Zwischen Sanktionen und Hoffnung Unternehmen aus der Region und ihre Beziehung zu Russland

Von Claudia Scholz

Zuversichtlich: Das Unternehmen Többe Schwerlast, das schon seit über 13 Jahren mit eigenen Niederlassungen in Russland tätig ist, verzeichnet laut Geschäftsführerin Claudia Bröker wieder mehr Aufträge aus Russland. Foto: Firma Többe SchwerlastZuversichtlich: Das Unternehmen Többe Schwerlast, das schon seit über 13 Jahren mit eigenen Niederlassungen in Russland tätig ist, verzeichnet laut Geschäftsführerin Claudia Bröker wieder mehr Aufträge aus Russland. Foto: Firma Többe Schwerlast

Osnabrück. Während die WM in Russland läuft, haben die Staats- und Regierungschefs der EU die Wirtschaftssanktionen gegen das Land um weitere sechs Monate verlängert. Unternehmen der Region erzählen von bürokratischen Hürden, anhaltenden Sorgen, Einbußen und warum sie dennoch optimistisch in die Zukunft blicken.

Vor ein paar Tagen erhielt Heinz Hemmen im Osnabrücker Land Besuch von seinem russischen Werksleiter. Eigentlich hatte der Geschäftsführer des Meller Familienunternehmens Neuero Farm und Fördertechnik, das europaweit Silo- und Getreideanlagen errichtet, große Hoffnungen in Russland gesetzt. Jetzt muss Hemmen darüber beraten, was mit dem Werk passieren soll, das Neuero 2013 im russischen Krasnodar eröffnete. „Vor dem Embargo lief das Geschäft ordentlich, doch in den letzten zwei Jahren ist es gegen null abgesackt“, sagt Hemmen. Machte die Niederlassung am Anfang noch zwischen zwei und fünf Millionen Euro Umsatz im Jahr, ist dieser mittlerweile auf rund eine halbe Million Euro gesunken. Von anfänglich zwölf Mitarbeitern arbeiten nur noch drei am Standort. „Wir beobachten den Markt weiter bis Jahresende und entscheiden dann, ob wir das Werk weiterlaufen lassen. Es wäre wichtig, dass die Sanktionen gelockert würden.“

Kontakt erschwert

Russische Händler würden beispielsweise auch gern zur Messe in Hannover kommen, doch vielfach bekommen sie keine Visa, erzählt Hemmen. Das erschwere den Kontakt zu Geschäftskunden. Nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit wirke sich auch aus, dass russische Hersteller von Landtechnik, Nahrungsmittelverarbeitungs- und Baumaschinen Subventionen und Absatzhilfen erhalten. So bekommen einheimische Hersteller von Agrarausrüstung finanzielle Unterstützung, wenn sie ihren Kunden 15 bis 20 Prozent Rabatt auf den Kaufpreis gewähren.

Hemmen ist mit seinen Sorgen nicht allein in der Region. Bei einer Umfrage der IHK Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim Ende 2017 bei rund 200 in Russland aktiven Unternehmen schätzten 55 Prozent die Entwicklung ihres Russland-Geschäfts schlecht ein. Immerhin zwei Drittel sind direkt oder indirekt von den Russland-Sanktionen betroffen. Rund 70 Prozent der Betriebe verzeichneten Umsatzrückgänge von mehr als 25 Prozent seit Beginn der Krise im Jahr 2014. Seit einigen Monaten berichten Unternehmen jedoch, dass ihr Russland-Geschäft wieder anzieht.

Die IHK-Spitze besuchte zuletzt einige von ihnen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Für Präsident Martin Schlichter ist für eine Belebung des Russland-Geschäfts auch politischer Rückenwind notwendig: „Wir brauchen eine Entspannung des deutsch-russischen Verhältnisses. Die Sanktionsspirale darf sich nicht noch weiter drehen.“ Er verwies darauf, dass sich die IHK-Vollversammlung bereits im Jahr 2016 in einer Entschließung für eine Aufhebung oder zumindest eine Lockerung der Sanktionen ausgesprochen hat. Auch Krone im emsländischen Werlte, den größten Arbeitgeber des IHK-Bezirks, treffen die Sanktionen. Ausländische Unternehmen, die in Russland die öffentliche Hand oder Unternehmen mit staatlicher Beteiligung beliefern möchten, sehen sich damit konfrontiert, dass nur Produkte „Made in Russia“ zu diesen Beschaffungsverfahren zugelassen sind. So sollen in 21 strategisch wichtigen Branchen die Erzeugnisse lokal in Russland produziert werden, wie Messgeräte, Aufzüge, funkelektronische Geräte und Telekommunikationsausrüstung.

Trendwende in Sicht?

Beispielsweise werde heute für eine Sattelzugmaschine aus europäischer Produktion bereits bei Einfuhr eine pauschale Verschrottungssteuer in Höhe von 500000 Rubel (ca. 6500 Euro) pro Einheit erhoben. Dies erschwere den Absatz europäischer Produkte erheblich, wie Krone-Geschäftsführer Gero Schulze Isfort berichtete. Bei der Einfuhr von gebrauchten Sattelaufliegern, die älter als drei Jahre sind, werde eine Zahlung von 17000 Euro plus Mehrwertsteuer fällig. „Der Abfluss von gebrauchten Sattelaufliegern älter als drei Jahre von Europa nach Russland ist durch die hohen Einfuhrzölle praktisch abgeschnitten. Da müssen wir und auch unsere gesamte Branche Alternativmärkte erschließen“, sagt Schulze Isfort.

