Geküsst und nass gemacht Piesberger Theateracker im trockenen Saal, aber mit feuchtem Finale

Von Matthias Liedtke

Berieselten das Publikum nicht nur mit Rosenblättern: Das Theater Labaaz beim Piesberger Theateracker.  Foto: André HavergoBerieselten das Publikum nicht nur mit Rosenblättern: Das Theater Labaaz beim Piesberger Theateracker. Foto: André Havergo

Osnabrück. Ein historischer Zirkusvarietéwagen und ein ungleiches Paar standen im Mittelpunkt des zweiten diesjährigen Theaterackers, der witterungsbedingt nicht am, sondern im Piesberger Gesellschaftshaus über die Bühne ging.

Clownfrau und Verwandlungskünstlerin Katharina Witerzens aus Celle parkte ihre mit so antiken wie skurrilen Requisiten liebevoll bestückte „Schaubude“ dabei allerdings nicht auf, sondern vor der Bühne des gut gefüllten Saals – und bewies nicht nur, dass Socken auf einer Wäscheleine auch drinnen trocknen, sondern auch, dass „Wunder, Monster und Sensationen“ auch in einem historischen Saal wirken können. Nicht nur als in höchsten Tönen singende Prinzessin Perla aus Finnland, die nach Persien entführt und zurückgekauft wurde, entführte sie das Publikum eine Zeit zurück, als auf Jahrmärkten noch Menschen als lebendige Kuriositäten zur Schau gestellt wurden. Eine Menschenfleisch fressende Kreatur mit gruselig tierischen und menschlichen Zügen zugleich wurde glücklicherweise zwar nicht von der Kette gelassen, verbreitete aber auch angekettet kurzzeitig Angst und Schrecken, bevor Napoleon Bonaparte umso niedlicher seine Wiedergeburt feierte. In Gestalt der Papierreißkünstlerin Madame Ching Chang Fu aus China trippelte Katharina Witerzens schließlich vor der Bühne auf und ab, um zu orientalischer Musik Schmetterlinge, Hüte und Ähnliches zu reißen und an das Publikum zu verteilen, aus dem sie sich auch eine Assistentin und eine junge Palmenhalterin auserkor.  

Ins Glück gestolpert

Aufgrund des regnerischen Wetters gezwungen, sich buchstäblich vom Acker zu machen, waren auch Aziza Bouizedkane und Sebastian Utecht aus Leipzig, die als Theater Labaaz dann aber umso präsenter und im Gegensatz zur bewährten, lediglich leicht variierten „Katharinas Schaubude“ für eine tatsächliche Bühnenpremiere sorgten. Ob „Zwischentöne“ oder „Zwischen Tönen“: Beide zur Auswahl stehenden Titel würden gut passen zu dem neuen, rund 45-minütigem Stück über Musik und Liebe. Denn während sie graziös und elegant zum französischen Chanson oder zum Country-Song, der in ein Schlaflied mündet, mal krächzend und mal jauchzend ihre Stimme in die unterschiedlichsten Tonlagen aufschwang, versuchte er sie dabei eher hektisch und unbeholfen mal mit Akkordeon, mal mit Beatbox-Einlagen und mal mit nicht wirklich verstärkter Ukulele musikalisch zu begleiten. Aber nicht nur zwischenmenschliche Misstöne spuckte das ungleiche Duo aus. Nachdem es am Ende voreinander auf die Knie gegangen war für ein letztes, zerrissenes Liebeslied, es ihm längst die Schuhe und Socken ausgezogen, sie dagegen aber mit ihren Pumps über Frank Sinatras „Fly Me To The Moon“ stolperte, wurden zumindest die Zuschauer in den ersten Reihen nicht nur wahrhaftig von den Musen geküsst, sondern auch nass gemacht – und das, obwohl der Theateracker doch extra vom verregneten Kastaniengarten in den trockenen Saal verlegt worden war.