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Geschäfte mit Plunder Ein Besuch in „Uwes Trödelladen“ an der Bremer Straße ist wie eine Reise in die Vergangenheit

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Osnabrück. Wer Altes loswerden will, verkauft es im Internet. Wer es klassischer mag, geht zum Flohmarkt. Es gibt aber noch weitere Varianten. Zum Beispiel: andere verhandeln lassen.

Die Reise in die Vergangenheit beginnt mit Gebimmel. Die Eingangstür unter dem Schild „Uwes Laden – Wir handeln!“ schlägt beim Öffnen und Schließen ein Glockenspiel an.Daran hängt ein hölzerner Schneemann. Auf seinem Rücken klebt ein rotes Preisschild.

Drinnen steht Petra Ellermann hinter einem Tresen, auf dem sich Körbe voller Besteck mit Holzgriffen stapeln, neben Essstäbchen und einem Adventskalender mit Überraschungseiern. Hinter Ellermann an der Wand hängt ein ausgestopfter Marder, darunter steht eine Kaffeemaschine zwischen Reihen von DVDs. Ellermanns Mann, der Uwe, der dem Laden seinen Namen gab, ist nicht zu sehen. Nur zu hören. Irgendwo in einer Ecke schiebt er Elektrogeräte hin und her.

Seit neun Jahren betreibt das Ehepaar Ellermann den Laden, zunächst an der Schützenstraße, seit zwei Jahren am heutigen Standort an der Bremer Straße. Ihr Geschäft ist das, was andere loswerden wollen – und das ist laut Uwe Ellermann: alles.

In den meisten Fällen ist es ein in die Jahre gekommenes Alles. Ein Streifzug durch die Gänge der 400 Quadratmeter großen Verkaufsfläche ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Aus einem Pappkarton ragen die gekrümmten Handgriffe Dutzender Gehstöcke. An manchen Stellen ist das Holz dunkel geworden, wo die Hand des früheren Besitzers auf den Wanderungen gelegen hat.

Ein Tornister mit abgestoßenen Ecken steht da und erinnert an die erste eigene Schulhofrangelei, die auf dem Hosenboden endete mit Tränen in den Augen und dem widersinnigen Stolz, jetzt zu den Großen zu gehören.

Es gibt Kisten und Regale voller Bücher, die so eng stehen, dass sie sich kaum herausziehen lassen. Ein Roman von Arthur Hailey steht dort neben einem von Rosamunde Pilcher. Ihr Alter lässt sich am Vergilbungsgrad der Seiten ablesen. Dahinter, in einer Ecke, steht eine Reihe von Karl-May-Büchern. In ihren grün-rot-goldenen Rücken schlummert stumm die Frage: Wie lange liegt sie nun zurück, die erste atemlose Lesereise durch das wilde Kurdistan?

Die Geschäftsidee kam den Ellermanns Anfang der 2000er-Jahre. Damals verkauften sie beim Online-Auktionshaus E-Bay einige Dinge, die sie nicht mehr brauchten. Es funktionierte. Die beiden verkauften mehr, und es funktionierte immer besser. „Dann haben wir gesagt: Wir nehmen Waren an.“ Die verkauften sie immer weniger über E-Bay und immer mehr in den Verkaufsräumen, die sie anmieteten. Ein Mitmach-Laden als Alternative zum Mitmach-Netz. Fast 2100 Menschen sind im Lauf der Jahre zu Kunden geworden.

Uwe Ellermann ist mit den Elektrogeräten fertig und erzählt, dass zwischen den Gebrauchtwaren einige Neuposten stünden, so wie DVDs, Zeitschriften und Brausepulver. Hinter ihm in der Deko-Ecke scheinen Schnee- und Weihnachtsmänner aus Holz und Stoff beifällig zu grinsen. Es bimmelt. Eine Frau kommt herein, tritt an Ellermann heran und fragt leise etwas. „Noch nicht“, sagt er, worauf sie antwortet: „Okay. Tschüss.“ Es bimmelt noch einmal. Ellermann spricht weiter.

Es gibt keine begrenzte Lagerzeit in Uwes Laden. Das produziert Stammkunden. Denn das Geschäftskonzept sieht vor, dass Ellermanns die Ware für den Kunden verkaufen und dafür 25 Prozent vom Erlös behalten. Solange die Ware nicht verkauft ist, gibt es kein Geld. Ladenhüter bringen keinen Gewinn, dafür Anrufe, Nachfragen, Stammkunden.

