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Angst bei Karmann: Wer bekommt die Kündigung?

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13 Uhr, Karmann-Haupttor. Schichtwechsel. Die einen kommen - die anderen gehen auf die andere Straßenseite, sobald sie die Medien sehen. "Wie die Stimmung ist? Was meinen Sie wohl?", schnaubt einer in grauer Karmann-Latzhose und geht weiter.

Ist es die Sorge um den Arbeitsplatz, die vielen den Mund verklebt? Oder haben sie einfach genug von der ewigen Spekulation, wie es bei Karmann weitergeht, wen die Entlassungwelle diesmal trifft? Beim letzten Mal stand er schon auf der Liste, sagt ein 34-jähriger gelernter Kfz-Mechaniker. Aber es erwischte ihn nicht. "Diesmal bin ich wohl dabei", meint er und lächelt gequält: "Ich suche schon was Neues."

"Mies" findet er das, was "da läuft im Werk". Die Belegschaft werde nicht richtig informiert, keiner wisse genau, wie es um das Werk und neue Aufträge stehe. Sein Kollege, 39 Jahre alt, sieht das genauso und hat auch eine Theorie über das Motiv der Geschäftsführung: Die Angst um den Arbeitsplatz werde bewusst geschürt. "Es traut sich doch keiner mehr, sich krankzumelden. Die Leute stehen mit Rückenschmerzen am Band, weil sie Angst haben."

Die Ankündigung von Karmann-Chef Bernd Lieberoth-Leden, dass eine "erhebliche Zahl" von Arbeitsplätzen in der zweiten Jahreshälfte abgebaut werden müsse, kommt für die Beschäftigten nicht überraschend. Die Mitarbeiter rätselten nur noch, wie viele es denn treffen wird. Die Schätzungen reichten gestern von 800 bis zu 1500.

"Pausenlos" werde das Thema diskutiert, sagt ein 44-Jähriger, der seit 23 Jahren für Karmann arbeitet und gute wie schlechte Zeiten erlebt hat. Ähnlich schlecht sei es vor 13 Jahren gewesen. Damals seien ganze Abteilungen wochenlang zu Hause geblieben. Aber es gebe einen großen Unterschied zu heute: "Wir wussten damals, dass neue Aufträge reinkommen und wir bald wieder Arbeit haben." Zurzeit sei ja nichts in Sicht, vor allem nicht der Auftrag, ein ganzes Auto zu bauen. Nur das würde die Beschäftigung bei Karmann für die nächsten Jahre sichern.

Der Frust sitzt tief bei vielen Beschäftigten, die in den vergangenen Monaten erhebliche finanzielle Opfer gebracht haben, um Arbeitsplätze zu retten. Auf 400 Euro netto musste zum Beispiel der 39-jährige Lackierer verzichten und ist sauer auf die Manager. Klar, die Lage im Automobilbau sei überall schlecht, aber das Karmann-Management habe es einfach nicht geschafft, neue Aufträge hereinzuholen. "Und wen trifft es? Immer nur die Arbeiter."

Ein Kollege will eigentlich nichts sagen, dann dreht er sich noch einmal um: "Ich sehe das nicht so schlimm." Nach 26 Jahren bei Karmann bringt ihn die aktuelle Misere nicht aus der Fassung: "Man kennt das doch." Und außerdem: "Ich habe mir ein zweites Standbein aufgebaut, in der Landwirtschaft."

Die Karmann-Spitze mag das Wort Krise nicht. Entlassungen und Neueinstellungen wie zuletzt 2001 sind Teil des Geschäftsmodells der "atmenden Fabrik", die schneller als andere auf Auftragsschwankungen reagieren kann. Die alten Hasen kennen das, sehen aber eine Gefahr : "Das ist doch so", fängt ein Mann aus der Frühschicht zu erklären an, "wenn irgendwann wieder Leute eingestellt werden, dann kommen die von Zeitarbeitsfirmen." Und die arbeiteten für weniger Geld.

Die Hoffnung gibt er trotzdem nicht auf. "Das hier ist das Mutterwerk. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man das einfach kaputtgehen lässt." Er glaube fest daran, dass die Chefs "noch irgendwas in der Hinterhand" haben.


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