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Nach Deutschlands WM-Pleite Wie geht es mit dem Public Viewing in Osnabrück weiter?

Von Benjamin Havermann und Wilfried Hinrichs

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bhav/hin Osnabrück. Für die deutsche Nationalmannschaft ist die Fußballweltmeisterschaft vorbei. Das ist bitter für die Fußballfans – und für die Public-Viewing-Betreiber in Osnabrück. Ihnen entgehen Einnahmen, einige verbuchen herbe Verluste. Und der Einzelhandel hat mit dem Verramschen der Deutschland-Trikots begonnen.

Beim Alando Palais am Pottgraben wird ab kommenden Montag nichts mehr an Fußball erinnern. Die große Außenleinwand kommt weg, die Dekoration wird eingesammelt und die Plakate werden ebenfalls ausgetauscht. „Die WM hat sich für uns erledigt“, sagt Inhaber Frederik Heede. Diese Entscheidung war nach dem Aus der deutschen Mannschaft zwangsläufig, denn im Alando werden nur die Deutschland-Spiele gezeigt. Für die anderen Spiele gebe es laut Heede zu wenig Interesse. Dass die Deutschen schon in der Vorrunde ausscheiden, hatte er nicht erwartet, das Viertelfinale hatte er ihnen zugetraut.

Wegen des frühzeitigen Aus konnte Heede mit seinem Public Viewing-Angebot keinen Gewinn machen. „Wir brauchen mindestens fünf Spiele, um unsere Kosten zu decken“, sagt der Unternehmer. Erst ab dem sechsten oder siebten Spiel mache er Gewinn. Für ihn ist dies nach dem Wegfall des Maidorfs nun schon die zweite Pleite in 2018. „Das ist nicht unser Jahr“, sagt Heede. Er hoffe, dass die anstehenden Veranstaltungen erfolgreicher über die Bühne gehen.

Sascha Turrek vom Anyway Eventhaus an der Martinistraße geht es nicht viel besser. Dort ist die WM ebenfalls zu Ende. Turrek und sein Team haben schon nach dem Deutschlandspiel mit den Aufräumarbeiten angefangen. Die LED-Leinwand, der Toiletten- und der Bierwagen sind bereits abgebaut. Turrek spricht von einem großen finanziellen Verlust im fünfstelligen Bereich. „Die Kosten für die Baugenehmigung und das Sicherheitskonzepts lassen sich mit drei Spielen nicht wieder reinholen“, sagt der Anyway-Inhaber. Ähnlich wie das Alando werden auch an der Martinistraße nur die Deutschland-Spiele übertragen.

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Anders sieht es beim Büdchen am Westerberg aus. Hier werden alle WM-Spiele gezeigt und daran ändert auch die deutsche Niederlage nichts. „Wir werden nicht am Konzept drehen“, sagt Inhaber Michael Werner. Die WM laufe ja weiter und interessante Spiele gebe es trotzdem zu sehen. Werner erwartet zwar, dass nicht mehr 1000 Zuschauer kommen, wie bei einem Deutschland-Spiel, aber einige Hundert könne er sich durchaus vorstellen. „Das Spiel Portugal gegen Spanien war schon sehr gut besucht“, sagt er. Und außerdem sei das Wetter immer ein wichtiger Faktor – und das ist zumindest aktuell ziemlich gut.

Im „Grünen Jäger“ wird nach den Worten von Inhaber Pascal Rupp die Weltmeisterschaft weiter gehen: „Wir zeigen ohnehin immer viel Fußball, auch Bundesliga und Champions League.“ Klar, wenn Deutschland bei Europa- oder Weltmeisterschaften spiele, sei es immer besonders voll. „Das macht dann auch immer Spaß“, so Rupp. Nun erwartet er weniger Gäste, aber keinen kapitalen wirtschaftlichen Schaden. „Wir haben nichts extra fürs Public Viewing investiert“, so Rupp. Nur das Personal musste zu den Deutschlandspielen aufgestockt werden.

Auch die Stadtwerke Osnabrück setzen das Rudelgucken im „Nettedrom“ unbeeindruckt fort. Wie geplant, hatten die Stadtwerke auf der E-Kartbahn in der Vorrunde nur die Deutschland-Spiele gezeigt, ab dem Achtelfinale laufen dort alle Spiele über eine Großleinwand.

Galeria Kaufhof in Osnabrück hat am Donnerstagmorgen die Preise für die gesamte DFB-Kollektion um 40 Prozent reduziert. „Trostrabatt“ nennt die Warenhauskette den Preisnachlass unter dem Titel „Schade Deutschland“. Das WM-Trikot in der Herren-Größe kostet statt 89,99 Euro jetzt nur noch 53,99 Euro.

Im Carport geht es weiter

Die Fußball-Fans, die die Deutschland-Spiele im Carport der Familie Stölting in Icker sahen, erlebten – wie Millionen andere Fans auch – die volle emotionale Bandbreite, die dieser Sport mit sich bringt. Am Samstag herrschte nach dem Last-Minute-Treffer gegen die Schweden Euphorie. „Wir haben geschrien vor Freude“, erzählt Bastian Stölting. Am Mittwochabend war dagegen Trauer angesagt. Trotz dieser Achterbahnfahrten wollen er, seine Familie und die Nachbarn weiter die Spiele im eigens aufgebauten WM-Studio gucken. „Eine Nachbarin ist Französin, also werden wir nun Frankreich unterstützen“, sagt Stölting. Auch die Spiele der Belgier und Kroaten haben ihn überzeugt. „Dann feiern wir halt mit denen.“

Der Frust sitzt tief

Die Familie Riedmann aus dem Georgsmarienhütter Ortsteil Dröper baut dagegen schon ab. „Wir sind so frustriert“, sagt Kirsten Riedmann. Außerdem fahren einige Freunde nun in den Urlaub. „Da lohnt sich das nicht mehr.“ Auch sie haben die Höhen und Tiefen in der kurzen WM der Deutschen miterlebt. Vor vier Jahren wurde der Titel noch enthusiastisch in der Garage gefeiert. Ob die Familie in vier Jahren zur nächsten WM wieder zum Rudelgucken einlädt, ist noch nicht klar. „Das müssen wir uns noch gut überlegen“, sagt Kirsten Riedmann. Der Frust sitzt tief.

Gute Stimmung trotz historischer Niederlage herrschte in Pye. Dort organisieren die Jugendgruppen der Kirchengemeinde St. Matthias ein Public Viewing in einem Zelt auf dem Kirchplatz. „Die Aktion kommt gut in der Gemeinde an“, sagt Gruppenleiter Marc Berling. Die Pyer hätten weiterhin „Bock auf Fußball“, erzählt er. Deswegen werden auf dem Kirchplatz ab dem Viertelfinale alle Spiele gezeigt. Bleibt zu hoffen, dass sich die Fußball-Begeisterung in Pye hält, denn die Gruppenleiter haben die Aktion selbst vorfinanziert, einer hat sogar 1600 Euro aus eigener Tasche bezahlt. Das Geld soll nun aus dem Getränke- und Würstchenverkauf wieder erwirtschaftet werden. Der Erlös ist für die Jugendarbeit.


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