Angehörige: Ich weiß nicht mehr weiter Warum es in Osnabrück immer noch keinen Pflegestützpunkt gibt

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Die Pflege eines Angehörigen ist nicht nur anstrengend, sondern auch bürokratisch. Beratung unter anderem beim komplizierten Papierkram soll ein Pflegestützpunkt leisten. Foto: colourbox.deDie Pflege eines Angehörigen ist nicht nur anstrengend, sondern auch bürokratisch. Beratung unter anderem beim komplizierten Papierkram soll ein Pflegestützpunkt leisten. Foto: colourbox.de

Osnabrück. Noch immer gibt es in Osnabrück keinen Pflegestützpunkt, obwohl der Rat ihn vor einem Jahr beschlossen hat. Pflegende Angehörige und Betroffene in Osnabrück sind teilweise regelrecht verzweifelt, weil sie trotz Rechtsanspruchs keine Pflegeberatung bekommen.

„Ich weiß einfach nicht mehr weiter“, sagt Bettina Hawighorst. Seit 2012 pflegt sie ihren an Demenz und Typ-eins-Diabetes erkrankten Mann zu Hause. Sie benötige dringend einen Pflegeberater, der ihr hilft, an eine stundenweise Betreuung durch einen ausgebildeten Alten- oder Krankenpfleger zu kommen, damit sie auch mal das Haus verlassen kann, sagt die Heilpädagogin. Doch weder findet sie eine solche Fachkraft noch einen Berater. Die Osnabrückerin ist sauer, dass die Stadt immer noch keinen Pflegestützpunkt eingerichtet hat – denn genau dort soll die Beratung geleistet werden, die sie dringend braucht. Im Landkreis gibt es so einen Pflegestützpunkt schon seit acht Jahren. Einige Osnabrücker haben sich daher dort schon Hilfe geholt. 2017 fanden laut Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff insgesamt 1047 Beratungen statt, davon waren 82 Anfragen aus der Stadt gekommen.

Keine Hilfe

Die Hawighorsts aus Osnabrück sind noch jung: sie Jahrgang 1963, er 1951. Anfangs ging es noch: Bettina Hawighorst konnte zu ihrer Arbeitsstelle in Bersenbrück fahren, während ein Pflegedienst zu Hause ihren Mann versorgte. Doch mittlerweile muss er, Pflegegrad vier, rund um die Uhr betreut werden. Die 54-Jährige gab dafür ihren Job auf. Sie hat viele Fragen, bei denen ihr derzeit niemand weiterhilft: Was soll sie dem Arbeitsamt sagen? Wie legt sie am besten Widerspruch ein gegen die Entscheidung des medizinischen Dienstes, ihren Mann nicht einen Pflegegrad höher zu stufen? Wie kann sie sich mehr Unterstützung holen? In Osnabrück gebe es kein Netzwerk für Demenz, beklagt sie, und keinerlei Angebote für Betroffene und ihre Angehörigen – nicht mal seitens der Kirchen.

Eigentlich hat das Paar einen Anspruch auf Pflegeberatung, so ist es in Paragraf 7a des elften Sozialgesetzbuches geregelt. Liefern, und zwar unverzüglich, müssen die Pflegekassen, so steht es im Gesetz. Bettina Hawighorst rief bei ihrer Kasse an. „Dann hieß es, der Pflegeberater sei krank“, berichtet sie. Stattdessen sitzt sie abends vor dem Computer und recherchiert stundenlang. „Ich komme mir ziemlich alleine vor.“

Ratsbeschluss von 2017

Übertragen können die Pflegekassen ihre Beratung ganz oder teilweise auf Dritte. Und hier kommt die Stadt Osnabrück ins Spiel. Am 30. Mai 2017 passierte ein gemeinsamer Antrag aller Fraktionen den Rat: Die Stadt sollte die Einrichtung eines Pflegestützpunktes prüfen. Im September dann wurde dessen Umsetzung beschlossen. Die Beratungsstelle soll gekoppelt werden an den bereits existierenden Seniorenstützpunkt – das ist Bedingung des Landes, damit für den Seniorenstützpunkt weiter 70 Prozent Fördermittel fließen.

Der Leiter des Fachdienstes Bürgerengagement und Seniorenbüro, Ulrich Freisel, machte sich an die Arbeit und legte Anfang 2018 ein Konzept und einen Entwurf für den Vertrag über den Pflegestützpunkt mit den Kassen vor. Dann mussten Räume her – und das dauerte. Doch ohne barrierefreie Räume: keine Vereinbarung mit den Kassen. Inzwischen hat die Stadt die Freiwilligenagentur in der Bierstraße umgebaut.

Mitarbeiter kaum zu finden

Noch schwieriger gestaltete sich die Mitarbeitersuche. Zwei halbe Stellen werden eingerichtet, mit der jeweils anderen Hälfte sollen die Mitarbeiter für den Seniorenstützpunkt tätig sein. Zweimal schrieb die Stadt die Stellen aus, da die erste Runde im März ohne Erfolg blieb. Die Anforderungen sind hoch: Ein Studium und pflegerische Praxiserfahrungen sind Grundvoraussetzungen. Das Gehalt jedoch ist begrenzt.

20000 Euro will die Stadt für den Pflegestützpunkt ausgeben, und exakt 39973 Euro zahlen die Kassen. Diese Summe kommt wie folgt zustande: Pro Bewohner ab 60 Jahren gibt es genau einen Euro – und zwar nach der amtlichen Statistik vom 31. Dezember 2007. So ist es in Niedersachsen in einer Rahmenvereinbarung zwischen den Kassen und den Kommunen von 2009 festgelegt, die damals geschlossen wurde, damit die Kommunen freiwillig Pflegestützpunkte aufbauen. Teilweise bezieht sich diese Vereinbarung noch auf Gesetzesparagrafen, die es gar nicht mehr gibt. Die knapp 39973 Euro kommen in Osnabrück in etwa hin, laut Freisel leben aktuell etwa 40500 Menschen ab 60 in der Stadt. Doch das wird sich in wenigen Jahren ändern, dann kommt die Babyboomergeneration in dieses Alter. Trotzdem gilt bei der Berechnung weiterhin die Statistik von 2007.

Fachkräftemangel

Zieht man allgemeine Kosten für den Arbeitsplatz ab, bleiben 50000 Euro jährlich für die Mitarbeiter. Woanders können Pflegefachkräfte durchaus mehr verdienen, erst recht angesichts des erheblichen Fachkräftemangels. „Der rollt nicht auf uns zu, der hat uns schon überrollt“, sagt Freisel. „Die bewerben sich nicht bei uns, wir bewerben uns bei denen.“ Jetzt endlich sei das Stellenverfahren im Abschluss begriffen, sagt Freisel. Der Vertrag mit den Kassen über den Pflegestützpunkt ist aber bis heute nicht unterzeichnet, weil die Kassen dafür beide Arbeitsverträge und Belege über die Qualifikation der Mitarbeiter verlangen.

Start voraussichtlich zum 1. Oktober

Ulrich Freisel hofft, dass das Beratungsangebot zum 1. Oktober an den Start gehen kann, bittet aber schon jetzt um Verständnis, dass sich die beiden Mitarbeiterinnen erst noch einarbeiten müssten und nicht sofort zu 100 Prozent durchstarten könnten. „Wir merken jetzt schon, dass ein sehr hoher Bedarf besteht“, sagt er. „Ob das mit zwei halben Stellen zu leisten ist, muss sich zeigen.“


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