Babywatching Was Schüler der Osnabrücker Montessori-Schule von einem Baby lernen

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Jessica Villar und ihre Tochter genießen die Besuche in der Schule. Foto: David EbenerJessica Villar und ihre Tochter genießen die Besuche in der Schule. Foto: David Ebener

Osnabrück. Was können Viertklässler von einem Baby lernen? Eine ganze Menge, wie die Schüler Osnabrücker Montessori-Schule in den vergangenen Wochen erfahren haben. Einmal pro Woche kam in den letzten drei Monaten Baby Mila zu ihnen in die Klasse, um sie zu "unterrichten".

Im Mittelstufentrakt, dort, wo die vierten Klassen der Osnabrücker Montessori-Schule untergebracht sind, geht es trubelig zu. Die Pause der Förderschule mit Schwerpunkt geistiger Entwicklung ist gerade zu Ende gegangen, allmählich kehren die Schüler zurück in den Raum, in dem Klassenlehrerin Martina Schlüter bereits einen Stuhlkreis vorbereitet hat.

Wer sind sie, die Schüler, die gleich eine ganz besondere Lehrstunde erhalten werden? Um es ganz flapsig auszudrücken: Es ist ein bunter Haufen. Manche sind ganz aufgeregt und kontaktfreudig, können kaum ruhig auf dem Stuhl sitzen, andere sind ganz still und in sich gekehrt. Einige Schüler können kaum sprechen und kommunizieren mit Hilfe von Gebärden, wieder andere haben ein Handicap, das weniger offensichtlich ist, aber dennoch eine ganz individuelle Förderung brauchen. (Weiterlesen: Osnabrücker Junge kann nicht sprechen – hat aber viel zu sagen) 

Niklas bekommt während der Baby-Unterrichtseinheit eine Puppe zum Kuscheln und Festhalten – der Schüler kann sich so besser konzentrieren. Foto: David Ebener

Martina Schlüter breitet eine Decke auf dem Boden aus, verteilt Kuscheltiere. Niklas bekommt eine Babypuppe in die Hand gedrückt, die er während der nächsten Stunde kuschelt und an sich drückt, und die ihm hilft, sich besser zu konzentrieren. Ole ist ganz aufgeregt und meldet sich schon, ehe der Unterricht beginnt, während Ailien sich freudig die Hände reibt.  

So unterschiedlich die Schüler aus sind – sobald das "Babywatching" beginnt, werden sie still.

Mehr Gefühle als nur "gut" und "schlecht"

"Babywatching" – ein Programm, das Martina Schlüter während ihres Referendariats in Stuttgart kennengelernt hat, über das sie eine hundertseitige Arbeit schrieb und das sie nun auch an der Osnabrücker Montessori-Schule umsetzen will.

Die Idee ist simpel: Die Schüler beobachten 20 bis 25 Minuten lang die Interaktion zwischen einer Mutter und ihrem Baby und beschreiben die Gefühle, die sie bei dem Baby beobachten.

Und so simpel ist es dann natürlich doch nicht: Die Idee geht zurück auf Studien des Aggressionsforschers Henri Parens aus den 1980er Jahren und wurde von dem Münchner Bindungsforscher Dr. Karl Heinz Brisch weiterentwickelt. Ziel der Baby-Beobachtung ist es, die Empathie, also das Einfühlungsvermögen der Kinder zu fördern und damit Ängste und Aggressionen abzubauen. Bei Brisch hat Martina Schlüter auch eine Ausbildung gemacht, bei der sie eine ganz bestimmte Fragetechnik erlernt hat.

Jessica Villar kennt die Schüler der Montessori-Schule – sie arbeitet selbst dort, befindet sich aber gerade in Elternzeit. Foto: David Ebener


Die Tür geht auf. Ein Lied von Reinhard Mey erklingt. Herein kommt Jessica Villar mit einem Kinderwagen. Die Schüler lächeln verzückt, als Jessica Villar die kleine Mila auf den Arm nimmt und ihr das Jäckchen auszieht. Für die Viertklässler ist die Mutter keine Unbekannte – sie arbeitet selbst als Erzieherin an der Montessori-Schule, befindet sich jedoch derzeit in Elternzeit.

