Wenn die Beine kribbeln, zucken oder ziehen Osnabrücker Selbsthilfegruppe Restless Legs berät Betroffene

Von Petra Pieper

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Heike Meyer-Holtkamp (links) und Andrea Welzel laden Betroffene zur Teilnahme an den Treffen der Selbsthilfegruppe „Restless Legs“ ein. Foto: Petra PieperHeike Meyer-Holtkamp (links) und Andrea Welzel laden Betroffene zur Teilnahme an den Treffen der Selbsthilfegruppe „Restless Legs“ ein. Foto: Petra Pieper

Osnabrück. Dass das „Restless-Legs-Syndrom“ (RLS), zu deutsch „Unruhige-Beine-Syndrom“, fast schon eine Volkskrankheit ist – neben Migräne eine der häufigsten neurologischen Krankheiten in Deutschland – weiß man erst seit kurzem. Fast jeder Zehnte ist mehr oder weniger stark betroffen.

Die Patienten leiden unter Unruhe mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang, vielfach verbunden mit Schmerzen oder unangenehmen Missempfindungen. Nicht immer sind die Beine oder nur die Beine betroffen, es können auch andere Körperpartien von dem Ziehen, Reißen, Kribbeln oder Zucken erfasst werden. Erst durch Bewegung tritt Linderung ein. Das Fatale: Die Beschwerden stellen sich ein, wenn der Körper zur Ruhe kommt, bevorzugt, wenn die ermüdeten Patienten sich zu Bett legen und auf erholsamen Schlaf hoffen. Manchmal bringt eine kalte Dusche Abhilfe, auch Cremes können Erleichterung bringen, wenn die Krankheit jedoch eine bestimmte Stärke erreicht hat, ist eine medikamentöse Unterstützung erforderlich.

Dauerhaft übermüdet

Viele Betroffene sind nach durchwachten Nächten am anderen Morgen wie gerädert, kaum waren sie eingeschlafen, wurden sie durch die Zuckungen wieder wachgerüttelt. Viele RLS-Patienten sind dauerhaft übermüdet, gereizt, erschöpft, unkonzentriert. In sehr schlimmen Fällen kann das in der Folge zu Depressionen und Suizidgefährdung führen. Allerdings ist die Krankheit, nachdem sie erst einmal in den Fokus der Forschung gelangt ist, inzwischen ganz gut einstellbar, meinen Heike Meyer-Holtkamp und Andrea Welzel von der Osnabrücker Selbsthilfegruppe. Die SHG ist Mitglied in der Deutschen Restless Legs Vereinigung. Dieser Dachverband, in dessen Vorstand Heike Meyer-Holtkamp ehrenamtlich mitarbeitet, unterstützt die Ursachen- und Therapieforschung finanziell. „Je mehr Betroffene Mitglied werden, umso besser für die Forschung und für uns alle“, unterstreicht sie. Für die Teilnahme an den Selbsthilfetreffen sei das aber keine Voraussetzung.

Auch Kinder können betroffen sein

In der SHG, die sich alle acht Wochen in der Paracelsusklinik Osnabrück trifft, können Betroffene über ihre Erfahrungen sprechen, bekommen Antwort auf ihre Fragen und neue Anregungen; gelegentlich gibt es auch Vorträge. „Die Stimmung in unserer Gruppe ist sehr gut, da braucht sich niemand zu fürchten“, versichern die Frauen, die beide über eine schon mehr als zehnjährige Erfahrung mit der Krankheit verfügen. Es komme eine altersmäßig gemischte Gruppe von etwa 15 bis 20 Frauen und Männern ab 40 Jahren aufwärts. „Dabei können auch schon Kinder betroffen sein“, wirft Heike Meyer-Holtkamp ein, die stünden in der Gefahr, aufgrund der Symptomatik als ADHS-Kinder fehldiagnostiziert zu werden.

Herumrutschen auf dem Sessel

Rückblickend erkennt Andrea Welzel auch an sich selbst schon viel länger die Symptome der Krankheit: abendliches Herumrutschen auf dem Sessel, Leidensdruck bei einer längeren Flugreise oder langen Autofahrten, keine Entspannung nach abendlichem Walken. „Es ist besser, Sport und Anstrengungen in die Vormittagsstunden zu verlegen“, weiß sie heute. Bei Heike Meyer-Holtkamp traten die Symptome erstmals in der Schwangerschaft auf, „wohl wegen des niedrigen Eisenspiegels“, verschwanden zunächst aber wieder, bevor sie 2006 dauerhaft wurden. Als sie nach ein paar Jahren – „anfangs habe auch ich die Zeichen nicht richtig gedeutet“ – zum Hausarzt ging, verschrieb der ihr ein Medikament, das umgehend Besserung brachte. Allerdings nur wenige Monate, danach traten die Symptome schon im Tagesverlauf auf und alles wurde schlimmer. „Das ist die sogenannte Augmentation“, weiß die ehemalige PTA.

Besuch beim Neurologen

Die beiden Frauen empfehlen den Besuch beim Neurologen, denn nicht jeder Hausarzt sei mit der vergleichsweise neuen Krankheit vertraut. Man kennt zwei Formen des RLS: Die sogenannte ideopathische (primäre) Form kommt familiengehäuft vor, man vermutet hier vererbte genetische Veränderungen. In der sekundären, durch Blutverlust, Krebs oder Niereninsuffizienz erworbenen Form können die Symptome nach Rückgang der auslösenden Erkrankung ebenfalls verschwinden. Noch sind nicht alle Ursachen erforscht, aber man weiß, dass es bei der Erkrankung um Störungen des Dopaminhaushalts geht und dass hoher Blutverlust, zum Beispiel bei einer Operation, zu einer Leerung des Eisenspeichers und damit zu Bewegungsunruhe führen kann. Ein englischer Arzt beschrieb schon im 17. Jahrhundert RLS-Symptome: Damals war der Aderlass sehr populär. Aber erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde eine wirksame Therapie mit dopaminergen Substanzen gefunden. Inzwischen sind in bestimmten Fällen auch Opiate und Antiepileptika das Mittel der Wahl. Oder es werden zwei Medikamente kombiniert. „Es gibt für jeden das passende Medikament“, sind die Frauen überzeugt.

Die SHG trifft sich wieder am Mittwoch, 1. August, von 18 bis 20 Uhr, im Besprechungsraum Bauteil F der Paracelsusklinik, Am Natruper Holz 69, in Osnabrück.

Info: restless-legs.org

Kontakt: meyer-holtkamp@osnanet.de oder Tel. 05476 771


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