Lesereihe in Osnabrück Hanjo Kesting über die „Germania“ von Tacitus

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Roter Faden bis in den Nationalismus: Frank Arnold (links) und Hanjo Kesting widmeten sich im Friedenssaal dem positiven Bild der Germanen bei Tacitus. Foto: Jörn MartensRoter Faden bis in den Nationalismus: Frank Arnold (links) und Hanjo Kesting widmeten sich im Friedenssaal dem positiven Bild der Germanen bei Tacitus. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Von ihrer politisch-historischen Wirkung her hält der Kulturjournalist Hanjo Kesting die „Germania“ vom römischen Historiker Tacitus für eine der Grundschriften der europäischen Kultur. Das erläuterte er eindrucksvoll im Osnabrücker Rathaus gemeinsam mit dem Schauspieler und Regisseur Frank Arnold in der Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen.“

Handelt es sich bei der eher „schmalen und bescheidenen“ „Germania“ von Tacitus wirklich um eine Grundschrift der europäischen Kultur? Nicht vom Umfang und vom Gehalt her, meint der Kulturjournalist Hanjo Kesting, da gebe es in der Antike gewichtigere Werke etwa von Platon, Vergil oder Ovid, wohl aber in ihrer Wirkung, gerade auch in politisch-historischer Hinsicht. Dann holt er in seiner elegant formulierenden, kenntnisreichen Art aus, nimmt das kolossale Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald zum Fixpunkt für jene nationalistische Rückbesinnung auf den Cheruskerfürsten und „Germanienbefreier“ Arminius, die von der Tacitus-Schrift ihren Ausgang nahm.

Nach dem ersten Teil, dem doch eher fernen Gilgamesch-Mythos, geht es im dritten Teil der Lesereihe „Erfahren, woher wir kommen“ geografisch in die Nähe, nach Kalkriese als möglichem Schauplatz der verheerenden Niederlage der Römer. Wieder ist der Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses gut gefüllt, längst mit Dauerbesuchern des Formats.

Germanien als klimatisch raues Land mit kümmerlichen Reizen und niederdrückendem Gesamteindruck kommt nicht besonders gut weg bei Tacitus, dem römischen Historiker der Kaiserzeit. Wohl aber die Germanen, ein „eigenwüchsiges, unvermischtes Volk von unvergleichlicher Eigenart“, das er für seine Freiheitsliebe, Wehrhaftigkeit, Gefolgschaftstreue, Treue überhaupt und Naturverbundenheit rühmt.

Ein Mythos wird geboren

Ein Mythos wird geboren, der unüberprüft seinen Weg durch die deutsche Geschichte antritt. Dessen Tugenden von unverbogener Geradheit, Stärke und Ehrlichkeit gern vom Nationalismus gegen alles verkommen Römische und später tückisch Welsche, also Romanisch-Französische ins Feld geschickt wurde.

Auch Martin Luthers Kampf gegen römisch-katholische Missstände sieht Kesting in dieser Tradition und fragt anregend wie immer, wie sich wohl die deutsche Geschichte bis hin zum Nationalsozialismus wohl ohne die folgenreiche „Germania“ entwickelt hätte.

Von Arminius zu Hermann

Aus dem Umfeld von Luther stammt auch der Name Hermann für Arminius, abgeleitet von „Heermann“, erläutert Kesting und weist auf die vielen literarischen Bearbeitungen des Hermann-Themas von Wieland, Klopstock, Hölderlin bis zu Kleist und Goethe oder die zahlreichen Hermann-Opern etwa in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hin.

Mit lebendiger und sinnerhellender Betonung las der Schauspieler, Sprecher und Regisseur Frank Arnold aus den Tacitus-Schriften, amüsierte mit stimmlicher Ironie für Heinrich Heine und mit Tacitus‘ Beschreibung der Germanen: „...alle haben trotzige blaue Augen, rotblondes Haar und hünenhafte Leiber, die freilich nur zum Angriff taugen.“


Die Reihe wird nach den Sommerferien fortgesetzt: am 17. September mit Homers „Odyssee (Klaus Schreiber)“, am 29. Oktober mit Ovids „Metamorphosen“ (mit Volker Risch) und am 26. November mit Hartmann von der Aue und seinem „Gregorius“ (mit Siegfried Kerner).

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