Interview zum Zeugnistelefon Osnabrücker Psychologin berät Schüler bei Sorgen und Ängsten

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Nicht alle Schüler freuen sich auf ihr Zeugnis. Bei schlechten Noten fürchten sich manche davor, ihren Eltern das Zeugnis zu zeigen. Foto: dpaNicht alle Schüler freuen sich auf ihr Zeugnis. Bei schlechten Noten fürchten sich manche davor, ihren Eltern das Zeugnis zu zeigen. Foto: dpa

Osnabrück. Die Zeugnisvergabe am 27. Juni ist sicherlich nicht für alle ein Grund zur Freude. Leistungsdruck und schlechte Noten bereiten Eltern und Schülern oft Kopfzerbrechen. Das Zeugnistelefon kann Abhilfe schaffen. Dort beantworten Schulpsychologen Fragen rund um die Themen Noten, Versetzung und Förderung. Susanne Frankenberg, Leiterin der psychologischen Schulberatung in Osnabrück, klärt im Interview über das Beratungsangebot auf.

Frau Frankenberg, Sie waren 19 Jahre als Schulpsychologin an Schulen im Einsatz. Inzwischen sind Sie Leiterin vom Dezernat fünf, der Abteilung der Niedersächsischen Landesschulbehörde, die sich mit der schulpsychologischen Beratung befasst. Wie kann man sich ihren Aufgabenbereich vorstellen?

Die Aufgabe der Schulpsychologen ist die Beratung und Unterstützung von Lehrkräften, Eltern und Schülern bei schulischen Fragen. Die meisten Anfragen drehen sich ums Lernen und das Verhalten der Schüler. Vor allem Eltern und Lehrer haben immer die Möglichkeit, sich an uns zu wenden, wenn sie sich Sorgen um Schüler machen. Wir bieten Beratungsgespräche für die verschiedensten Bereiche an. Wir haben zudem den Auftrag Lehrkräfte fortzubilden. Aktuell informieren sich viele Lehrer verstärkt bei uns darüber, wie sie mit Verhaltensauffälligkeiten von Schülern umgehen sollen. Wir bilden aber auch Beratungslehrer aus, die an den Schulen Schüler, Eltern und Lehrer beraten.

Außerdem bieten wir den Bereich Diagnostik an. Es gibt durchaus Fälle von kranken Kindern, bei denen die Lehrer nicht wissen, wie sie damit umgehen können. Es gab zum Beispiel ein Mädchen, das sich immer die Haare ausgerissen hat und gar nicht mehr mitgelernt hat. Das war ein Anlass die Schulpsychologie einzubeziehen. Wir fanden heraus, dass die Schülerin depressiv ist, und konnten sie durch Gespräche mit den Eltern und Lehrern einer passenden Behandlung zuführen.

Wir gehen auch in den Unterricht, wenn das gewünscht ist, um die Schüler kennenzulernen. Das Ziel ist es immer, ein passgenaues Angebot mit allen Beteiligten abzusprechen. Es hat ja keinen Sinn ein Beratungsangebot nur mit den Schülern zu besprechen, und Lehrer und Eltern außen vor zu lassen. Die sitzen alle in einem Boot.

Das letzte große Standbein ist unsere Krisen- und Notfallpsychologie. Dazu gehört unser Einsatz bei schweren Unfällen, Todesfällen oder Suizid. In solchen Situation stehen wir mit unserem Team zur Verfügung und bieten den Schulen Beratung und Unterstützung an. Die Kollegen fahren an die Schulen, klären den Bedarf und helfen den Betroffenen dabei, wieder in den Schulalltag zurückzufinden.

Ist denn der Bedarf an Psychologen für Schüler aus Ihrer Sicht in den vergangenen Jahren gestiegen?

Der Bedarf war schon immer groß. Ich würde aber sagen, dass sich bei uns hauptsächlich Eltern und Lehrkräfte melden. Die Schüler selbst kommen dann über die Unterstützungsangebote, die wir vermitteln, zu uns.

Wie ist denn die Situation nach der Zeugnisvergabe beim Zeugnistelefon? Melden sich tendenziell mehr Eltern oder eher die Schüler?

Da melden sich meistens die besorgten Eltern, gelegentlich auch die Großeltern oder nahe Verwandte.

Mit welchen Sorgen und Ängsten wenden sich die Menschen an Sie?

Hier rufen natürlich keine Eltern an, deren Kinder ein tadelloses Zeugnis bekommen haben. Bei unseren Anrufen liegt wirklich was im Argen. Viele machen sich Sorgen, wenn ihr Kind sitzen bleibt: Wie sollen wir damit umgehen, wenn mein Kind die Klasse wiederholt? Viele Anrufer wollen wissen, welche Unterstützung sie dabei von uns erhalten können. Fragen zum Schulwechsel gibt es ebenfalls, wenn zum Beispiel ein Kind vom Gymnasium zur Realschule wechseln muss.

