Rekordspender, Erstspender, Gar-nicht-Spender Warum Osnabrücker Blut spenden – und warum nicht

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Eine Geschichte von Rekordspendern, Erstspendern und Nichtspendern. Foto: Jörn MartensEine Geschichte von Rekordspendern, Erstspendern und Nichtspendern. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Alle sieben Sekunden ist in Deutschland ein Patient auf eine Bluttransfusion angewiesen, doch nur drei bis vier Prozent der Bevölkerung spendet Blut. Was bewegt Menschen dazu, Blut zu spenden – was hält sie davon ab? Eine Geschichte über Rekordspender, Erstspender und Gar-nicht-Spender in Osnabrück.

Weit draußen in Voxtrup, dort, wo es ländlich wird, Pferde auf Wiesen grasen und irgendwo im Hintergrund die A30 rauscht, da wohnt Johannes Maßmann. Er hat viel zu erzählen. Über seinen Hausumbau oder seine Zeit bei Karmann, aber "ach, darum soll es ja heute gar nicht gehen. Wegen Blutspenden sind Sie doch hier", sagt der 57-Jährige. Er scheint etwas verwundert über unser Interesse. "Hier, die habe ich alle aufbewahrt", sagt er und breitet zwölf Blutspenderausweise auf seinem Küchentisch aus. Im April hat Johannes Maßmann im Rathaus eine Urkunde erhalten – für 170 Blutspenden. "Inzwischen müssten es etwa 173 sein", meint er. 

Wurde für 170 Blutspenden ausgezeichnet: Johannes Maßmann. Foto: Gert Westdörp

Es ist Montagvormittag. Vor dem verspiegelten Gebäude des NOZ-Medienzentrums fahren Transporter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) vor. Die Mitarbeiter packen rote Liegen aus, bauen die einzelnen Stationen auf, bereiten einen Imbiss für die Blutspender vor. Auf zur Blutspende! Wer kommt mit?

Der eine sagt, er fürchte sich vor Nadeln. Der zweite, ihm werde beim Blutspenden schlecht. Der dritte erklärt, er habe Rollvenen. Der Vierte hat keine Zeit. 

Und ich?

Das erste Mal... 

Warum habe ich eigentlich noch nie Blut gespendet? Sicher – auch bei mir gehört der Satz "Ich habe schwierige Venen" zum Standardrepertoire ärztlicher Besuche. Während der Schwangerschaft, als mir ständig Blut abgenommen werden musste, sah ich zeitweise aus wie ein Junkie, denn der erste Stich war selten zielführend. Aber am Ende ist dann ja doch immer etwas aus meinem Arm in ein Röhrchen geflossen.

Der eigentliche Grund für mein bisheriges Nichtspenden ist doch vielmehr dieser: Bequemlichkeit. Wer Blut spenden will, muss schon ein bisschen was dafür tun. Er muss einen Termin heraussuchen, er muss sich Zeit nehmen, er muss da hingehen. Wie soll man das in einen Alltag zwischen Arbeit, Familie und Freundschaftspflege denn auch noch unterbringen? Nur – wenn das DRK plötzlich zu einem kommt, an den eigenen Arbeitsplatz, und um eine Blutspende gebeten wird, während der Arbeitszeit – welche Ausrede habe ich dann?

Foto: Jörn Martens

Johannes Maßmanns erste Blutspende fand aus einem wenig altruistischen Grund statt: "Ich war bei der Bundeswehr. Da gab es fürs Blutspenden einen Tag Sonderurlaub." So 20 Jahre alt müsste er damals gewesen sein. In Unna hat er seine Grundausbildung gemacht. Urlaub gibt es schon lange nicht mehr fürs Spenden, Geld hat er nie dafür erhalten. Dennoch geht Johannes Maßmann sechsmal im Jahr zur Blutspende. Inzwischen kennt man ihn beim DRK. "Ach, Sie schon wieder", heiße es dann.

Beim Bund gab es Sonderurlaub

Auch Hans-Dieter Pohl erhielt im April eine Urkunde im Rathaus. 150-mal hat er Blut gespendet. 52 Jahre lang ist er regelmäßig zur Blutspende gegangen, und auch bei ihm hat es beim Bund angefangen. "Unser Kompaniechef hat gesagt: So, wir gehen jetzt alle geschlossen Blut spenden", erzählt er und lacht. Denn kaum habe der Kompaniechef die Nadel gesehen, sei der auch schon umgekippt. Der Rest der Mannschaft habe aber brav gespendet. Damit ist es für Hans-Dieter Pohl jetzt allerdings vorbei. Am 3. Januar ist er 73 Jahre alt geworden und hat damit das Höchstalter für Blutspenden erreicht. "Aber am 2. Januar war ich noch einmal spenden", sagt er. Ihm fehlt es: "Vielleicht entwickelt man da eine gewisse Sucht? Zumindest wissen Blutspender immer, dass sie gesund sind, das Blut wird ja auch getestet."