Eine Frau trägt Gardinen herein. 2,40 Meter lang und aus schönem Stoff, sagt die Frau. Aber so große Fenster, nein, die wolle sie nie wieder haben, und schöner würden die Gardinen im Schrank ja auch nicht. Deshalb will sie diese verkaufen. Am liebsten für 50 Euro. „Die Gardinen sind wunderschön, aber mehr als 30 – das kann ich nicht machen“, sagt Petra Ellermann. Die Frau zuckt die Achseln und willigt ein. 30 sind besser als im Schrank verrotten.

Allerdings sind die 30 Euro eher ein Richtwert. „Wir handeln!“, sagt das Ladenschild der Ellermanns. Viele Kunden kommen nur deshalb. Sie hoffen auf ein Schnäppchen. Auf gute Ware, die wenig kostet. Manche sind regelrecht darauf angewiesen. „Es gibt genügend Leute, die mir ihr Leid klagen“, sagt Petra Ellermann. Manchmal fühle sie sich wie eine Seelsorgerin. Deshalb gehe es fast schon familiär zu in Uwes Laden. Manchmal müsse sie aufpassen, dass es nicht zu eng werde. Schließlich ist der Trödel in erster Linie immer noch ein Geschäft.

Wenn auch laut Petra Ellermann kein Leichtes: „Wenn wir nicht so viel Spaß daran hätten, gäbe es das hier nicht mehr.“ Die Selbstständigkeit sei mit vielen Schwierigkeiten verbunden, sagt die gelernte Einzelhandelskauffrau. Manchmal sei es ein regelrechtes Durchboxen.

Ähnliche Worte wählt Ralf von Wittich. 2004 hat er einen Laden eröffnet. Den Auktionsshop an der Rehmstraße. Sein Geschäftsmodell war es, für seine Kunden gebrauchte Waren über E-Bay zu verkaufen. Er behielt 17 Prozent vom Erlös für sich. Es sei schwierig gewesen, sagt er über die Anfangszeit, „und als Neuer in der Selbstständigkeit wusste ich vieles nicht“. Aber die Kunden nahmen den Service an. Einige hatten keine Ahnung, wie sie ihre Ware am besten präsentierten, andere keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen, und für manche war das Internet eine fremde Welt, in die sie lieber andere vorgehen ließen.

Auf diese Pionierposition habe er damals gehofft, erzählt von Wittich. „E-Bay rückte damals ins öffentliche Bewusstsein, und ich hatte deshalb die Hoffnung, dass mein Geschäftsmodell aufging.“

Das tat es. Leidlich – und auch nur, bis E-Bay sich wandelte. „Es verschob sich vom reinen Auktionshaus zum Marktplatz“, sagt von Wittich. Dann seien die Gebührenmodelle unübersichtlicher geworden und für kommerzielle Anbieter weniger lukrativ. Mehr Menschen stellten ihre Gegenstände selbst auf der Plattform ein. Zweieinhalb Jahre, nachdem von Wittich den Shop eröffnet hatte, zeichnete sich dessen Ende bereits ab. Irgendwann gab er ihn auf.

Inzwischen arbeitet der Bauingenieur als Verkehrsplaner. Im Internet existiert sein Shop auf www.das-os.de weiter. „Das ist eine nette Zusatzgeschichte, aber als alleiniges Geschäft trägt es sich nicht.“

Heute gingen die Leute wieder auf den Flohmarkt – oder eben in Trödelläden, sagt von Wittich. Das sei oft günstiger als Portale im Internet. „Denn der Komfort der großen Auswahl und des Versands kostet eben.“

Direkter ist es sowieso. Der Kunde sieht, was er bekommt. Nicht nur ein Foto. Er kann die Ware in die Hand nehmen, an ihr riechen, sie ausprobieren. Er kann den Verkäufern auch seine Lebensgeschichte erzählen, wenn er möchte, und an vergangene Zeiten denken. Vor allem aber kann er eines: handeln. So wie das bei Petra und Uwe Ellermann an der Bremer Straße der Fall ist.


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