Es gibt auch Fragen zu dem Thema Nachprüfungen und wie mangelhafte Noten ausgeglichen werden können. Viele wollen wissen wie sie mit Noten umgehen sollen, die sie nicht nachvollziehen können oder als ungerecht empfinden. Es treten Fälle auf, dass Kinder unter ihren Möglichkeiten arbeiten: Mein Kind ist hochbegabt, aber das Zeugnis ist trotzdem so schlecht ausgefallen. Wir haben Eltern von depressiven Kindern, die sich melden. Da leidet oft die gesamte Familie unter den schulischen Leistungen. Wir werden immer wieder gefragt, was getan werden kann, wenn ein Schüler den Unterricht zu oft unentschuldigt ferngeblieben ist. Drogenproblematiken kommen genauso auf den Tisch. Jeder kann uns schließlich ganz anonym sein Leid klagen. Andersherum können Probleme ja durchaus nicht am Schüler, sondern am Lehrer liegen. Da werden wir als Vermittler tätig.

Wie gehen Sie mit den Anliegen der Eltern um?

Zuhören und Ernstnehmen sind definitiv die wichtigsten Bausteine. Und da gibt es auch keine großen oder kleinen Fragen, jede Frage ist gleichwichtig und wir nehmen jede ernst. Dahinter stecken schließlich echte Sorgen, mit denen man sich speziell am Tag der Zeugnisvergabe über das Zeugnistelefon an uns wenden kann. Das besetzen wir landesweit zentral am Tag der Ausgabe mit Schulpsychologen von acht bis 17 Uhr. Es gibt natürlich immer mal wieder Anliegen, die wir am Telefon nicht direkt klären können: Probleme, die unmittelbar in der Schule bearbeitet werden müssen, oder mit denen sich eventuell ein Jurist beschäftigen muss. Wir haben zahlreiche Adresse vorliegen und können die Anrufer ganz gezielt an den richtigen Ansprechpartner in der Landesschulbehörde weiterleiten.

Sie sprachen bisher hauptsächlich von den Eltern. Melden sich denn auch Schüler bei Ihnen? Ich könnte mir vorstellen, dass Sie teilweise eher von schlechten Noten erfahren als mancher Elternteil, aus Angst der Kinder vor Strafe.

Schüler rufen natürlich auch hier an, wenn sie sich nicht trauen, ihren Eltern ihr Zeugnis zu zeigen. In der Regel kann das aber eigentlich nicht sein, weil die Eltern über den Leistungsstand des Kindes informiert sind: Es gibt die Halbjahreszeugnisse und es gibt die regelmäßigen Elterngespräche, die von den Klassenlehrern geführt werden. Wenn Leistungen sich soweit verschlechtern, dass die Versetzung gefährdet ist, teilt die Schule das den Eltern mit. Trotzdem gibt es Schüler, die Sorge haben, mit einem schlechten Zeugnis nach Hause zu gehen. Die melden sich dann beim Zeugnistelefon und suchen nach Rat – aus Angst vor Strafe und aus Furcht die Eltern zu enttäuschen.

Wie gehen Sie dann mit solchen Anrufen um? Was raten sie den Schülern in solchen Situationen?

Das ist natürlich von Fall zu Fall unterschiedlich. Viele Schüler brauchen als erstes jemanden, dem sie alles erklären können, ohne dass ihre Leistung bewertet wird, und der auf ihrer Seite ist. Dann überlegen wir gemeinsam, wie man es den Eltern sagen kann. Manchmal gibt es Verwandte oder Freunde, die mitkommen und die Kinder unterstützen, damit sie einen Rückhalt in der unmittelbaren Umgebung haben.

Warum finden Sie diese Art von Arbeit so wichtig?

Eine passgenaue Lösung: Schüler, Lehrer und Eltern können sich am Tag der Zeugnisvergabe mit Sorgen und Fragen an das Zeugnistelefon wenden. Psychologin Susanne Frankenberg vermittelt mit einem bundesweiten Team Hilfsangebote. Foto: Elvira Parton

Es ist für mich einfach sehr sinnvoll, diese Arbeit zu leisten. Die Schule ist für die Menschen da. Wir versuchen durch Zuhören die Anliegen der Eltern, Schüler und Lehrer zu erfassen und mit ihnen gemeinsam Probleme zu lösen. Das ist etwas sehr Konstruktives. Und dieses menschliche Zusammenarbeiten ist neben allen wichtigen Dingen in der Schule, wie zum Beispiel Bildung zu vermitteln, wirklich wichtig. Davon abgesehen ist unsere Aufgabe sehr herausfordernd. Wir suchen immer nach einer passgenauen Lösung. Eine Lösung, die für den einen funktioniert, gilt nie exakt so für jemand anderen. Das finde ich sehr spannend. Unser Vorteil ist, dass wir nicht zu nah dran sind. Das Problem kennt man ja: Wenn man zu stark involviert ist, erkennt man viele Lösungen gar nicht. Wir können von außen den Blick darauf werfen, eine Zeit lang helfen aber dann auch wieder gehen. Wir bieten damit ein Stück weit Hilfe zur Selbsthilfe an.


Das Zeugnistelefon

Das Zeugnistelefon Niedersachsen steht am Tag der Zeugnisvergabe am Mittwoch, 27. Juni, zwischen acht und 17 Uhr zur Verfügung. Die Schulpsychologen beantworten Schülern, Eltern und Angehörigen Fragen rund um die Themen Noten, Versetzung und Förderung. Erreichbar ist das Zeugnistelefon unter der Telefonnummer 04261/840630. Anfragen können ebenfalls per E-Mail an zeugnistelefon@nlschb.niedersachsen.de gestellt werden. Weitere Informationen gibt es unter www.landesschulbehoerde-niedersachsen.de.

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