Genial: „West-östliche Höhenflüge“ Sprühende Trompetendialoge beim Morgenland Festival

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Die Kunst des West-Ost-Dialogs zelebrieren Florian Weber, Ingolf Burkhardt, Nezar Omran und Hogir Göregan (von links). Foto: Thomas OsterfeldDie Kunst des West-Ost-Dialogs zelebrieren Florian Weber, Ingolf Burkhardt, Nezar Omran und Hogir Göregan (von links). Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Ein Trompeter aus Damaskus und einer aus Hamburg treffen sich für einen musikalischen Dialog der Kulturen. Ein Paradebeispiel für den untrüglichen Spürsinn Leiter des Morgenland Festivals, Michael Dreyer, die richtigen Musiker zusammen zu bringen.

Zu Beginn wedelt Florian Weber ein wenig mit dem blauen Band der Romantik. Vorsichtig tastet sich der Pianist durch eine zärtliche Ballade, schiebt damit leise den Vorhang zur Seite für die beiden zentralen Akteure des Abends: für den Trompeter Nezar Omran aus Damaskus und seine Kollegen Ingolf Burkhardt aus Hamburg. Die spielen eine getragene, orientalisch gefärbte Melodie; hier ein Viertelton, dort ein kleines Ornament, fließt die Melodie ruhig dahin. Omrans Ton klingt dabei dunkel, man möchte sagen: schwermütig, Burkhardt klingt hell und goldstrahlend, wie man es von einem Trompeter der NDR Bigband erwartet. Dazu streichelt Hogir Göregen seine Rahmentrommeln, seine Darbouka, seine Becken, und Weber fächert seine Akkorde auf, bis sie klingen wie ein feingewebter Schleier. Weiterlesen: Nezar Omran und Ingolf Burkhardt im Vorgespräch

Das Trompeter-Gen

Dramaturgisch zelebriert das Quartett auf der Bühne der Lagerhalle einen klassischen Einstieg in ein „Maqam“: Der Begriff meint einerseits die Skalen der orientalischen Musik, aber auch die Art, wie die Musik gebaut ist. Und das heißt eben: Ein Maqam beginnt sanft, leise, unaufgeregt. Um am Ende auszuflippen. Womit der Rahmen des Abends beim diesjährigen Morgenland Festival vorgegeben ist.

„West-östliche Höhenflüge“ steht als Titel über dem Konzert, und das passt natürlich zu einem Konzert, bei dem Trompeter im Mittelpunkt stehen – vermutlich verfügt diese Spezies ja über ein Gen, das die Töne nach oben treibt. In diesem Fall ist die Metapher aber sehr wohl musikphilosophisch zu verstehen: Es ist die Erkenntnis, die den musikalischen Geist fliegen lässt.

Der Austausch findet in beiden Richtungen statt: Omrans Kompositionen entspringen dem Orient; man hört es an den filigranen Ornamenten und an den Tonfolgen mit ihren Mikrotönen. Weber passt ihnen ein Kleid aus westlichen Harmonien an, in dem sie sich hörbar wohlfühlen.

Burkhardt hat sich nun hörbar mit der Melodik beschäftigt. Er folgt den Wendungen Omrans bis ins mikrotönige Detail, setzt dessen ockerfarbenem Ton eine Oktave höher ein bisschen Jazzglanz auf. In seinen Soli bricht dann der reinblütige Jazzer durch; da verwandelt sich Burkhardt vom Adepten der orientalischen Musik zum Trompeten-Ass, und an die Stelle der Maqam-Mikrotöne treten die Blue Notes des Jazz. Weiterlesen: Das Eröffnungswochenende des diesjährigen Morgenland Festivals

Florian Weber

Schon optisch scheint der Abend auf die beiden Trompeter fokussiert zu sein: Sie stehen nebeneinander im Zentrum der Bühne, und sie bestimmen, was passiert. Omran hat für den Abend komponiert, hat also gewissermaßen die musikalische Startrampe für die trompeterischen Höhenflüge gebaut. Solistisch klingt er im Vergleich zum strahlenden Ton Burkhardts fast ein wenig unscheinbar. Dabei entwickelt er die Intensität nur auf andere Weise: mit einem schmeichelnden Ton, mit seinen orientalischen Melodien.

Musikalisch und optisch erstellen Weber und Göregen den Rahmen. Dezent machen die beiden das; Weber liefert ein feingliedrig und präzis gewebtes Bass-Harmonie-Gerüst, gegen das Göregen gern ein bisschen quer zur Metrik anspielt. Hochspannend und hochmusikalisch ist das; bei der Zugabe aber heben Weber und Göregen in einem irrwitzigen Dialog die Grenzen zwischen Perkussion und Melodik auf, und das in frappierender Virtuosität. Ein furioser Schluss für eine Formation, die hoffentlich noch oft beim Morgenland Festival auftritt.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN