Interview mit der Fachbereichsleiterin Kultur Patricia Mersinger: „Nussbaums Themen sind sehr aktuell“

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Osnabrück. Patricia Mersinger hat einen gewissen Anteil am Projekt „20 Jahre - 20 Tage“, mit dem das Felix-Nussbaum-Haus seinen 20. Geburtstag feiert. Darüber spricht die Leiterin des Fachbereichs Kultur im Interview.

Frau Mersinger, was hat das Felix-Nussbaum-Haus in den ersten zwanzig Jahren erreicht?

Das Felix-Nussbaum-Haus hat sich als Standort für Kunst regional und überregional sehr stark profiliert, natürlich besonders bezogen auf Felix Nussbaum und jüdische Kunst. Anfragen europäischer, aber auch außereuropäischer Museen nach Leihgaben zeigen deutlich, wie stark wir in der Kunstwelt wahrgenommen werden. Aber natürlich gibt es noch viel zu tun.

In der Stadt lautet die Haltung eher, Nussbaums Bilder haben wir zur Genüge gesehen.

Daran arbeiten wir besonders. Direktor Nils-Arne Kässens hat bereits im Bewerbungsgespräch sein Konzept des Museumsquartiers vorgelegt und dann sehr schnell begonnen, es umzusetzen. Uns ist es wichtig, die Dauerausstellung mit den Nussbaum-Werken immer wieder in neue Kontexte zu setzen. Nussbaums Themen sind ja heute sehr aktuell: Was ist Heimat, was heißt es auf der Flucht zu sein? Das kann man sehr gut mit zeitgenössischen Künstlern in Dialog setzen, so, wie wir das jüngst mit den Arbeiten des Fotografen Andy Sypra gemacht haben.

Und in Zukunft?

Wir wollen generell den Standort noch mehr zu einem Friedensort entwickeln, wo wir die Geschichte bearbeiten, aber auch das Jetzt und die Zukunft. Mit einem Stadtlabor wollen wir verstärkt mit jungen Leuten arbeiten und Fragen nach der Bedeutung von Frieden fürs Heute und für die Zukunft stellen und beantworten. Dadurch können wir das Haus anders interessant machen, sodass man öfter in die Ausstellung geht und Nussbaum in anderen Kontexten sieht - was den Blick sicher verändern wird. Mir ging das zumindest so.

Wäre es nicht interessant, den Künstler Nussbaum oder auch den Künstler Daniel Libeskind stärker in den Fokus zu rücken?

Wir haben uns ja bewusst entschieden, jetzt zum Jubiläum die Räume und den Künstler Daniel Libeskind in den Fokus zu stellen. Während zwanzig Freunde des Nussbaum-Hauses an zwanzig Tagen das Haus bespielen, wird Felix Nussbaum selbst das Museum in Form einer digitalen Strassengalerie verlassen und uns in der Stadt mit seiner Kunst konfrontieren.

Was war der Leitgedanke für das Jubiläumsprogramm?

Als ich noch für Stadtentwicklung zuständig war, haben wir bei einer Befragung ermittelt, wie die einzelnen Einrichtungen in Osnabrück wahrgenommen werden, und die Antworten gaben genau das wider, was Sie anfangs gesagt hatten: Warst du einmal im Nussbaum-Haus, brauchst Du nicht mehr hinzugehen. Wir wollen aber, dass die Bevölkerung mehr in ihr Museum geht. Daher sind die „20 Tage, 20 Freunde“ ein Bürgerfest. Bei diesem „kleinen“ Jubiläum haben wir nicht den Anspruch, dass das Haus überregional besucht wird, sondern von den Bürgerinnen und Bürgern unserer Stadt. Wenn die Osnabrücker Bevölkerung wieder einmal oder auch zum ersten Mal in ihr Museum kommt, wäre ich zufrieden. Wir haben dazu noch ein Mailing vorbereitet, das an alle Haushalte geht, damit wirklich alle darüber Bescheid wissen.

Wie haben Sie die Künstler ausgewählt?

