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Im westlichen Niedersachsen liegt das größte deutsche Ölfeld – Erst ein Drittel der Vorkommen gefördert? Das Flüstern der Pferdenicker

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Langjährige Kollegen: Siemens-Stützpunktleiter Walter Hunsche (links) und ExxonMobil-Schichtführer Heinz Josef Vogelsang auf dem Ölfeld Rühlermoor. Foto: Constantin BinderLangjährige Kollegen: Siemens-Stützpunktleiter Walter Hunsche (links) und ExxonMobil-Schichtführer Heinz Josef Vogelsang auf dem Ölfeld Rühlermoor. Foto: Constantin Binder

Meppen/Osnabrück. Gemächlich heben und senken sich die Ölpumpen im Rühlermoor bei Meppen. Im Abstand von 200 Metern verrichten sie ihre monotone Arbeit, aufgereiht auf kilometerlangen Dämmen, den sogenannten Pütten. Links und rechts davon: Torffelder und Wassergräben. Sonst nichts. Außer vereinzelten Vogelstimmen und dem Surren elektrischer Leitungen herrscht Stille im Moor.

Erst aus der Luft lässt sich erahnen, was hier im emsländischen Nichts, westlich der Autobahn 31, tatsächlich geschieht. Über 40 Quadratkilometer erstrecken sich die Ölförderanlagen im Rühlermoor. 130 solcher Pferdekopf-Pumpen, von den Betreibern „Pferdenicker“ genannt, fördern hier durchschnittlich 750 Tonnen Öl pro Tag. Unter der Erde schlummert das größte bekannte Erdölvorkommen des deutschen Festlandes. Nur unter der Nordsee lagert mehr Öl.

1942 entdeckten die Emsländer das erste Öl im nahe gelegenen Dalum, seit 1950 wird im Rühlermoor gefördert. Die Vorkommen in Dalum sind inzwischen erschöpft, oder anders: Sie sind so weit verteilt, dass die Förderung unter heutigen Gesichtspunkten nicht wirtschaftlich ist. Im Rühlermoor hingegen lohnt sich der Abbau: „Obwohl hier seit 60 Jahren Öl gefördert wird, haben wir vermutlich erst 30 Prozent der Vorkommen zutage gebracht“, sagt Thomas Neunhoeffer, der bei Exxon-Mobil für die Ölförderung in Deutschland zuständig ist. Neunhoeffer hat sein Büro neben Öltanks und Verteilerstationen, dort, wo die Autos immer rückwärts eingeparkt werden müssen, damit sie bei einem Unfall schneller weggefahren werden können.

ExxonMobil ist Betreiber der Produktionsstätte Rühlermoor – unter Beteiligung des französischen Konzerns Gaz de France (GDF SUEZ E&P). Solche Partnerschaften finden sich überall in der Branche, sogar große Wettbewerber betreiben ihre Förderstätten meistens gemeinsam – so soll das Risiko auf möglichst viele Schultern verteilt werden. Denn wenn Geologen eine mögliche Ölquelle ausgemacht haben, kann nur eine Probebohrung Gewissheit bringen – Kostenpunkt: 15 bis 25 Millionen Euro. „Findet sich dann doch kein Öl oder sind die Vorkommen nicht ergiebig genug, war das Ganze eine Fehlinvestition“, sagt Neunhoeffer.

Blick durch das Gestein

Das ist der Grund, warum den Geologen eine große Bedeutung zukommt. Sie müssen gewissermaßen die Erde durchschauen, von oben erkennen, was unten lagert. Dazu bedienen sie sich der Seismik, einem Verfahren, bei dem Schallwellen in den Boden geschickt werden und anhand des Echos Rückschlüsse auf die Beschaffenheit des Erdreichs gezogen werden. Das Öl selbst können sie auf diese Weise natürlich nicht sehen – wohl aber die Gesteinsschichten, in die es, vermengt mit Gas und Wasser, in teilweise winzig kleinen Poren eingeschlossen ist.

Um es dort herauszubekommen, leiten die Ingenieure durch eines der Bohrlöcher heißen Wasserdampf ins Gestein. Der presst das Öl-Wasser-Gas-Gemisch aus den Poren, sodass es an den anderen Bohrlöchern abgepumpt werden kann. Im Rühlermoor ist der Gasanteil verschwindend gering, dafür liegt der Wasseranteil bei 95 Prozent. Nachdem die Elemente getrennt wurden, wird das Wasser zurück in die Erde geleitet, wo es sich wieder in den kleinen Poren verteilt.

Das gleiche Verfahren wird auch bei der Förderung von Erdgas angewandt. Das allerdings lagert weit tiefer als Erdöl: Um an das Öl im Rühlermoor zu gelangen, reichen Bohrungen in 300 bis 2000 Meter Tiefe. Erdgas hingegen findet sich erst 2000 bis 6000 Meter unter der Erde.

Anders als in den Anfangstagen ist die Ölförderung heutzutage hochtechnologisiert und größtenteils computergesteuert. Die dafür erforderliche Elektro-, Mess-, Steuer- und Regelungstechnik entwickelt, liefert und betreut – nicht nur im Rühlermoor – die Firma Siemens. Die hat das Gas- und Ölgeschäft längst als Zukunftsmarkt ausgemacht: „Wir gehen davon aus, dass sich die weltweite Energienachfrage bis 2050 nahezu verdoppeln wird“, sagt Stefan Engelshove, Leiter der Osnabrücker Siemens-Niederlassung. Er rechne deshalb vor allem auf dem Ölmarkt mit einer steigenden Nachfrage und lukrativen Aufträgen – und das weltweit.

Engelshove ist von Osnabrück aus bei Siemens verantwortlich für die deutschen Aktivitäten der Division Öl und Gas. Mit seinem Team entwickelt er laufend neue Technologien. Im Rühlermoor etwa hat Siemens zuletzt die Prozessleittechnik optimiert: Sendet eine Messsonde eine Fehlermeldung in die Leitzentrale, so werden am dortigen Computer automatisch alle dazugehörigen Dokumente angezeigt. Die Mitarbeiter haben Handbücher oder Lagepläne so unmittelbar zur Hand und können schneller auf Störungen reagieren. Derartiges Fachwissen ist in der Branche gefragt: Neben ExxonMobil gehören fast alle namhaften deutschen Öl-, Gas- und Energiekonzerne sowie mehrere Stadtwerke zu den Kunden der Firma Siemens.

An der Unverzichtbarkeit fossiler Energieträger im Energiemix der näheren Zukunft haben weder Neunhoeffer noch Engelshove Zweifel: „Auf der einen Seite steigt die Nachfrage, auf der anderen Seite sinken die Reserven. Das heißt, dass künftig auch sehr entlegene Öl- und Gasfelder erschlossen werden müssen, zum Beispiel am Polarkreis oder in großen Meerestiefen,“ sagt Engelshove. Doch er ist überzeugt: Mit immer ausgereifterer Technik werden sich die Suche und Förderung von Gas und Öl künftig auch bei immer kleineren Vorkommen lohnen.

Um das möglich zu machen, hat seine Abteilung unlängst eine mobile Förderstation entwickelt. Die ist so groß wie ein herkömmlicher Frachtcontainer und kann bei Bedarf schnell und kostengünstig an einen anderen Standort verlegt werden. Wenn eines Tages die Vorkommen im Emsland erschöpft sind, sollen die Pferdenicker anderswo flüstern.


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