André Pottebaum und Cornelia Achenbach aus der Redaktion der Neuen OZ bei der Anmeldung zur Blutspende. Foto: Jörn Martens

André Pottebaum ist Volontär bei der Neuen Osnabrücker Zeitung – und er ist Blutspender. "Meine Blutspenden kann ich aber noch an zwei Händen abzählen", sagt er und lacht. Ganz freiwillig wurde er nicht zum Spender – auch bei ihm gab es sozialen Druck: Vor ein paar Jahren machte er ein Praktikum in einem Start-up-Unternehmen, in der Nähe fand eine Blutspende statt, und der Chef meinte: Da gehen wir hin. "Blutspenden gehörte für die einfach dazu", meint André. Und als Praktikant konnte er da schlecht "nein" sagen. Sogar seinen Blutspenderausweis hat er dabei – "den vergesse ich sonst fast immer", gibt er zu. Ich habe nur meinen Personalausweis, ein Führerschein hätte auch gereicht. "Und für Sie? Das erste Mal?", werde ich bei der Anmeldung gefragt. "Ich habe schwierige Venen", sage ich. "Nicht für uns", verspricht mir ein DRK-Mitarbeiter.

Foto: Jörn Martens

Bevor es an die Nadel geht, gibt es erst einmal Papierkram. Wir müssen einen dreiseitigen Fragebogen ausfüllen, das müssen alle Spender, nicht nur blutige Anfänger, um auch diesen Wortwitz einmal untergebracht zu haben. Ich muss Fragen zu Krankheiten und Operationen beantworten. Außerdem werde ich gefragt, ob ich in der Zeit von 1980 bis 1996 länger als sechs Monate in Großbritannien oder Nordirland gelebt hätte. Creutzfeldt-Jakob, BSE – da war doch was. Und ich muss meinen letzten Auslandsaufenthalt angeben. "Niederlande." Ob das schockt? Akupunktur, Tätowierung, Piercing in den letzten vier Monaten? Nichts davon. 

Auch die Temperatur wird vor der Blutspende gemessen. Foto: Jörn Martens

Neben dem Fragebogen gibt es noch ein Merkblatt zu Aids und Hepatitis. Bei bestimmten Personengruppen gelte ein höheres Ansteckungsrisiko für diese Krankheiten, so dass sie kein Blut spenden dürfen. Dazu zählen: Drogenabhängige, Häftlinge, Männer, die bei Prostituierten waren – und Homosexuelle. Ein umstrittener Punkt. Jürgen Engelhard vom DRK-Blutspendedienst drückte erst kürzlich in einem Gespräch mit unserer Redaktion sein Bedauern über diese gesetzliche Vorgabe aus, denn generell sei beim DRK jeder willkommen. "Eine Gesetzesänderung ist derzeit in der Umsetzung", versprach Engelhard.

Foto: Jörn Martens

An der dritten Station wird es schließlich blutig: Man will mich piksen. "Ohrläppchen oder Fingerkuppe?" Äh – Fingerkuppe. Die DRK-Mitarbeiterin nickt, als wolle sie sagen: gute Wahl. Durch den kleinen Tropfen wird der Hämoglobinwert (der sogenannte rote Blutfarbstoff) bestimmt. So soll eine mögliche Blutarmut (Anämie) ausgeschlossen werden. 

Frauen dürfen seltener spenden

Frauen dürfen seltener Blut spenden als Männer, nämlich nur viermal pro Jahr, bei Männern sind es sechs Mal. Aufgrund der Menstruation können Frauen den Eisenverlust, der bei einer Blutspende erfolgt, nicht so schnell ausgleichen wie Männer. Und so kam zu den 15 Blutspendern, die geehrt wurden, nur eine Frau zu dem Termin ins Rathaus: Cordula Clemens, die es auf 75 Spenden bringt.  "Ich habe mich auch etwas gewundert, dass ich da die einzige Frau war, so exotisch bin ich doch nicht", meint die 47-Jährige. 18 Jahre war sie alt, als sie zum ersten Mal zur Blutspende ging. Seither gehe sie so zwei-, dreimal pro Jahr. Nein, selbst sei sie noch nie auf eine Spende angewiesen gewesen, auch in ihrem Umfeld habe es noch keinen Fall gegeben. "Aber man weiß ja nie, wie schnell das kommen kann", sagt sie.

