Gastronomie seit 1939 Osnabrücker Ratskeller war schon Lager und Polizeirevier

Von Joachim Dierks


Osnabrück. Die Gastronomie im Osnabrücker Ratskeller macht zwar auf alt, ist aber bei Weitem nicht so alt wie das 1512 vollendete Rathaus selbst. Erst im Jahr 1939 eröffnete „Ratskellermeister“ Willi Buller die in den alten Gewölben neu eingerichtete Gaststätte.

Angeblich war es die Osnabrücker Bevölkerung, die endlich auch einen Ratskeller haben wollte – so wie andere Städte mit langer Geschichte und entsprechender touristischer Anziehungskraft ihn ihren Gästen längst bieten konnten. 1938 erhörte der Rat den Wunsch und begann mit der Entrümpelung des Kellers, der bis dahin vielen anderen Zwecken gedient hatte.

So war er mehr als drei Jahrhunderte als Lagerraum an Kaufleute und Weinhändler verpachtet gewesen. Wobei die Weinvorräte für den Eigenbedarf des Rates einen nicht unerheblichen Umfang eingenommen haben sollen.

„Polizeicommissariat“ und Meldeamt

Ab 1851 beanspruchte die Stadtverwaltung angesichts ihrer wachsenden Aufgaben das Souterrain für eigene Zwecke. Das „Polizeicommissariat“ mit dem Einwohnermeldeamt zog ein, Wand an Wand mit dem Polizeigewahrsam, der Arrestzelle vorwiegend für Betrunkene, nach dem betreuenden Polizeidiener Philipp Steinkamp auch „Steinkamps Loch“ genannt. Als das Polizeirevier 1901 in den Rathausanbau in der Bierstraße umzog, machte sich an seiner Stelle dort das Standesamt breit.

Etwa um die gleiche Zeit entstand in einem lang gestreckten Kellerraum an der Marktseite eine „geheime“ Ratstrinkstube für die städtischen Kollegien. Eine eigene Wendeltreppe führte aus dem Hauptgeschoss hinunter in diesen „Kleinen Friedenssaal“, in dem man nach heftigem Meinungsstreit bei versöhnenden Tropfen wieder Frieden schließen konnte. Diese nicht für die öffentliche Wahrnehmung bestimmte Weinstube dürfte bis zum Ersten Weltkrieg bestanden haben. Danach zog die Telefonzentrale des Rathauses ein.

Abwassergraben direkt in die Hase

Beim Umbau 1938 entdeckte man einen noch tiefer liegenden Gewölbegang, den die Archäologen als ehemaligen Abwassergraben deuteten. Er war mit dem aus der Wüste kommenden Poggenbach verbunden. Von hier flossen die Abwässer über Bier-, Loh- und Hasestraße in die Hase. In der Gewölbedecke über dem Graben befand sich ein zwischenzeitlich zugemauertes Loch. Der Historikerin Wilma Lorenz-Flake zufolge diente dieses Loch den Ratsherren über Jahrhunderte als Urinal.

Die Geschichte von einer Kloake unter dem altehrwürdigen Rathaus passte nicht so gut in die zur Heroisierung neigenden Zeiten der NS-Herrschaft. So deklarierte man den Abwassergraben kurzerhand um zu einem „mittelalterlichen Wehrgang“, der die trutzige Vergangenheit des Rathauses illustrieren sollte.

Gaststätte im Zeitgeist der Dreißigerjahre

Im gleichen Geist richtete man 1938/39 die Gaststätte „Ratskeller“ ein. Wie im Friedenssaal ein Stockwerk höher wurden die Unterzüge aus mächtiger Eiche freigelegt. Wo die alten Balken zu ergänzen waren, bedurfte es großer Mühen, ähnlich dimensioniertes altes Holz aufzutreiben. Man wurde fündig beim Abbruch alter Häuser in der Gildewart und in der Großen Hamkenstraße. Die ganze Einrichtung bestand aus deutscher Eiche: dunkles Eichenparkett, mannshohe Täfelung mit Simsen ringsum, aus Eiche die Stühle und die Tischfüße. Nur die Tischplatten aus hellem Ahorn lockerten die Räume etwas auf, ebenso die braunweißen Kacheln der Theke. Ein mächtiges Weinfass war in die Wand eingelassen. Wuchtig wirkte der Kamin mit den handgeschmiedeten Platten und Gittern, schmiedeeisern auch die Kronleuchter. Alles sah schwer, altdeutsch-bodenständig und erdverbunden aus – und das war genau so beabsichtigt. Zur Eröffnung am 26. Januar 1939 sprach Oberbürgermeister Erich Gaertner dann auch von einem „Beweis heimatgebundenen Schaffens“.

Plattdeutsche Speisekarte

Mit dem ersten Pächter Willi Buller hatte die Stadt einen Glücksgriff getan. Nicht nur, dass er die Osnabrücker zum Schnatgangsfest mit einer damals originellen Speisekarte auf Plattdeutsch überraschte, auf der etwa „Ossenstärtsuppen“, „‘n End räukeden Aal ut’n Dümmer“ und „Groude Bauhnen met Speck“ zu finden waren. Auf ihn gehen auch die Einrichtung einer „Brautnische“, später auch „Trauecke“ oder „Trauringecke“ genannt, und die Führung des „Goldenen Brautbuchs“ zurück: Anknüpfend an die Tradition des Standesamts in diesen Räumen, bot Buller Frischvermählten die Bühne, auf ein langes Eheglück anzustoßen und sich mit ernsten oder auch heiteren Sprüchen im Buch zu verewigen. Zur lustigen Sorte gehört etwa: „Der uns getraut, gehört verhaut – wer Zeuge war, kriegt auch ein paar!“ oder, etwas kürzer: „Auf in den Kampf!“. Rätseln darf man in diesem Zusammenhang über das leicht abgewandelte Operetten-Zitat: „Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.“

1944 starb Willi Buller. Seine Witwe Ida führte den Ratskeller noch bis weit in die Nachkriegszeit hinein erfolgreich fort. In den letzten Jahrzehnten hatte die Stadt nicht nur Glück mit den Pächtern. Häufige Wechsel in der Betriebsführung und längere Schließungszeiten wegen baulicher Renovierungen kratzten bisweilen am Image. Nach dem Ausscheiden des Hauptpächters OAB hielt Horst Radloff den Ratskeller über zwei Jahrzehnte ab 1992 auf stabilem Kurs.

Lutter & Wegner setzt nun auch auf Jüngere

Statt Zinntellern Weinflaschen auf dem Sims: die aktuelle Theke des Pächters Lutter & Wegner. Foto: Joachim Dierks

Seit Anfang 2013 ist die renommierte Restaurantkette Lutter & Wegner am Zuge. Sie musste feststellen, dass gehobene Küche und Weinkarte es schwer haben an diesem Standort. Vor wenigen Tagen erst hat sie ihr Konzept geändert und möchte jetzt als „Augustiner im Ratskeller“ mit bodenständigeren Preisen vermehrt auch ein jüngeres Publikum anziehen.