Wahrnehmung auf neuem Level Morgenland Festival: „Epen und Schamanismus“

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Melodien der Schamanen stellten Ulzhan Baibussynova (links) und Raushan Orozbaeva vor. Foto: Jörn MartensMelodien der Schamanen stellten Ulzhan Baibussynova (links) und Raushan Orozbaeva vor. Foto: Jörn Martens

Osnabrück Jahrtausendealte kasachische Traditionen durften die Besucher des Morgenland Festivals in der Lagerhalle kennen lernen. Ulzhan Baibussynova und Raushan Orozbaeva stellten die Epen und Melodien der Schamanen in Kasachstan vor.

Ulzhan Baibussynova sitzt auf der Bühne der Lagerhalle und singt zur Dombra. Welch ein Unterschied zu dem Gesangsstil von Gaukhar Abdrakhim, die mit dem kasachischen Ensemble Khazar zur Eröffnung des Morgenland Festivals in der Marienkirche aufgetreten war. Während Abdrakhim mit kräftiger Stimme heiter-schwungvolle Melodien intonierte, hört sich die Stimme der Baibussynova für jemanden, der des Kasachischen nicht mächtig ist, wie ein einziger gesungener Imperativ an. Tatsächlich haben die Lieder, die seit 1000 Jahren von Generation zu Generation weitergegeben werden, erzieherischen Charakter. Sie erklären, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hat.

„Wir haben für heute Abend nur kurze Stücke ausgesucht. Es gibt auch Epen, die mehrere Stunden dauern“, erklärt Baibussynova und man stellt sich vor, wie ein traditioneller Epen-Sänger in der Steppe von Zentral-Kasachstan drei Stunden lang mit strenger Stimme monotone, fast minimalistisch wiederholte Tonfolgen darüber singt, welche Rolle eine frisch verheiratete Frau in Dorf und Haushalt zu übernehmen hat. Dabei begleitet sich die kasachische Musikerin mit der Dombra, der zweisaitigen Langhalslaute, der sie eine erstaunliche Klangvielfalt entlockt.

„Epen und Schamanismus“ lautet das Motto des Abends im Rahmen des Morgenland Festivals, das sich in diesem Jahr den Länderschwerpunkt Kasachstan gesetzt hat. Für den Schamanismus ist Raushan Orozbaeva zuständig. Sie spielt die Kobys, eine mit dem Bogen gestrichene Schalenhalslaute, die schon von den alten, magischen Sagenerzählern gespielt wurde. „In der Sowjetzeit war das Kobys-Spielen verboten, weil die Kommunisten die schamanische Tradition als Aberglauben ablehnten“, erklärt Orozbaeva, die einer berühmten Instrumentenbauerfamilie entstammt. Nach der Unabhängigkeit Kasachstans von der Sowjetunion nahm sie das Kobys-Spielen wieder auf, modernisierte es, gab ihm eigene Impulse. So lauscht das Publikum in der Lagerhalle den feinen Melodien, die sie auf den zwei Pferdehaarsaiten entwirft und den Geräuschen, die sie mit Holzapplikationen an ihrem Instrument generiert, wenn Pferdegetrappel die Stücke illustrieren sollen. Und dann lässt Orozbaeva die Finger und den Bogen über die Saiten schaben, bis es sich wie Schwanengesang anhört. Denn der Schamanen benutzte die Kobys stets auch, um damit Tierstimmen zu imitieren.

Im Duett mit Baibussynovas übernimmt Orozbaeva die Aufgabe, eine Art Bordun-Begleitung zu spielen, aber sie übernimmt auch die Melodien der Dombra, um sie zu variieren. Im Oberbegriff werden die Stücke als „Zustand“ bezeichnet. So lässt sich erklären, dass die beiden Musikerinnen als Zugabe ein Stück wiederholen, das sie bereits gespielt haben. Allerdings hört es sich ganz anders an, weil sich sein „Zustand“ verändert hat. Da wird die Wahrnehmung auch des westlichen Zuhörers auf ein neues Level gehoben.


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