Foto: Jörn Martens

An der Anmeldung im NOZ-Medienzentrum bildet sich langsam eine Warteschlange, und auch an Station 4 – "ärztlicher Check" – muss man warten. Hinter einer Trennwand sitzt ein Arzt, der einen Blick auf den Fragebogen wirft, Temperatur und Blutdruck misst. "Wie viel Wasser haben Sie heute schon getrunken?" 

"Ausreichend."

 "Wie viel?" 

"So drei Gläser vielleicht?" 

"Wie groß waren die Gläser denn? Es gibt solche und solche." 

"Zählt Kaffee auch?"

Ich komme hinter der Trennwand hervor und soll lieber mehr trinken, ehe es weiter geht. Und von hier an bin ich auf mich allein gestellt. "Ich wurde aussortiert", begrüßt mich André an Station 5. Ein Infekt vor ein paar Wochen und die damit verbundene Einnahme von Antibiotika haben ihn als Spender disqualifiziert. Ab hier also ohne 1,95-Meter-Mann. 

Es ist angerichtet... Foto: Jörn Martens

An Station 5 erhalte ich mein "Tablett": Auf meinem Fragebogenbrett werden mir Röhrchen für die Blutproben und die berühmten Blutspende-Beutel überreicht. Auf alles werden entsprechende Codes geklebt, damit es zu keinen Verwechslungen kommt. 

"Ich habe schwierige Venen."

"Wir haben Profis", beruhigt mich der DRK-Mitarbeiter. 

Die Damen vom Imbiss

Dann geht's auf die Liege. Füße hoch, Arm ausgestreckt. 500 Milliliter Blut sollen mir jetzt entnommen werden. Das dauere so etwa zehn Minuten, wird mir gesagt. Und noch mal gibt es was zu trinken. Cola oder Wasser. "Sagen Sie bitte noch einmal Ihren Vornamen, Nachnamen, Geburtsdatum." Idiotentest? Nein, eine Verwechslung soll ausgeschlossen werden. Dann wird mein Arm abgebunden, kaltes Desinfektionsmittel auf die Haut gesprüht, und was dann passiert, weiß ich nicht genau, da ich mit großem Interesse zusehe, wie eine Liege weiter ein bereits gefüllter Blutbeutel abgenommen wird. Irgendwann pikst es schließlich – aber es pikst nur einmal. Vene getroffen – Blut fließt. 

Läuft. Foto: Jörn Martens

Ja, es fließt – aber es fließt zu langsam. "Pumpen Sie mal etwas. Immer mal eine Faust machen und dann wieder lösen." Mache ich. Und bekomme noch mehr Wasser zu trinken. Eine ältere DRK-Mitarbeiterin kommt immer wieder zu mir. Sie weiß, dass ich Erstspender bin. "Wie geht es Ihnen?" "Geht es Ihnen noch gut?" "Was möchten Sie trinken?" Ich fühle mich großmütterlich umsorgt, kein Schwindel, keine Übelkeit. Dennoch zähle ich in den nächsten Minuten lieber die Deckenlichter. 

Irgendwann ist der Beutel voll, die Nadel wird aus meinem Arm gezogen, auf den Einstich kommt ein Pflaster und auf mein T-Shirt ein Aufkleber: "Erstspender". "Wenn Sie mit diesem Aufkleber da rüber zum Imbiss gehen, dann werden diese drei Damen Sie ganz genau beobachten", wird mir versprochen. 

Die drei Damen vom Blutspende-Imbiss: Buletten, Käsebrötchen, etwas Obst und Kuchen. Zur Stärkung. Foto: Jörn Martens

Wenn ich etwas blass wirke oder umzukippen drohe, werde hier gleich Alarm geschlagen. Nach ein paar Ruheminuten auf der Liege treffe ich am Imbisst auf eine weitere Erstspenderin. Wir amüsieren uns über unsere Aufkleber. "Wie so'n Ersti", meint sie. Noch schnell ein Brötchen mit Ei und fertig. Ein paar Kollegen winken mir zu, routinierte Spender, wie ich aus der Reaktion auf meinen Aufkleber ("Niedlich!") schließen kann. Das war's. "Heute bitte keinen Alkohol mehr trinken", wird mir noch gesagt. Na gut. "Und keinen Sport mehr machen." Kein Problem.

Und nun? Kommt mein Blut ins Labor. Wenn dabei irgendetwas auffällt, bekomme ich Post – wenn nicht, bekomme ich ebenfalls Post: Mir wird ein Blutspenderausweis ausgestellt. Mein erster von mal sehen wie vielen. An die zwölf Spenderausweise von Johannes Maßmann werde ich wohl nicht mehr heran kommen.


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