Die Künstler haben wir aus der Region gewählt, weil die mit ihren einzelnen Kunstgenres auch ihre eigenen Fangruppen haben - Fangruppen, die vielleicht noch nie im Museum waren. Wir erhoffen uns, dass die Bürgerinnen und Bürger durch dieses Programm überhaupt animiert werden, mal ins Museum zu kommen. Im Idealfall bekommen sie dadurch Lust, das Haus öfter zu besuchen, weil sie merken, dass hier ganz unterschiedliche Dinge passieren.

Wann beginnt dann die Arbeit an der überregionalen Wahrnehmung? In fünf Jahren?

2017 waren wir gleich mit zwei Projekten in den überregionalen Medien präsent: Mit dem stadtweiten Kooperationsprojekt „Danse Macabre“ sowie dem internationalen Projekt „Canakkale Art Walk“, zu dem wir 40 Künstler aus 17 Ländern einluden. Auch für die Zukunft laufen schon Planungen.

Es wird also auch vor 2023 Programme mit dezidiert überregionaler Strahlkraft geben?

Eine Blockbuster-Ausstellung bedarf natürlich ganz besonderer Anstrengung. Die können wir aus unserem normalen Etat nicht planen. Wir brauchen dafür ein deutlich höheres Budget und einen höheren Planungsvorlauf. Für die zwanzig Jahre hätten wir das nicht geschafft…

…das kam so plötzlich…

…nein, das kam überhaupt nicht plötzlich; ich bin ja nun auch schon vier Jahre in der Kulturverwaltung; wir haben uns da schon im Vorfeld Gedanken gemacht. Wir gingen aber auf einen großen Umbruch zu: Wir mussten eine neue Leitung und das Kuratorenteam besetzen, und die konfrontiert man nicht mit einer großen und schon vorgeplanten Ausstellung. Aber Herr Kässens hat klare Vorstellungen, wie er das Museumsquartier entwickeln will und geht in schnellen Schritten voran: Wir haben eine neue Nussbaum-Dauerausstellung und eine neue Dürer-Dauerausstellung entwickelt, das Akzise-Haus ist renoviert und geht demnächst an den Start. Die Villa Schlikker als künftiges Callmeyer-Haus ist ein größeres Thema, für das wir demnächst einen Fachbeirat einsetzen, und die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte ist auch auf dem Weg. Wir haben seit Anfang des Jahres zwei neue Kuratorinnen, auch die müssen ja erst einmal ankommen. Die Kuratorin Mechthild Achelwilm bekam das Programm zu den zwanzig Tagen in den Schoß geworfen und hat es trotz der kurzen Zeit wirklich gut und sehr engagiert umgesetzt. Ich hatte vorgeschlagen, für ein Sonderprogramm bei freiem Eintritt zwanzig Kultur-Freunde einzuladen. Das ist zunächst eine Idee, aber die Umsetzung ist etwas anderes. Das möchte ich auch betonen: Alle zwanzig Partner sind wirklich Freunde des Hauses. Den Arbeitsaufwand hinter jedem einzelnen Programm könnten wir gar nicht bezahlen. Wir zahlen lediglich eine Aufwandsentschädigung. Beim Tanztheater Stakkato kommen zum Beispiel rund 20 Tänzer, die zum Teil aus Hannover und Berlin anreisen. Und das hat man so noch nicht gesehen, weil die Performance nur in diesem Haus – in diesen besonderen Räumen - stattfinden kann. Oder Eva Dankenbring: Die entwickelt eine Rauminstallation, die nicht an jedem Ort funktioniert, sondern nur an diesem einen Ort. Die Künstler haben sich schon stark mit dem Ort auseinandergesetzt, und das wird es auch nur dieses eine Mal geben.

Ist es denn die Aufgabe einer Kulturverwaltung, inhaltliche Ideen und Programme zu entwickeln?

(lacht) Andernfalls würde mir mein Job keinen Spaß mehr machen. Aber im Ernst: Die Ideenfindung ist natürlich auch eine Aufgabe der Fachbereichsleitung Kultur. Insbesondere bei neuen Sonderthemen und immer in Kooperation mit vielen Beteiligten – darauf lege ich auch großen Wert.


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