Innovation aus Israel Gelähmter Landwirt lernt in Osnabrück mit „ReWalk“ zu laufen

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Was ein wenig aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film, ist eine Chance für Menschen wie Dieter Bäumer, die eine Querschnittslähmung erlitten haben. Ihn unterstützten die Physiotherapeuten Anne-Carina Lampe und Jonas Hilgefort. Fotos: Jörn MartensWas ein wenig aussieht wie aus einem Science-Fiction-Film, ist eine Chance für Menschen wie Dieter Bäumer, die eine Querschnittslähmung erlitten haben. Ihn unterstützten die Physiotherapeuten Anne-Carina Lampe und Jonas Hilgefort. Fotos: Jörn Martens

Osnabrück. Eine Querschnittslähmung bedeutet ein Leben im Rollstuhl. Das galt bisher. Doch neue technische Entwicklungen versprechen zumindest einem Teil der Betroffenen Alternativen. Landwirt Dieter Bäumer aus Ibbenbüren ist der erste Patient in der Region, der mithilfe des „ReWalk“-Systems wieder laufen lernt.

Es surrt. Und zwar laut. Immer, wenn der Apparat, mit dem sich Dieter Bäumer über den Flur der Osnabrücker Rehabilitationseinrichtung „Medicos“ bewegt, einen weiteren Schritt macht. Unwillkürlich fühlt sich der Beobachter an Science-Fiction-Filme erinnert. Dort tragen Schauspieler tonnenschwere Exoskelette, um darin zu kämpfen oder Lasten zu heben. Im Prinzip funktioniert „ReWalk“ ähnlich.

Nur sind es im Film die Piloten, die dem Exoskelett durch ihre eigenen Bewegungen die Handlung vorgeben. Bei „ReWalk“ ist es umgekehrt. Die Maschine bewegt den Menschen. Schritt für Schritt. Oder aus einer sitzenden Position in den Stand. Und umgekehrt. Selbst Treppensteigen ist möglich. Insassen wie Dieter Bäumer steuern die Motoren über eine an eine Uhr erinnernde Konsole am Handgelenk. Und reagieren auf die Bewegungen.

Wichtig dabei: Dieter Bäumer stützt seinen Körper mit Krücken ab. Denn obwohl die 27 Kilogramm schwere „Orthese mit Motoren“, wie Fachleute das System nennen, selbst steht, ist es wichtig, dass Bäumer sein Gleichgewicht hält. Und die Maschine kennenlernt. Deshalb unterstützen ihn die Physiotherapeuten Anne-Carina Lampe und Jonas Hilgefort sowie Marcel Mielke, Europa-Repräsentant der israelischen Herstellerfirma „ReWalk Robotics“.

„Jetzt, jetzt, jetzt“, sind die Kommandos, die Marcel Mielke Dieter Bäumer immer dann gibt, bevor sich die Maschine wieder bewegt. Dann setzt auch der Patient seine Krücken einen Schritt weiter. Aktuell lernt er in seiner fünften Trainingsstunde, am Surren der Motoren zu erkennen, wann genau dieser Moment ist. Denn langfristig will er nur mit „ReWalk“ und ohne fremde Unterstützung wieder gehen.

„Ich möchte gerne durch unseren Hühnerstall gehen können“, sagt der Landwirt. Vor acht Jahren ist er von einem Dach gestürzt. Seither ist sein persönlicher Beitrag bei der Produktion und Vermarktung von Bio-Eiern stark eingeschränkt. „Aber ich habe immer nur nach vorne geblickt“, sagt Bäumer. Einen Traktor mit Aufzug, den er selbst ohne Hilfe besteigen und fahren kann, hat er schon. Jetzt will er wieder gehen.

„Motivation ist ein entscheidendes Kriterium, ob ein Patient für das System geeignet ist“, sagt Marcel Mielke, „sonst handelt es sich nur um einen sehr teuren Kleiderständer“. Weitere Faktoren sind Körpergröße und Gewicht, zwischen 1,60 und 1,90 Meter dürfen die Piloten groß und nicht schwerer als 100 Kilogramm sein. Und der Querschnitt darf nicht zu hoch sitzen, denn schließlich müssen die Menschen mit dem Oberkörper aktiv mitarbeiten.

Das Medicos hat erstmals im Sommer 2017 vom „ReWalk“-System gehört. Im Herbst war André von Rüschen, der erste deutsche Querschnittsgelähmte, der damit geht, in Osnabrück zu Gast und hat es vorgeführt. „Und als er dann aus seinem Rollstuhl aufstand, standen uns Tränen in den Augen“, berichtet Anke Puls, kaufmännische Leiterin des Medicos. Für sie war klar, dass sie Mitarbeiter in dem System schulen wollte, um auch Betroffenen in der Region diese Chance zu geben.

Zudem belegen erste Untersuchungen über das 2006 in Israel entwickelte System, dass es neben der psychischen Komponente handfeste medizinische Vorteile für Patienten bietet: Spastiken und Schmerzen nehmen ab, es gibt weniger Infektionen und die Blasen- sowie Darmfunktion verbessert sich. Die Anschaffung des Systems und die Trainingseinheiten werden unter bestimmten Voraussetzungen von Krankenkassen und Berufsgenossenschaften übernommen.


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