Beeindruckendes Doppelkonzert am Freitag Morgenland Festival baut eine „Neue Seidenstraße“

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Am stärksten ist das Morgenland Festival, wenn es zum Kreativlabor wird. Das war am Donnerstag bei den „West-östlichen Höhenflügen“ der Trompeter Ingolf Burkhardt und Nezar Omran so und am Freitag mit dem Projekt „Die Neue Seidenstraße“.

Es ist schon ein auffällig außergewöhnliches Ensemble da auf der Bühne der Lagerhalle. Raushan Orozbaeva mit ihrer Schalenhalslaute Kobys und Ulzhan Baibussynova mit der zweisaitigen Laute Dombra sind schon allein optisch ein exotisches Erlebnis: In ihren kasachischen Trachten, den bodenlangen Mänteln, der Fellmütze und dem Hut mit dem Federschweif ziehen die beiden die Blicke auf sich; für sich ein nehmen sie aber durch ihre Musik. Die Pferdehaar-Saiten der Kobys haben einen warmen, intensiven Klang und kommt oft der menschlichen Stimme sehr nah, und die tiefe, füllige Stimme von Baibussynova geht direkt  unter die Haut, und das nicht nur, wenn sie fließend in den Obertongesang hinübergleitet.

Ein Moment des Sehens

Mit einem wehmütigen Lied fangen die beiden an; nach dem Intro der Kobys setzt der Gesang ein, sphärisch umgeben vom Klingeln der Glöckchen und Becken von Schlagzeuger und Perkussionist Bodek Janke. Zur nächsten Strophe des Volksliedes tastet sich Salman Gambarov ins Ensemble mit Akkorden, die er gleichsam aus dem Klavier streichelt; schließlich steigt Wu Wei mit seiner chinesischen Mundorgel Sheng ein. So weht schließlich dicht gewebter Schleier das Lied eines Blinden, der seinen Gott um einen einzigen Moment des Sehens bittet. Wenn nicht in diesem Leben, dann im nächsten.

Es geht oft so ruhig zu beim neuesten Morgenland-Projekt. Salman Gambarov spielt lichte Akkorde und zauberhafte Melodien, wo ein Ton aus dem anderen fließt. Jazz klingt an, auch treibt er die Entwicklung mal zu einem extrovertierten, atonalen Höhepunkt. Dann lässt er das Klavier wieder zauberhaft singen und erreicht gleichzeitig maximale Klarheit, weil er sich perfekt auf die Kunst des Minimalismus versteht. Die Sheng des chinesische Multiinstrumentalist Wu Wei erzeugt mit ihren Akkordeon- und Orgelklängen leise Nachdenklichkeit, kann aber auch aufbrausen und fauchen. Wu spielt außerdem eine chinesische Stehgeige und eine warm klingende Querflöte und wird damit zu einem Gravitationszentrum der Band. Das rhythmische Gewebe dazu entfaltet Bodek Janke mit Klingeln und Glöckchen; er befeuert die Band am Drumset, entwickelt eigene melodisch-rhythmische Ebenen an den Tablas. Gemeinsam steuert die Band da mitunter auf gewaltige Ausbrüche zu, nimmt sich aber auch die Zeit, ausgiebig musikalischen Gedanken nachzuhängen. Das schließt Humor keineswegs aus: Ein traditionelles chinesisches Lied über einen Pferderitt endet in einem herrlich schrägen Reiterspaß.

Die Achse des Guten

Das Erstaunliche dabei ist: Hier kommen Musikerinnen und Musiker aus unterschiedlichsten Kulturen und Sozialisationen zusammen, die in dieser Form sicher noch nie auf einer Bühne dieser Welt gesessen haben. Das Publikum in der Lagerhalle ist damit Zeuge einer ganz besonderen Premiere geworden. Das schließt Mankos mit ein; die beiden Kasachinnen waren etwas kurz gekommen und sicher können ein paar Stellschrauben noch besser justiert werden. Aber eine sehr konkrete Idee von dem, was eine Neue Seidenstraße sein könnte, vermittelte diese Band in jedem Fall. China, Kasachstan, Aserbaidschan und Europa auf einer Achse des Guten: In der musikalischen Welt des Morgenland Festivals funktioniert das prächtig.

Die Virtuosen des Moguls

In eine ebenfalls ziemlich exotische Welt hat an dem Freitagabend das erste Konzert geführt: Es ging dabei um die Musik am Hof des Mogulreiches zu Beginn des 16. Jahrhunderts auf dem indischen Subkontinent. „Auf den Spuren des Babur“ lautet der Titel nach dem Namen des ersten Moguls, und wenn das Konzert tatsächlich einen Eindruck vermittelt, was vor 500 Jahren am Hof des Babur en vogue war, dann liebte man schon damals das Virtuosentum. Tatsächlich ist es verblüffend, was Homayun Sakhi an der Schalenhalslaute Rubab zupft, was er zusammen mit Tabla-Fex Salar Nadar entwickelt. Dazu vermitteln die beiden ihre Musik mit einem gewissen Glamourfaktor wie es der Wahlheimatstädte Los Angeles und San Francisco entspringt ist. Dahinter müssen Sirojiddin Juraev an den Lauten Dutar und Tanbur sowie Mukhtor Muborakqadomov an der Setar etwas zurückstehen. Ein Erlebnis ist es trotzdem, diese Formation zu erleben - eindringlicher und nachhaltiger aber ist „Die neue Seidenstraße“.


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