Will die Mama das Baby ärgern?

Jessica Villar legt Mila auf die Krabbeldecke, zieht ihr die Söckchen aus und küsst ihre Füße. Das Baby gluckst vor Vergnügen. "Was macht die Mama?", fragt Martina Schlüter, und sie wird diese Frage in den nächsten Minuten noch häufig stellen. Auf der Tafel hängen zwei Bilder: eine Sonne und eine Regenwolke. Die einzige Aufgabe, die die Viertklässler in dieser Unterrichtseinheit zu erfüllen haben: das Baby zu beobachten, seine Gefühle zu beschreiben und einzuordnen – je nach Wetterlage. 

Anfangs hätten die Schüler auf die Frage "Wie geht es dir?" nur zwei Antworten gekannt: gut oder schlecht. Doch mittlerweile kennen sie gewisse Abstufungen, können unterscheiden zwischen fröhlich, erstaunt, zufrieden oder traurig. Und sie haben gelernt, dass ein Baby, das schreit oder weint, nicht immer Hunger haben kann. Dass es vielleicht eine volle Windel hat, ihm heiß oder kalt ist oder es müde ist. "Die Schüler sollen lernen, Handlungen nicht sofort zu bewerten", sagt Martina Schlüter. Und was für Baby Mila gilt, soll schließlich auch für ihre Mitschüler gelten.

Mila spiegelt das Verhalten ihrer Mutter – wenn Jessica Villar lustige Geräusche macht, brabbelt sie munter mit. Foto: David Ebener


Auf dem Pausenhof gehe es auch schon einmal ruppig zu. Schüler hauen sich, beschimpfen sich, beschweren sich über das Verhalten des anderen. Durch das "Babywatching" sollen die Kinder lernen, sich in ihre Mitschüler hineinzuversetzen und so feinfühliger und verständnisvoller zu werden. Und so ganz nebenbei erleben die Schüler noch, wie sich ein Baby entwickelt, wie es heranwächst und neue Dinge lernt. 

Jessica Villar macht lustige Geräusche und streckt Mila die Zunge raus. "Was macht denn die Mama da, will sie das Baby ärgern?", fragt Martina Schlüter und wird sofort von den Schülern beruhigt: nicht doch, alles nur Spiel, alles nur Spaß. 

Am liebsten würden alle Schüler Mila einmal in den Arm nehmen,doch hier gibt es eine klare Regel: nur gucken, nicht anfassen. Eine letzte Lehre in Sachen Empathie: "Wie fändet ihr es denn, wenn euch alle anfassen würden?", fragt Martina Schlüter. 

Im Grunde ist Mila gar kein gutes Baby für das "Babywatching" – die Kleine ist einfach viel zu fröhlich. Die Bilder mit erstaunten, lachenden und friedlichen Gesichtern, die die Klassenlehrerin auf die Sonnenseite der Tafel gepinnt hat, überwiegen deutlich vor der Regenwolkenseite. Nur ein Mal hat Mila in den vergangenen Monaten geweint: Gerade als die Schüler bemerkten, dass das Baby die Mutter ja gar nicht bräuchte, entfernte die sich für einen Moment in Richtung Kinderwagen. Sobald Mila den Verlust bemerkte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Das eben noch entspannte Gesichtchen verkrampfte sich, die Fäustchen wurden geballt, das Baby weinte. Schnell tauchte die Mutter wieder im Blickfeld ihres Kindes auf und tröstete die Kleine. 

Foto: David Ebener

Am Ende der Unterrichtseinheit gibt es noch einmal Musik, Rolf Zuckowski singt über das Großwerden und Jessica Villar zieht wieder ihre Schuhe an und legt Mila zurück in den Kinderwagen. Zum Abschied gibt es noch Geschenke und selbst gemalte Bilder für die Mutter und das Baby, und nachdem die Schüler in dieser Stunde so viele Fragen beantworten mussten, haben sie nun selbst noch eine an Mutter und Kind: "Wann kommt ihr wieder?"


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