In Osnabrück zusammengeschlagen Prügelopfer ärgert sich über rechte Hetze – und tatenlose Zeugen

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Martin Graf wurde im Schlossgarten von mehreren Jugendlichen zusammengeschlagen. Symbolfoto: David EbenerMartin Graf wurde im Schlossgarten von mehreren Jugendlichen zusammengeschlagen. Symbolfoto: David Ebener

Osnabrück. Martin Graf wird nachts im Schlossgarten von mindestens vier Angreifern zusammengeschlagen und schwer verletzt. Die Täter haben offenbar einen Migrationshintergrund, nun wird in rechten Foren gegen sie gehetzt. Graf ärgert sich darüber – aus gutem Grund, wie er sagt. Und nicht nur darüber.

Graf schildert den Fall unserer Redaktion. Gegen ein Uhr nachts saß der 30-Jährige mit einer Freundin im Osnabrücker Schlossgarten nahe dem Brunnen. Zuerst kamen zwei ältere Jugendliche zu ihm und baten um Zigaretten – als Nichtraucher verneinte er. Dann fragten die Jugendlichen nach Drogen. Oder ob er Stress wolle. „Mir wurde schon früh klar, dass die Jungs eigentlich provozieren wollten”, berichtet Graf. 

Ein dritter Jugendlicher kam hinzu. „Er versuchte zaghaft, einen der beiden von seinem Vorhaben abzubringen." Graf glaubt, einen russischen Akzent erkannt zu haben.

Die ersten beiden jungen Männer forderten den Osnabrücker danach auf, sich zu entschuldigen. Wofür, das wusste er in dem Moment selbst nicht. Um eine Konfrontation zu vermeiden, habe er es aber getan, berichtet der 30-Jährige weiter. Trotzdem schlugen die Männer ihn mehrfach mit der flachen Hand gegen den Kopf. Es folgte eine „Mischung aus Rauferei und Schlägerei”. Ein Angreifer schlug Graf mit den Fäusten gezielt ins Gesicht.

Am Boden getreten

Ein weiterer Jugendlicher kam hinzu, etwa 14 bis 16 Jahre alt, vermutet Graf. „Er hatte einen dunklen Teint und sprach mit türkischem Einschlag.” Auch er schlug zu, Grafs T-Shirt wurde zerrissen. „Oben ohne lag ich auf dem Boden und wurde von allen Seiten mit Füßen getreten.”

„Vor meinen Augen sah ich Bilder von den U-Bahn-Schlägern in Berlin.”Martin Graf

Graf rappelte sich auf und lief davon. Die vier Schläger verfolgten ihn und schlugen weiter auf ihn ein.

„Vier gegen einen – seid ihr irre!?”

Dann endlich Hilfe: Eine Gruppe Jugendlicher kam von der anderen Seite des Parks herbei gerannt. Sie drängten sich zwischen das Opfer und die Angreifer. Der 30-Jährige weiß noch genau, was sie riefen: „Vier gegen einen – seid ihr irre?” Die Schläger versuchten, die helfenden Jugendlichen beiseite zu schieben und zu Graf zu gelangen. Ein kräftiger Angreifer schaffte es und schlug Graf auf das linke Ohr. 

„Es piepte hell, dann hörte ich nichts mehr. Ich merkte, wie mir unwohl wurde und ich zusammenbrach.”Martin Graf

Die Angreifer flohen.

Helfer kümmern sich um Graf

Als Graf wieder zu sich kam, beugte sich ein junger Mann über ihn. „Ein ruhiger, starker Typ mit arabischem Akzent sprach mit mir und stand mir bei.” Die Helfer hoben Graf auf eine Decke und deckten ihn mit Jacken zu.

Kurz danach wählte Grafs Freundin den Notruf. Sie hatte das Geschehen „wie paralysiert” verfolgt, sagt er. Polizei und Rettungswagen waren schnell da, Graf kam in die Notaufnahme. Bilanz: zwei gebrochene Rippen, starke Prellungen, Schürfwunden im Gesicht und am Oberkörper und „ein großes Loch im Trommelfell, das mich womöglich noch einige Zeit beschäftigen wird”, berichtet der 30-Jährige. Die Fahndung der Polizei nach den Tätern blieb bislang erfolglos.

