Juni 1918 Vor 100 Jahren in Osnabrück: Aus Wirtshäusern werden Waisenhäuser

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Das Restaurant „Blumenhalle“ war zeitweilig in „Bürgergarten“ umbenannt. Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 stammt aus der Sammlung Helmut Riecken, Verlag Friedrich Obermeyer, Osnabrück.Das Restaurant „Blumenhalle“ war zeitweilig in „Bürgergarten“ umbenannt. Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1910 stammt aus der Sammlung Helmut Riecken, Verlag Friedrich Obermeyer, Osnabrück.

Osnabrück. Fast vier Jahre dauert der Erste Weltkrieg nun schon an und greift immer tiefer in das Leben der Osnabrücker ein. Aus etlichen Gastwirtschaften wurden Reservelazarette. Außerdem mangelt es an Waisenhausplätzen.

Wie das „Osnabrücker Tageblatt“ berichtet, geht das beliebte Kaffeehaus „Erste Blumenhalle“ vor dem Martinitore, das unter Gastwirt Hagedorn den Namen „Bürgergarten“ erhalten hatte, zum 1. Juli in den Besitz des Vereins „Evangelische Kinderpflege“ über und wird zu einem Kinderheim umgerüstet. Es macht also eine ähnliche Umgestaltung durch wie das Hotel „Kaiserhof“ an der Herrenteichsstraße, das jetzt katholischen Damen als Altersheim dient. Oder wie die Stadthalle am Kollegienwall, die bis auf wenige Gesellschaftsräume des Hintergebäudes neuerdings als katholisches Waisenhaus genutzt wird.

Erste bis vierte Blumenhalle

Die Zeitung blickt zurück: Gastronomie unter dem Namen Blumenhalle hat eine lange Tradition, die bis ins Jahr 1825 zurückreicht. Vier Höfe des Landbesitzers Blome westlich der Stadt wurden erste bis vierte Blumenhalle genannt. Auf der ersten Blumenhalle wurde am 7. August 1907 das letzte Schnatgangfest der Martinianer Laischaft gefeiert. Die ernsten Zeiten rufen nun nach einer neuen Nutzung als Kinderheim. Soziale Einrichtungen konzentrieren sich hier: Seit Frühjahr 1914 gibt es in der Nachbarschaft am Blumenhaller Weg das Männerheim Martinsburg. Nicht weit davon soll demnächst, am Fuße des Westerberges, die neue Provinzial-Hebammenlehranstalt, ein Mütter- und Säuglingsheim, errichtet werden.

Es mangelt an Kleidung

Die Bekleidungsfrage wird von Tag zu Tag brennender. Angesichts des Mangels insbesondere an Kinderkleidung gibt ein Leser die folgende „warmherzige Anregung“:: „Flaggen heraus! Aus den weißen Streifen werden Hemdchen und Mädchenhöschen, aus den roten Streifen Kleidchen und Russenkittel und aus den schwarzen Streifen Leibchenhöschen für Jungen hergestellt. Zahlreiche Kleiderfabriken sind beschäftigungslos. Sie würden in einigen Wochen unsere gesamten Flaggen verarbeiten können und Millionen von Kindern würde geholfen sein. Man wird mir entgegnen, die Flaggen seien etwas ‚Heiliges‘. Oder, sie müßten den hoffentlich bald kommenden Frieden mit weihen helfen. Wie viel schöner wäre es aber, wenn unsere Flaggen unseren Kindern ein Friedenskleid gäben! Und dann noch eins: Sind uns die Flaggen etwa heiliger als unsere Kirchenglocken?“

Behördlicherseits ist es den Zeitungen verboten, Anzeigen von Privatpersonen aufzunehmen, in denen sie Kleidungs- und Wäschestücke, Uniformen und Stiefel zu kaufen suchen oder anbieten. Es dürfen nur behördlich zugelassene Stellen die genannten Gegenstände erwerben oder veräußern. Zuwiderhandelnde können mit Gefängnis oder Geldstrafe bestraft werden.

„Die gegenwärtigen Verhältnisse zwingen uns, in Bezug auf Kleidung uns die alleräußerste Beschränkung aufzuerlegen“, mahnt das „Tageblatt“. So sei es wünschenswert, wenn die weibliche Bevölkerung „aller Stände“ vom Tragen von Trauerkleidung während des Krieges absehe und nur, wie bei den Männern üblich, durch Anlegen von Trauerflor der Trauer äußerlichen Ausdruck gebe. „Der Trauerflor erfüllt genauso seinen Zweck wie ein schwarzes Kleid, da wahre Trauer doch mit Äußerlichkeiten nichts zu tun hat.“

Langfinger unterwegs

In den Zügen üben jetzt vielfach die Handtaschen der Damen eine besondere Anziehungskraft auf Langfinger aus. Sie werden häufig gleich nach dem Einsteigen in das Gepäcknetz oder auf die Bank gelegt und bleiben dann unbeaufsichtigt liegen, während die Eigentümerin bis zur Abfahrt des Zuges aus dem Fenster sieht und winkt. Diesen Augenblick benutzen dann die Diebe, um mit der Tasche unbemerkt auszusteigen. Auf dem hiesigen Bahnhofe sind kürzlich auf diese Weise mehrere Damen um erhebliche Barbeträge erleichtert worden.

Auch Hamsterfahrten und Diebstähle an Lebensmitteln gehören zu den alltäglichen Nachrichten. Eine typische Zeitungsmeldung: „Die Landleute sind nicht imstande, sich der vielen Frauen und Kinder, die aus dem Industriegebiet wegen Kartoffeln, Eiern, Speck, Brot und Butter bei ihnen vorsprechen, zu erwehren. Auch die Polizei kann nur noch summarisch einschreiten, indem sie die gehamsterten Lebensmittel beschlagnahmt und die Betreffenden laufen läßt. Leider kommen auch viele Diebstähle vor, was umso leichter geschehen kann, weil die Landfrauen, die meist ihre Männer an der Front stehen haben, auf dem Acker beschäftigt sind und das Haus dann unbewacht ist.“

Fixer, properer Laufbursche gesucht

Aus den Inseraten: „Die von mir über Herrn Brannewitz, Lotterstr. 97, gemachte beleidigende Äußerung nehme ich, weil unwahr, zurück. Frau Maria Jedzewski, Lotterstr. 97.“ – „Diejenige Person, welche die Schuhe auf Nr. 591 oder 592 abgeholt hat, wird ersucht, dieselben wieder in die Besohlanstalt Markt 15 zurückzubringen.“ – „Mir oder mich? - Vorzügliches Lehrbuch der deutschen Sprache, 1,55 M., Verlag Schwarz & Co. Berlin.“ – „Mehrere Mädchen und Frauen gesucht als Modelle zum Frisieren. Kein Haarbrennen. Gute Bezahlung. Meldungen in der Stadthalle.“ – „Kniestockwohnung, 5 Räume, zu vermieten. Iburger Str. 49.“ – „Fixer, properer Laufbursche für die Nachmittagsstunden gesucht. Borgmann, Großestraße 16.“ – „15-jähriger, stadtkundiger Brotfahrer sucht Stellung.“ – „Samson David sucht für sofort oder später ein Lehrmädchen mit guter Schulbildung und aus achtbarer Familie.“ – „Julius Budde, Goethestr. 37, sucht Halbinvaliden oder Arbeitsfrau für 2 Stunden täglich.“ – „Junge Kriegerfrau sucht Stellung in nur feinem Haushalt, im Nähen etwas bewandert.“ – „Sauberes katholisches Mädchen für ruhigen Haushalt zum 1. Juli gesucht.“


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