höher der Gefährdungsgrad. Für Säuglinge und Kleinkinder bis drei Jahre ist Vernachlässigung das größte Problem. Insbesondere beschäftigen wir uns immer mit Bindungsfragen. Ein gravierender Fall ist, wenn wir beim Hausbesuch die Wohnung in einer desolaten Situation vorfinden und das Kind nicht den Schutz der Mutter sucht, sondern sich in der Wohnung herumtreibt oder nach zehn Minuten bei einem Mitarbeiter auf dem Schoß sitzt. Da würden wir nicht herausgehen, ohne dass es entweder eine intensive sozialpädagogische Familienhilfe gibt oder andere Arten von Hilfe. Wenn sich das zuspitzt, wenn keine Hilfe angenommen wird und sich die Situation beim zweiten oder dritten Hausbesuch nicht stabilisiert, dann ist deutlich: Hier muss etwas passieren.

Sie tragen eine große Verantwortung. Wie gehen Sie und Ihre Kollegen damit um?

Wir haben es mit Menschen zu tun, müssen aber auch Prognosen stellen. Das ist unheimlich schwer. Das kann man nicht alleine hinkriegen. Das Team muss funktionieren.


Fälle von Kindeswohlgefährdung und Inobhutnahme

62 Meldungen zu einer möglichen Kindeswohlgefährdung hat die Stadt Osnabrück im Jahr 2017 bekommen, sowohl von Bekannten, Verwandten oder Nachbarn als auch von Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen, Kinderärzten oder Kliniken. Die Zahl entspricht dem Niveau der Vorjahre: 2016 waren es 69 Meldungen von Kindeswohlgefährung, in den Vorjahren meist 55 bis 60. Hinzu kamen im vergangenen Jahr 175 Meldungen von Partnerschaftsgewalt, wovon Kinder und Jugendliche zumindest indirekt ebenfalls betroffen sind. Die Stadt nahm 125 Kinder und Jugendliche aus Osnabrück in ihre Obhut, davon waren laut Fachdienstleiter Wolfgang Ruthemeier viele Jugendliche auf deren eigenen Wunsch. 68-mal wurde 2017 das Familiengericht aktiv. 

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