Hetze in rechten Foren

Die Ermittler teilten daraufhin einen Fahndungsaufruf auf Facebook, der bis zum Mittwochmorgen mehr als 300 Mal geteilt wurde. Auch rechte Seiten und Foren nationalistischer Gruppen griffen den Aufruf auf, berichtet Graf. Samt „hetzerischen Kommentaren”, die auf die vermeintlich ausländische Herkunft der Täter abzielen. Alle Angreifer sprachen Deutsch mit unterschiedlichen Akzenten, wie Graf gegenüber der Polizei bezeugte.

Auch auf der Facebookseite „Was los in Osnabrück” wurde der Fahndungsaufruf geteilt. Dort kommentierte etwa das Mitglied „Break Mit Tie”: „Das waren doch erkan und serkan von neben an. Schutzsuchend, leicht traumatisiert, dumm wie Brot, aber sonst total lieb!”

Graf: Zeugen unternahmen nichts

„Ich verfolge das Treiben mit gemischten Gefühlen. Ich hadere sehr damit, mir ein Urteil über die Täter zu erlauben”, sagt Graf. Zwar hätten ihn junge Menschen mit Migrationshintergrund verprügelt – doch es waren auch junge Menschen mit Migrationshintergrund, die sich den Angreifern in den Weg gestellt hätten. Während des Angriffs seien weitere Menschen im Schlossgarten gewesen. Sie alle hätten sich entfernt, während er verprügelt wurde. „Wortlos. Ohne einen Anruf bei der Polizei.” Nicht aber seine Helfer.

„Sie sind bestimmt und selbstlos für meine Würde und mein Leben eingetreten, als andere brave Bürger stillschweigend das Weite gesucht haben.”Martin Graf

„Ich erwarte von niemanden, mich selbstlos zu verteidigen, wie diese Jungs es getan haben. Aber sollten wir nicht alle den Mumm zeigen, unser Handy zu zücken und den Notruf abzusetzen?” Graf hofft nun, dass die Zeugen das zumindest „vom sicheren Sofa aus” nachholen, um der Polizei Hinweise zu geben.

Polizei hofft weiterhin auf Zeugenhinweise

Die Ermittler haben derweil noch „keine konkreten Hinweise auf die Tätergruppe”, sagt Polizeisprecher Frank Oevermann. Er bestätigt: Die Helfer haben vermutlich allesamt einen Migrationshintergrund. Die drei Männer sind 20, 21 und 28 Jahre alt, eine Frau 25. Oevermann bestätigt das Eingreifen der vier Personen.

Graf resümiert: „Heute habe ich Angst durch den Park zu gehen. Nicht, weil keiner da ist, sondern weil die, die da sind, einfach wegschauen könnten. Lasst uns das bitte eine Lehre sein. Lasst uns nicht mehr länger wegschauen.”


Polizei sucht Hinweise zur Aufklärung der Tat

Zwei Personen beschreibt Martin Graf als 17 bis 19 Jahre alt mit dunklem Teint. 

Einer ist schlaksig und hat ein schmales Gesicht und dunkle Haare. Zur Tatzeit trug er ein dunkles T-Shirt und eine lange Jeans. Er sprach mit Akzent, womöglich arabisch, sagt Graf. Der zweite Jugendliche ist etwas kleiner, breit und stark gebaut. Er trug einen weißen Kapuzenpulli, eine weiße knielange Hose sowie eine schwarze Bauchtasche.

Der dritte Jugendliche, der hinzugekommen war, soll etwas jünger gewesen sein. Er ist schlank, trug ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze knielange Hose. Seine Haare waren blond oder braun und vermutlich kurz – er trug eine Kappe. Er soll mit russischem Akzent gesprochen haben.

Der vierte Jugendliche soll etwa 14 bis 16 Jahre alt sein. Auch er hat einen dunklen Teint, Graf will einen türkischen Akzent vernommen haben. Auffällig sei sein T-Shirt mit hellblauen Karos oder Streifen am unteren Rand gewesen.

Hinweise nimmt die Polizei unter der Telefonnummer 0541/327-3103 entgegen.

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