Dennoch ist er optimistisch: „Trotz der aktuellen Spannungen sehen wir für uns gute Chancen und werden an unseren Aktivitäten und Plänen festhalten.“ So habe sich der Absatz von Neufahrzeugen in Russland im ersten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 20 Prozent gesteigert. Bis 2022 wird ein Wachstum des Russlandgeschäftes um fünf Prozent erwartet. Durch den gesamtwirtschaftlichen Aufschwung ziehe der Nutzfahrzeugmarkt nach dem starken Einbruch der vergangenen Jahre wieder an.

Den positiven Trend kann auch einer der regionalen Pioniere auf dem russischen Markt bestätigen. Das Unternehmen Többe Schwerlast, das schon seit über 13 Jahren mit eigenen Niederlassungen in Russland tätig ist, verzeichne laut Geschäftsführerin Claudia Bröker wieder mehr Aufträge aus Russland und damit auch mehr Transporte. „Nach den eher schwachen Jahren 2015 und 2016 zieht das Russland-Geschäft seit letztem Jahr wieder an“, schilderte Bröker die aktuelle Lage.

Für den Osnabrücker Hersteller von Spezialpapieren Kämmerer bleibt Russland nach eigenen Angaben hochinteressant. Der Umsatzanteil in dem Land betrage mittlerweile rund fünf Prozent. „Russland ist der größte Tapetenmarkt der Welt“, so Geschäftsführer Jürgen Oess. Doch das Engagement berge auch Risiken. „Russland ist besser als sein Ruf. Allerdings können durch politische Entscheidungen Geschäfte von einem Moment auf den anderen wegbrechen, das ist riskant“, sagt Oess, dessen Unternehmen von Osnabrücks russischer Partnerstadt Twer aus agiert. Seit der Russland-Ukraine-Krise erhalten Unternehmen wie Kämmerer kaum noch eine Warenkreditversicherung für das Russlandgeschäft. „Wir tragen dadurch das volle Ausfallrisiko. Werden Banken als Garantiegeber eingeschalten, fallen in der Regel hohe Kosten an, die das Geschäft belasten.“

Absagen von Banken

Die angespannten deutsch-russischen Beziehungen stellen auch Unternehmer wie Wadim Thomas vor Herausforderungen, den Geschäftsführer von RSM Argrartechnik in Melle, die 2017 als Ableger des größten russischen Landmaschinenherstellers Rostselmash eröffnet wurde. Im täglichen Geschäft bei Einfuhren, Weiterverkauf oder Zulassung spüre Thomas keine negativen Auswirkungen der Sanktionen. Jedoch habe es am Anfang organisatorische Probleme gegeben, die es zu überwinden galt. So gestaltete sich die Eröffnung eines Geschäftskontos in Deutschland schwierig, von acht großen Banken bekam er eine Absage. Angesichts der politischen Spannungen hatten die Finanzinstitute gewisse Bedenken angemeldet, wie Thomas erzählt, der mit dem neuen Standort den deutschen und europäischen Markt erobern will.

Steigende Nachfrage

Trotz der Zollschranken und des erschwerten Wettbewerbs steigt die Nachfrage besonders nach Maschinen und Technik aufgrund des Qualitätssiegels „Made in Germany“. Das merke auch Purplan, der Wallenhorster Hersteller für Industrieanlagen. „Seit einem halben Jahr erhalten wir wieder mehr Aufträge aus Russland“, sagt der technische Leiter Christian Bertram. Zwar vermute er, dass der fallende Rubelkurs auch weiterhin das Russland-Geschäft erschweren werde. Es gehe aber nach einer Phase des Geschäftsstillstands wieder aufwärts: „Unsere Produkte werden für die Fertigung in Russland gebraucht. Die Nachfrage nach solchen Produkten steigt daher.“ Auch die Gründung einer eigenen Niederlassung in Russland wird für Bertram wieder wahrscheinlicher: „So können zukünftig auch einfacher lokal erzeugte Komponenten beschafft und Währungsrisiken reduziert werden.“

Anna Urumyan, Leiterin der Vertretung des Landes Niedersachsen in Russland, ermuntert deutsche Unternehmen, ihr Russland-Engagement aufrechtzuerhalten oder sogar auszubauen. Langfristig werde sich das aufgrund des erheblichen Marktpotenzials auszahlen.

Allen Bemühungen Putins zur Ankurbelung der heimischen Produktion zum Trotz bleiben Einfuhren von Maschinen nach Russland kurz- bis mittelfristig notwendig. Im Jahr 2017 stiegen die Importe um knapp 30 Prozent auf etwa 97,6 Milliarden Euro. Die deutschen Maschinenausfuhren nach Russland legten nach Angaben des Verbands der Deutschen Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) um 22,5 Prozent auf 5,3 Milliarden Euro zu. Zweistellige Zuwächse verzeichneten die Lieferungen von Pumpen und Nahrungsmittelmaschinen. Die Exporte von Druck- und Papiertechnik stiegen um 32,7 Prozent, die von Bergbaumaschinen gar um 33,9 Prozent.