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Zehn Jahre „Osnabrücker Brexit“ Das wurde aus den Osnabrücker Britenhäusern

Von Sebastian Philipp

Vor zehn Jahren verließen die Briten nicht nur die Kasernengelände in Osnabrück, sondern auch mehrere Wohngebiete wie hier entlang der Straße "Am Vogelsang". Archivfoto: Gert WestdörpVor zehn Jahren verließen die Briten nicht nur die Kasernengelände in Osnabrück, sondern auch mehrere Wohngebiete wie hier entlang der Straße "Am Vogelsang". Archivfoto: Gert Westdörp

Osnabrück. Als die Briten vor zehn Jahren Osnabrück verließen, wechselten nicht nur die Kasernenflächen ihren Besitzer: Mehr als 1300 Wohnungen und Häuser räumten die ehemaligen Besatzer. Aus vielen Britenhäusern wurden kleine Schmuckstücke, die von vielen befürchteten negativen Folgen für den Osnabrücker Immobilienmarkt blieben aus.

In manch einem Osnabrücker Wohnviertel wurde es quasi über Nacht ruhig – gespenstisch ruhig. Als die Briten im Jahr 2008 die Stadt verließen, wurden Quartiere in der Dodesheide, am Westerberg und am Sonnenhügel vom einen auf den anderen Tag zu kleinen Geisterstädten. Doch der Zustand währte nicht lange: So schnell wie ihre Bewohner verschwunden waren, füllten sich viele Quartiere in der Stadt mit neuem Leben – und aus vielen ehemaligen Offizierswohnungen und Reihenhäusern wurden kleine Schmuckstücke, in die die neuen Besitzer Geld und Liebe investierten.

Hohe Nachfrage

Eines davon steht im Stadtteil Sonnenhügel und gehört seit knapp sieben Jahren Familie Herzig. "Wir mussten uns damals schnell entscheiden, weil die Nachfrage doch recht hoch war", erinnert sich Marius Herzig. Sie seien damals mit einem guten Gefühl in ihr neues Haus gegangen – aber auch in dem Wissen, dass "mega viel Arbeit auf uns wartet". Marius Herzig machte mit Ausnahme des Dachausbaus fast alles selbst: Wände wurden herausgerissen, das Bad komplett saniert und, und, und. "Wir hatten nicht so viel Zeit und haben das in drei Monaten gemacht. Es hat sich aber gelohnt", sagt der zweifache Familienvater. 

Im Bullerbü am Sonnenhügel wohnen Carl, Christina, Mala und Marius Herzig: Vor sieben Jahren zog die Familie in ein Britenhaus - und hat den Schritt nicht bereut. Foto: Hermann Pentermann

Anfangs sei ihnen im Bekanntenkreis durchaus nicht nur Begeisterung entgegengeschlagen, erinnert sich Christina Herzig. "Wie könnt ihr in so eine kleine Bruchbude einziehen, wurden wir damals hin und wieder gefragt." Doch die Bausubstanz stellte sich als durchaus passabel heraus. Für die Herzig besitzen Haus und Wohngegend einen einzigartigen Charakter. "Der Eingangsbereich, der Dachüberstand und einige Details im Inneren haben ein wenig den Charme der 1950er-Jahre. Außerdem ist unsere Gegend durch den alten Baumbestand wahnsinnig grün und liegt noch relativ zentral", so der Familienvater.

Bullerbü am Sonnenhügel

Die Herzigs bezeichnen ihr Viertel in Anlehnung an Astrid Lindgrens Kindergeschichten gerne als "Bullerbü". Weil bei der Vermarktung vor allem junge Familien zum Zuge kamen, befinden sich viele Bewohner in der gleichen Lebenssituation mit schulpflichtigen und Kindergartenkindern. "Wir haben hier ein sehr gutes und enges Miteinander. Die Kinder sind viel draußen und kennen sich alle untereinander. Das ist ja fast wie in Bullerbü", sagt Christina Herzig.

Familie Herzigs Haus ist eine von mehr als 1300 Wohneinheiten, die die Briten nach ihrem Abzug hinterließen. Der Großteil ging seinerzeit erst einmal in den Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) über. Die meisten von ihnen waren am Sonnenhügel und in der Dodesheide zu finden, ein kleinerer Teil am Westerberg. Etwas mehr als 100 Reihenhauswohnungen im Atterfeld befanden sich in privatem Streubesitz. Schließlich gehörten noch mehr als 600 Wohnungen in der Dodesheide zur Mönchengladbacher Wohnungsbaugesellschaft Gladbau.

Die Briten-Immobilien wie hier am Liszthof am Westerberg waren in der Vermarktung sehr beliebt – und schnell verkauft. Archivfoto: Jörn Martens

Vor allem um letztgenanntes Quartier, nur einen Steinwurf von der Kasernenfläche am Limberg entfernt, sorgten sich nach dem Abzug der Briten Anwohner und Wohnungsexperten. Eine Interessengemeinschaft kanalisierte die Befürchtungen der Anwohner, das Gebiet könnte angesichts niedriger Mieten und einem Investitionsstau zu einem Getto verkommen. Das hatte Folgen: Die Stadt richtete einen Quartierstreff ein, in dem die Bewohner noch heute Unterstützung durch Sozialpädagogen in vielfältiger Form erhalten. 

