Predigt am Sonntag Osnabrücker Pastor holt Plastinat-Leiche in die Kirche

Der Fackelträger machte im Mai vor dem Heger Tor Werbung für die Ausstellung Körperwelten in der Osnabrück-Halle. Am Sonntag wird das Ganzkörperplastinat im Mittelpunkt einer Predigt in St. Marien stehen – auch körperlich. Foto: Gert WestdörpDer Fackelträger machte im Mai vor dem Heger Tor Werbung für die Ausstellung Körperwelten in der Osnabrück-Halle. Am Sonntag wird das Ganzkörperplastinat im Mittelpunkt einer Predigt in St. Marien stehen – auch körperlich. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Tabubruch, Provokation oder einfach nur ein anderer Blick auf Gottes Schöpfung? Pastor Frank Ulhorn holt am kommenden Sonntag (8. Juli) einen plastinierten Menschen aus der Ausstellung „Körperwelten“ in die Marienkirche. „Siehe, der Mensch“ ist seine Predigt betitelt. In der evangelischen Gemeinde halten einige die Luft an.

Uhlhorn nimmt die Körperwelten-Ausstellung, die noch bis zum 2. September in der Osnabrück-Halle zu sehen ist, zum Anlass für eine Predigt über das Wunder der Schöpfung. Dazu kooperiert der evangelische Pastor mit den Ausstellungsmachern, die ihm ein Plastinat zur Verfügung stellen. Ulhorn wählte den Fackelträger – wegen seiner Ästethik, aber auch, „weil der einfacher zu transportieren ist“. Am Samstagabend wird der dauerhaft konservierte Körper in der Mitte der Marienkirche aufgestellt und zum optischen und inhaltlichen Mittelpunkt des Sonntagsgottesdienstes, der um 10 Uhr beginnt.

„Der Mensch ist ein Wunder der Schöpfung“, sagt Uhlhorn, „und er lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht geschaffen hat“. Das Plastinat mache das „Kunstwerk des Lebens“ sichtbar – die Muskulatur, die Sehnen und Knochen, die auf perfekte Weise aufeinander abgestimmt seien. Der Blick in das Innere des menschlichen Körpers führe auch zu tief greifenden theologische Fragen, so Uhlhorn. „Wir kehren damit zurück zur ursprünglichen christlichen Botschaft von der körperlichen Auferstehung des Menschen.“

Mit dem Superintendenten abgestimmt

Der evangelische Pastor hat die Plastinat-Predigt vorsorglich mit Superintendent Joachim Jeska abgestimmt. Aus gutem Grund: Jeska hatte sich in einer Pressemitteilung im Mai zur Eröffnung der Körperwelten-Ausstellung in der Osnabrück-Halle kritisch über die Zurschaustellung präparierter Leichen und Leichenteile geäußert. Jeska sieht in der Ausstellung durchaus „Anknüpfungspunkte für eine Diskussion über die Frage nach dem Menschsein“, stößt sich aber am kommerziellen Hintergrund der Schau. „Ich habe den Eindruck, dass der formulierte wissenschaftliche Anspruch die kommerziell erfolgreiche Zurschaustellung von Toten bemäntelt“, so Jeska in der Stellungnahme vom Mai. Wohler wäre ihm, wenn ein Forschungsinstitut dahinter stünde und die Ausstellung ausschließlich der medizinischen Aufklärung dienen würde, sagte er unserer Redaktion.

Jeska stellt aus theologischer Sicht auch die Frage, ob die Totenruhe der ausgestellten Menschen angemessen gewahrt bleibe und wann und wie sie eines Tages bestattet werden. „Oder werden sie entsorgt?“, fragt der Superintendent.

Grundsätzlich finde er die Idee seines Kollegen gut, so Jeska weiter: „Es ist doch schön, dass wir in der evangelischen Kirche inhaltlich über solche Themen diskutieren können.“ Er habe mit Uhlhorn aber abgestimmt, dass dieser auch die kritischen Aspekte thematisiere. Jeska lässt aber auch leise Skepsis anklingen: „Ob man dazu ein Plastinat in der Kirche braucht...?“

Skepsis im Kirchenvorstand

Skeptisch sind auch einige Mitglieder des Kirchenvorstandes von St. Marien. Friederike Dauer, Vorsitzende des Kirchenvorstandes, schreibt aus dem Urlaub, Pastor Dr. Uhlhorn werde wie gewohnt eine gute Predigt halten, in der er das Thema Schöpfung und Vergänglichkeit aufgreifen und dabei das Plastinat einbeziehen werde. Insofern wähle er einen völlig anderen Ausgangspunkt als die Ausstellungsmacher. Weiter schreibt sie: „Wie bei jeder Predigt kann es generell unterschiedliche Auffassungen geben. Im Kirchenvorstand gibt es positive Stimmen und einige, die das anders sehen. Ich persönlich würde mir die Ausstellung in der Stadthalle nicht ansehen wollen. Es hat sich aber niemand aus dem Kirchenvorstand dafür ausgesprochen, das Thema, wie von Pastor Dr. Uhlhorn geplant, im Gottesdienst nicht zu behandeln.“

Die Kuratorin der Körperwelten-Ausstellung, Angelina Whalley, begrüßt die theologische Herangehensweise: „Wir sollten alle dankbar für dieses wunderbare Geschenk sein, es respektieren und die Verantwortung dafür übernehmen“, wird sie in einer Mitteilung zitiert.

Alle anatomischen Präparate sind echt. Sie stammen von Menschen, die zu Lebzeiten darüber verfügt haben, dass ihr Körper nach dem Ableben zur Ausbildung von Ärzten und der Aufklärung von Laien zur Verfügung stehen soll. Das Heidelberger Institut für Plastination, 1993 von Gunther von Hagens gegründet, unterhält nach eigenen Angaben ein Körperspendeprogramm mit derzeit 17000 registrierten Körperspendern. Der Fackelträger sowie 200 weitere Ganz- und Teilplastinate sind bis 2. September in der Osnabrück-Halle zu sehen.


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