Ein Bild von Wilfried Hinrichs
05.07.2018, 14:00 Uhr PLASTINAT IN DER KIRCHE

Eine Predigt zum Hören –und Sehen

Ein Kommentar von Wilfried Hinrichs


Foto: David EbenerFoto: David Ebener

Osnabrück. Ein evangelischer Pastor holt eine haltbar gemachte Leiche in eine Osnabrücker Kirche, um über Gottes Schöpfung zu predigen. Ist das eine gute Idee? Ja, unbedingt!

Muss das sein? Muss es sein, eine enthäutete Leiche als Anschauungsobjekt in einer Kirche aufzubauen? Nein, das muss gewiss nicht sein – aber es darf sein. Und bei Lichte betrachtet: Die Leichenschau ist sogar eine geniale Idee.

Denn in dem Verstorbenen, der nun als Fackelträger im Auftrage der medizinischen Aufklärung und und gewiss auch zur Wohlstandsmehrung der Plastinationserfinder die Welt bereist, konzentrieren sich Fragen der Medizin (Wie funktioniert der menschliche Körper?), der Ethik (Wie gehen wir mit unseren Toten um?) und Theologie (Bilden Seele und Körper eine Einheit?). Durch die Anwesenheit des haltbar gemachten Toten, durch dessen Direktheit und Authentizität, wird aus einer theoretisch-philosophischen Betrachtung ein echtes Erleben. Eine Predigt zum Hören –und Sehen. Gruseleffekt vielleicht inklusive. Ein anatomisches Modell aus dem Schulunterricht würde Seele und Verstand der Zuhörer jedenfalls nicht in dieser Tiefe erreichen.

Hut ab, dass die evangelische Kirche dieses Experiment wagt und eine spannende Diskussion anstößt.


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