Betonringe für die Mauerkronen Der Stüveschacht in Osnabrück ist bald keine Ruine mehr

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Osnabrück. Das war ein großer Moment für den Förderverein Stüveschacht: Am Mittwoch wurde ein 50 mal 50 cm dicker Betonring auf der Mauerkrone des 150 Jahre alten Baudenkmals gegossen. Wenn es nach Franz Heidemann geht, bekommt die Ruine im kommenden Jahr sogar ein neues Tonnendach.

Bis 1898 wurde im Stüveschacht an der Nordseite des Piesberges Kohle gefördert. Seitdem ist das eindrucksvolle Bruchsteingebäude mit der markanten Rundbogenarchitektur dem Verfall ausgesetzt. Zuletzt musste die Ruine sogar eingezäunt werden, um arglose Spaziergänger vor herunterfallenden Steinen zu schützen. Diese Gefahr ist nun gebannt. Franz Heidemann und sein Förderverein sind auf dem besten Weg, dem Bauwerk aus der Zeit der Industrialisierung seine frühere Gestalt zurückzugeben.

Seit Februar arbeiten die Restauratoren der Firma Paetzke am Mauerwerk der alten Zeche. Sie haben das Efeu und die losen Steine entfernt, die Fehlstellen und die großen Löcher zugemauert, durch die wohl die schweren Maschinen aus dem Gebäude geholt wurden. Aus den Mauerkronen in 18 Meter Höhe formten sie eine Rinne, die mit Moniereisen bestückt wurde. 18 Kubikmeter Beton sollen, wenn sie ausgehärtet sind, für dauerhafte Stabilität sorgen – zusammen mit einem zweiten Betonring, der in einigen Wochen auf halber Höhe gegossen wird.

Hoffen auf Spender

„Geschient“ wurden inzwischen die vier Eisenträger, die den Luftraum der Ruine begrenzen. Wo der Rost ihre Statik gefährdete, wurden Stahlplatten aufgesetzt und verschraubt. Dass noch immer einige Rostlöcher zu sehen sind, beunruhigt Franz Heidemann nicht. Eine Untersuchung habe ergeben, dass die Träger genug Reserven haben. Sogar für die Laufkatze, die den Jahrzehnten getrotzt hat. Die lasse sich noch bewegen, freut sich der Vorsitzende des Fördervereins.

331.000 Euro haben die Freunde des Stüveschachts mit Hilfe mehrerer Sponsoren aufgetrieben, um den ersten Bauabschnitt zu finanzieren. Das Geld wird allerdings nicht reichen, weil sich wie bei fast jedem Altbau Kostensteigerungen ergeben haben. Deshalb hofft der Förderverein auf weitere Spenden.

Tonnendach schon 2019?

Parallel dazu laufen schon die Planungen für die nächsten Bauabschnitte. Für 45.000 Euro soll eine Rampe mit Stahltreppe hergestellt werden, über die Besucher ins Innere des Gebäudes gelangen können. Heidemann hofft, dass die Zeit der „begehbaren Ruine“ kurz bleibt, denn der Stüveschacht soll wieder ein Tonnendach aus Blech bekommen. Das wäre Bauabschnitt Nr. 3, der auf 145.000 Euro kalkuliert wird. Anträge bei Stiftungen und Sponsoren werden schon vorbereitet. Wenn das Geld wie erhofft fließt, könnten die Dachdecker schon für 2019 bestellt werden.

Inzwischen gibt es auch Pläne, wie die Kathedrale der Industriekultur, in der früher zwei jeweils 650 PS starke Dampfmaschinen arbeiteten, künftig genutzt werden könnte. Ein Lernstandort ist im Gespräch, um Schülern nahezubringen, was es mit der Industriegeschichte und der Kulturlandschaft des Piesberges auf sich hat. Dazu passt, dass demnächst auch eine Feldbahnhaltestelle am Stüveschacht eingerichtet wird.

210 Meter in die Tiefe

Der 1950 geborene Maschinenbauer Franz Heidemann fühlt sich dem Bergbau verbunden, weil schon seit Urgroßvater Josef in der Kohlezeche gearbeitet hat. Dieses Kapitel war lange beendet, als seine Tante den damals Fünfjährigen an den noch offenen Schacht führte und ein Steinchen nach unten plumpsen ließ. Bis zum Pumpensumpf sind es 210 Meter, aber ab 43 Meter Tiefe steht das Wasser. Heute verdeckt eine Betonplatte die Öffnung.

Das Bergwerk ist abgesoffen, und auf seinem Grund steht eine riesige Wasserhaltungsmaschine von Haniel und Lueg, die erst wenige Jahre vor der Zechenschließung angeschafft wurde. Heidemann ist fasziniert von der Technik des 19. Jahrhunderts. Im Bergbaumuseum Bochum hat er das Modell einer baugleichen Wasserhaltungsmaschine entdeckt. So ein Modell möchte auch er den künftigen Besuchern des Stüveschachts zeigen.


Das Unglück in 200 Meter Tiefe

Im Stüveschacht ereignete sich am 7. September 1893 ein schweres Grubenunglück. Durch einen Wassereinbruch kamen neun Bergleute ums Leben, die in einer Tiefe von etwa 200 Metern gearbeitet hatten. Weil die Pumpen versagten, konnten ihre Leichen erst ein halbes Jahr später geborgen werden.

Die Wasserhaltung machte den Kohleabbau im Piesberg aufwendig und teuer. Immer größere Maschinen mussten angeschafft werden, um die großen Wassermassen abzupumpen. Zwei Dampfmaschinen mit jeweils 650 PS und einer Förderleistung von 24 Kubikmetern pro Minute arbeiteten im Schachtgebäude. Unter Tage wurde eine Tandemmaschine mit zweimal 300 PS und einer Förderleistung von zwölf Kubikmeter pro Minute eingebaut. Sie konnte nicht demontiert werden, als die Zeche 1898 geschlossen wurde und absoff. Deshalb steht sie noch heute in 210 Meter Tiefe im Förderschacht.

Der Stüveschacht auf der Nordseite des Piesberges wurde nach dem früheren Osnabrücker Bürgermeister Carl Betram Stüve (1798 - 1872) benannt. Ein Jahr nach seinem Tod wurde mit dem Teufen des Schachts begonnen. Der Kohlebergbau fand unter der Regie der Stadt Osnabrück statt, die damit anfangs gute Einnahmen erzielte. Doch schon bald gab es die ersten Probleme mit Wassereinbrüchen. Immer wieder kamen die Arbeiten in der Zeche zum Erliegen. 1889 verkaufte die Stadt das Bergwerk, zu dem auch der Haseschacht (heute Museum industriekultur) gehörte, an den Georgs-Marien-Bergwerks- und Hüttenverein (GMBV). Ein Jahr später wurde der Schacht tiefer geteuft. Im Geschäftsjahr 1896/97 erzielte der GMBV mit 186.734 Tonnen die größte Fördermenge Kohle in der Geschichte des Piesberges.

Das Ende der Zeche wurde durch einen Streik der Bergleute eingeläutet. Ihr Protest richtete sich im Kern gegen die Streichung kirchlicher Feiertage. Für den GMBV war das der der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Am 8. Juni 1898 schloss er die wegen ihrer aufwendigen Wasserhaltung nicht mehr konkurrenzfähige Zeche. 1000 Bergleute verloren ihre Arbeit.

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