„The Poetry Project“ beim Morgenland Festival Gedichte von Jugendlichen über das Leben als Geflüchteter

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Bewegend: Shahzamir Hataki liest ein Gedicht über seine dramatische Flucht übers Mittelmeer. Foto: Swaantje HehmannBewegend: Shahzamir Hataki liest ein Gedicht über seine dramatische Flucht übers Mittelmeer. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. Sieben Jugendliche lesen selbstverfasste Gedichte: Das Berliner Poetry Project gastiert beim Morgenland Festival. Im Felix-Nussbaum-Haus geben die Gedichte berührende Einblicke in die Welt jugendlicher Geflüchteter.

Nach ihrer Lesung sind sie ganz normale Jugendliche. Fünf Jungs und zwei Mädchen sitzen im lauschigen Innenhof der Lagerhalle, der während des Morgenland Festivals als Kantine und Rückzugsraum für das Festivalteam und die Künstler dient. Sie trinken etwas, unterhalten sich miteinander und mit neugierigen Gästen, und sie sind, wie Teenager eben sind: freundlich und zugewandt, schüchtern und zurückhaltend, laut und lümmelig. Irgendwann haben sie genug von den Erwachsenen und spielen vorn in der Kneipe ein paar Runden Billard. Ganz normale Jugendliche eben. Weiterlesen: Das Poetry Project

Gedichte von Bomben und Tod

Es ist erleichternd, diese Normalität zu erleben. Im großen Saal des Felix-Nussbaum-Hauses standen sie eben auf der Bühne und haben Gedichte rezitiert, eigene Gedichte, die von Bomben und Tod erzählen, vom Kindern, die im Mittelmeer ertrinken, von Einsamkeit, von schlechtem Gewissen, weil sie im vermeintlichen Paradies Deutschland leben, während ihre Angehörigen weiterhin unter Krieg und Zerstörung leiden.

Susanne Koelbl, Auslandskorrespondentin beim „Spiegel“, hat das Format Poetry Project ins Leben gerufen, das nun als Teil des Morgenland Festivals im Felix-Nussbaum-Haus gastiert hat. Junge Menschen, die allein vor den Kriegen in Afghanistan, Irak oder Syrien geflüchtet sind, erzählen aus ihrem Leben, das die Flucht zerschnitten hat: Aus einer Kindheit im Krieg kommen sie lebensgefährlichen Umständen nach Deutschland, in dieser neuen, fremden, kalten Welt zu Jugendlichen heran – all das thematisieren die Jugendlichen in ihren Gedichten. Die Form des Gedichts hat Koelbl aus zwei Gründen gewählt: Einmal hat die Kunstform das Potenzial, Ebenen aufzuschließen, die sonst im Keller der Psyche vergraben bleiben. Zum anderen sind die Jugendlichen mit Gedichten aufgewachsen: In Afghanistan, Syrien, Irak hat Poesie einen festen Platz im alltäglichen Leben, fester als es sich ein deutscher Humanist bei uns erträumen würde.

Jugendliche Realitäten

Es ist dies einer jener Abende, an denen sich das Morgenland Festival  den Realitäten im Mittleren Osten stellt, der Region also, mit der sich das Festival sehr konkret auf einer musikalisch-kulturellen Ebene beschäftigt. Festivalchef Michael Dreyer hat schon jungen erwachsenen Musikerinnen und Musikern aus Bagdad Kameras in die Hand gedrückt und daraus einen sehr eindrucksvollen Film über den Alltag in Bagdad gemacht. Diesmal nun sind es junge Menschen, die als Kinder auf den Weg nach Europa geschickt wurden, in eine bessere Zukunft in Sicherheit.

Einen Blick auf die Flüchtlingsproblematik jenseits kategorischer Schwarzweiß-Darstellungen soll das Poetry-Project ermöglichen, sagt Koelbl. Tatsächlich erzählen die jungen Menschen Geschichten, die uns verschlossen sind, weil wohl kaum jemand mit einem Flüchtlingsboot im kalten Mittelmeer gekentert ist. Auch können wir uns nicht vorstellen, wie verwirrend ein junger Mann aus Afghanistan die Berliner findet, wenn sie an heißen Tagen „nackt“ unterwegs sind. Oder wie schwierig es ist, den Verwandten daheim klar zu machen, dass Deutschland zwar sicher, aber beileibe kein Paradies ist. Weiterlesen: Ein Abend über Bagdad beim Morgenland Festival

Sie finden Bilder und Worte für ihre Gedanken, die bezaubern und gleichzeitig erschüttern: „Mein heißes Herz für Europa wurde kalt“, heißt es da, und der Begriff „Heimat“ wird plötzlich zu einer großen Frage. Sie schreiben in der Regel auf persisch, nur ein Mädchen aus Syrien spricht arabisch, und einige Gedichte haben die jungen Menschen auf Deutsch verfasst. Für die anderen rezidiert Oliver Meskendahl wunderbar einfühlsam die deutschen Übersetzungen, und das macht den Abend zu einem bewegenden Erlebnis, weil man selten einen derart intensiven Einblick in das Leben junger Geflüchteter bekommt, wie bei diesem Poetry Project. Und so ist man aufrichtig froh, wenn einer dieser jungen Menschen seinen bestandenen Realschulabschluss feiert, eine andere von einer Zukunft als Fotografin und Journalistin träumt, und schließlich alle einfach Billard spielen. So, wie es junge Menschen eben machen. 


Detailierter Informationen über das Poetry Procjet gibt es hier: www.thepoetryproject.de

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