Sorgenvoll blickten Anwohner im Stadtteil Dodesheide auf die Entwicklung des Quartiers unweit der Briten-Kaserne am Limberg. Archivfoto: Gert Westdörp

Grund für den Aufbau der Quartiersarbeit im November 2012 war der Armutsbericht der Stadt. Er zeigte für die ehemalige Britensiedlung eine Reihe von Risikofaktoren auf: 27 Prozent der Bewohner lebten von Hartz IV, fast 50 Prozent der Kinder bezogen Sozialgeld, der Bereich hatte den höchsten Anteil an Kindern unter zehn Jahren. 

Nach mehreren Besitzerwechseln gehören die Immobilien heute dem Konzern Vonovia. "Viele Wohnungen waren bei Erwerb in keinem zeitgemäßen Zustand, daher haben wir früh die Entscheidung getroffen, in den Standort zu investieren", sagt ein Unternehmenssprecher auf Anfrage unserer Redaktion. In drei Modernisierungsschritten wurde und wird das Viertel auf Vordermann gebracht, auch in den nächsten Jahren will Vonovia in den Bestand investieren – insgesamt  rund 15 Millionen Euro. Freilich: Nicht alle Probleme in dem multikulturellen Quartier sind gelöst, von einem Getto ist das Wohngebiet entlang der Schlesischen Straße aber weit entfernt.

Heute gehören die Immobilien nach mehreren Besitzerwechseln dem Vonovia-Konzern, der nach eigenen Angaben in den kommenden Jahren 15 Millionen Euro ins das Quartier investieren will. Archivfoto: Gert Westdörp

Eine andere Geschichte erzählen dagegen die Wohngebiete, die zunächst der Bima zufielen und die hauptsächlich Einzel- und Reihenhäuser wie das der Herzigs umfassen. Die Osnabrücker rissen sich förmlich um die einfachen, aber charmanten und meist grün gelegenen Immobilien etwa in den „Wissenschaftler- und Komponistenhöfen“ am Westerberg, aber auch um die fast baugleichen Wohnhäuser am Sonnenhügel und der Dodesheide. Zunächst waren die Sahnestücke am Westerberg an der Reihe, nach deren Verkauf drückte die Bima auf die Tube: Das zuständige Verkaufsbüro in Oldenburg bekam Hilfe von Mitarbeitern aus Hannover. 

Beliebt bei den Osnabrückern waren vor allem die ehemaligen Offiziershäuser wie hier entlang der Straße "Am Vogelsang" im Stadtteil Sonnenhügel. Archivfoto: Jörn Martens

Um den Markt nicht zu überlasten und das Preisniveau zu stabilisieren, vermarktete die Bima die Wohngebiete in Absprache mit der Stadt aber nicht parallel, sondern streckte den Verkauf über mehrere Monate. Vor allem bei den sogenannten Paketverkäufen ging es dabei schnell. Die Literatenhöfe mit 108 Wohneinheiten und die Immobilien am Fasanenweg mit 48 Wohneinheiten gingen beispielsweise binnen weniger Monate und am Stück über den Verkaufstisch. Erstere wurden nur ein halbes Jahr später wieder weiterverkauft.

Rund 50 Millionen Euro durch Verkäufe eingenommen

Während die Immobilien am Westerberg nach dem jeweils höchsten Gebot veräußert wurden, sollten in der Dodesheide vor allem junge Familien zum Zuge kommen. So wurden für diese Häuser gutachterlich bestimmte Festpreise ermittelt, bei Mehrfachbewerbungen erfolgte die Auswahl nach sozialen Gesichtspunkten. Nach rund zwei Jahren waren alle ehemaligen Britenwohnungen im Besitz der Bima verkauft. Rund 50 Millionen Euro dürfte der Bundesfinanzminister erlöst haben.

Befürchtete Auswirkungen blieben weitestgehend aus

Der Britenabzug traf die Stadt ungefähr zeitgleich zur Karmann-Insolvenz – und so manch ein Osnabrücker sah dunkle Wolken über der Stadt aufziehen. Die von vielen befürchteten Auswirkungen auf den Immobilienmarkt blieben in den Folgejahren aber weitestgehend aus. Zwar sind Eigenheime in den Jahren nach dem "Osnabrücker Brexit" geringfügig günstiger geworden, die Preise zogen bis heute jedoch rapide an. In der Nachbetrachtung war der Abzug in gewisser Weise sogar ein regelrechter Segen für den Wohnungsmarkt, auf dem ohne die ehemaligen Britenwohnungen noch mehr Druck lasten würde.

Die Herzigs schätzen an ihrem Wohnviertel nicht nur das viele Grün, sondern auch den guten Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Foto: Hermann Pentermann

Familie Herzig jedenfalls ist froh, vor sieben Jahren das Wagnis eingegangen zu sein. "Wir würden es immer wieder so machen, uns vielleicht aber für ein Reihenendhaus entscheiden, damit man im Garten Fußball spielen kann", sagt Marius Herzig.

An die früheren Bewohner erinnert im Viertel heute kaum noch etwas. Kurz nach dem Einzug seiner Familie hat Marius Herzig bei Gartenarbeiten alte Actionfiguren in der Erde gefunden. Und augenscheinlich ehemalige Bewohner der Häuser gingen vor einigen Jahren mit Fotokameras staunend durch die Siedlung, die heute alles andere als eine Geisterstadt ist.


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