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„Wir kannten jeden Blindgänger“ Bombenräumung: Auch Walter Neuber muss am Sonntag seine Wohnung räumen

Das war die Hecke, in der Walter Neuber landete, als der Luftdruck einer Spätzünderbombe nach dem Angriff vom 6. Dezember 1944 ihn von den Beinen riss. Foto: Joachim DierksDas war die Hecke, in der Walter Neuber landete, als der Luftdruck einer Spätzünderbombe nach dem Angriff vom 6. Dezember 1944 ihn von den Beinen riss. Foto: Joachim Dierks

Osnabrück. Walter Neuber wohnt in den Heidekämpen 26 auf dem Sonnenhügel. Wie 14999 weitere Osnabrücker muss er wegen der Bombenräumung am kommenden Sonntag sein Haus verlassen. Er wird das ohne Murren tun. „Diesmal ist es keine Milchkanne“, lautet seine Prophezeiung.

Zwar würden die genauen Verdachtspunkte vorher nicht bekannt gegeben. „Aber wenn es stimmt, was so erzählt wird, dass man nämlich zwischen Bodelschwinghstraße und Vehrter Landstraße graben wird, dann halte ich es gut für möglich, dass da was liegt“, meint Neuber. Denn am Nikolaustag 1944, als der 50. von insgesamt 79 Luftangriffen Osnabrück heimsuchte und die Stadtteile Haste und Sonnenhügel so schwer wie bei keinem anderen Angriff getroffen wurden, hätten die Wiesen dort unter Wasser gestanden, und man habe Blindgänger-Trichter nicht sehen können.

„Sonst kannten wir Jungs hier auf unserem Hügel jeden Blindgänger“, behauptet Neuber. „Dass da am Nachtigallenweg nichts Gefährliches mehr im Boden steckt, wo vor sechs Wochen evakuiert werden sollte, das hätte ich dem Krisenstab wohl vorher sagen können“, versichert der 77-jährige Rentner selbstbewusst. Die für den 10. Oktober geplante Groß-Evakuierung war wenige Tage vorher abgesagt worden, weil sich die mutmaßlichen Blindgänger bei Voruntersuchungen als harmlose Milchkannen und anderer Schrott entpuppt hatten.

Neuber war zu jung, um noch an die Front geschickt zu werden, aber alt genug, um den Bombenkrieg vom ersten bis zum letzten Angriff auf Osnabrück bewusst miterlebt zu haben. Als die ersten Bomben am 23. Juni 1940 auf Osnabrück fielen, war er sieben Jahre alt, den letzten Angriff Palmsonntag 1945 erlebte er als Zwölfjähriger. „Wir waren so ungefähr 20 Jungs im gleichen Alter, und wir kannten hier fast jeden Quadratmeter. Das war wie ein riesiger Abenteuerspielplatz.“ Eine Schule nach der anderen wurde ausgebombt, ab Mitte 1944 habe es keinen geregelten Unterricht mehr gegeben. Zwischen den Alarmen hätten sie Zeit genug gehabt, sich neue Schäden anzusehen, aber auch beim Dachreparieren zu helfen.

Die Väter waren an der Front, die dadurch alleinerziehenden Mütter hatten genug damit zu tun, das tägliche Überleben zu organisieren. Das ließ den Kindern oft große Freiräume in ihren Unternehmungen. „Wir sammelten die Stabbrandbomben ein. Eigentlich sollten wir sie bei den Flak-Soldaten abgeben. Aber wir behielten immer ein paar zurück und machten dann unser eigenes Feuerwerk. Im Sommer badeten wir in den Bombentrichtern, wenn sie voll Wasser gelaufen waren, das war herrlich“, erinnert sich Neuber. Beim Aufschlag detonierende Bomben hinterließen große Krater von fünf, sechs Meter Durchmesser, Blindgänger jedoch nur kleine Einschlagstellen von 50 bis 80 Zentimetern. „Diese Stellen waren bekannt. Die Schupos kamen am nächsten Tag, sperrten das Loch ab und stellten ein Schild auf: ‚Achtung Blindgänger‘. Davor hatten wir Respekt.“ Nach einiger Zeit sei dann das Bombenräumkommando angerückt. „Zum Ausgraben und Entschärfen wurden KZ-Gefangene eingesetzt. Man sagte uns, das seien alles Schwerverbrecher, die auf diese Weise eine Bewährungschance bekämen. Wir haben das geglaubt“, erzählt Neuber.

Wie es ist, wenn ein Blindgänger oder Spätzünder in 50 Meter Entfernung explodiert, hat er selbst erlebt. Mit Mutter und Geschwistern saß er beim Nikolausangriff 1944 im Luftschutzstollen unter dem Falkenweg. Der Angriff dauerte von 19.33 Uhr bis 20.08 Uhr. „Als wir keine Motorengeräusche und keine Flak mehr hörten, wollten wir raus. Aber es gab keine Entwarnung. Ein schwer verletzter Soldat von der Flakstellung Sonnenhügel, die einen Volltreffer abbekommen hatte, berichtete uns, dass weitere Bomber-Verbände aus östlicher Richtung im Anflug seien, wohl Rückflüge aus Berlin oder Leipzig. Entwarnung kam erst gegen 11.“ Alle hätten dann schnell nach Hause gewollt. Er habe sich allein noch etwas umgesehen. Auf dem Heckenweg vom Bunkereingang bis zu seiner Straße Heidekämpen sei plötzlich eine Zeitzünderbombe hochgegangen.

Der Luftdruck schleuderte ihn zehn Meter weiter in eine Hecke. Er landete relativ weich und blieb dadurch unverletzt.


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